Berlin - Das ist der gewöhnliche Antisemitismus in Berlin: Ein Mann wird bespuckt und als „Yahudi“ (arabisch für Jude) beschimpft, weil er eine Kippa trägt. Ein Wandbild von Anne Frank wird beschmiert mit „Anne Frank nach Israel“. Eine jüdische Frau erhält einen Drohbrief voller Asche. Die Informationsstelle Antisemitismus (Rias) dokumentierte von Januar bis Juni mehr als 400 antisemitische Vorfälle in Berlin.

Nur die gravierendsten waren bekannt, etwa die umgeworfenen Grabsteine auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee. Wenn nicht gerade Rapper am Brandenburger Tor ihren Hass auf Israel und Juden verbreiten wollen, hält sich der öffentliche Aufschrei in Grenzen.

In Grenzen hält sich vor allem die Zivilcourage vieler Menschen, die Zeugen werden. Die in der S-Bahn wegschauen, wenn betrunkene Jugendliche Juden ins Gas wünschen – ob in Lichtenberg oder Neukölln. 

Antisemitismus existiert in Deutschland schon immer 

Oder still bleiben, wenn bei der Party – ob in Marzahn oder in Zehlendorf – von jüdischem Geld fabuliert wird, das die Geschicke der Welt lenke.

Die Steigerung der Zahlen in früheren Jahren dürfte auch an der Einwanderungswelle aus Ländern liegen, in denen Judenhass Staatspolitik ist. Laut Rias können 40 Prozent der Fälle keinem politischen Hintergrund zugeordnet werden, 30 Prozent haben einen rechten Hintergrund. Klar ist jedoch: Der Antisemitismus existiert in Deutschland schon immer. Er ist teils offen rechtsradikal oder kommt als „Israelkritik“ daher.

Er schlummert in mehr Deutschen als man denkt und kommt gelegentlich subtil zum Vorschein – und sei es nur als prolliger Judenwitz, über den verschämt gelacht oder mangels Courage betreten geschwiegen wird. Aus der Geschichte wissen wir, wohin das führen kann.