Plötzlich verprügelt: Jeden Tag mehr als zwei judenfeindliche Vorfälle in Berlin

Der Verein Rias legt seinen Bericht für die erste Jahreshälfte vor. Corona und Ukraine-Krieg befeuern Shoah-Verharmlosung und antisemitische Vernichtungsfantasien.

Hanukkah am Brandenburger Tor, Berlin 2021
Hanukkah am Brandenburger Tor, Berlin 2021IMAGO / Pacific Press Agency / Simone Kuhlmery

Charlottenburg: Eine israelische Touristin unterhält sich beim Einkaufen mit ihrem Mann auf Hebräisch. Plötzlich schlägt ihr ein Unbekannter wortlos ins Gesicht und flüchtet. Die Frau erleidet einen Nasenbruch.

Tempelhof-Schöneberg: Ein Mann, der eine Kippa trägt, wird von zwei Jugendlichen mit „Jude, Jude, dreckiger Jude!“ beschimpft.

Alt-Treptow: An der Wand auf der Rückseite eines Kinos wird die Schmiererei „Juden vergasen“ entdeckt.

Das ist nur eine winzige Auswahl der antisemitischen Vorfälle, die sich in der ersten Hälfte dieses Jahres in Berlin ereigneten. Im Schnitt waren es rund 2,5 pro Tag. Von Januar bis einschließlich Juni wurden der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) insgesamt 450 solcher Vorfälle bekannt. Das sind weniger als im ersten Halbjahr 2021, als dem Rechercheprojekt für den gleichen Zeitraum 574 antisemitische Vorfälle bekannt wurden. So steht es in dem aktuellen Bericht, den der Verein am Dienstag veröffentlichte.

Demnach waren unter den 450 Vorfällen neun körperliche Angriffe, zehn gezielte Sachbeschädigungen, zehn Bedrohungen und 417 Fälle sogenannten verletzenden Verhaltens wie Beleidigungen, Schmierereien, Beschädigungen oder antisemitische Aufkleber oder Anfeindungen gegen Organisationen. Rias erfasst nicht nur die polizeilich registrierten und strafrechtlich relevanten, sondern auch jene Vorfälle, die die Grenze der Strafbarkeit noch nicht überschritten haben.

Laut Rias-Bericht richteten sich von den insgesamt 450 Vorfällen 343 unmittelbar gegen jüdische, israelische oder als solche wahrgenommenen Personen oder Institutionen. Dem Rechercheprojekt wurden 65 Vorfälle bekannt, in denen insgesamt 97 Personen von antisemitischen Angriffen, Bedrohungen, gezielten Sachbeschädigungen oder anderen antisemitischen Anfeindungen unmittelbar betroffen waren. Das sind weniger als im ersten Halbjahr 2021, als 128 Personen von direkten Anfeindungen betroffen waren.

66 Prozent der Vorfälle passieren online

Oft ereignen sich solche Vorfälle bei zufälligen Begegnungen, etwa beim Einkaufen oder auf dem Weg nach Hause. Diejenigen, die sich antisemitisch äußerten oder handelten, nahmen dabei in vielen Fällen jüdische oder israelische Symbole oder Zeichen zum Anlass, die Betroffenen anzugreifen oder anzufeinden. „Das Wissen darüber, unvermittelt angefeindet werden zu können, wenn die eigene jüdische Identität erkennbar ist, belastet den Alltag vieler Jüdinnen und Juden“, sagt Rias-Projektleiter Benjamin Steinitz.

Der größte Anteil antisemitischer Vorfälle, die Rias dokumentierte, ereignete sich online. Die 299 Online-Vorfälle machten rund 66 Prozent aus.

Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie stieg auch die Zahl der Shoah relativierenden Vorfälle. Davon zeugen zum Beispiel Schmierereien im Pankower Bürgerpark. Dort war auf einer Parkbank zu lesen: „Damals Zyklon B heute Impfung“. Oder ein Beispiel vom S-Bahnhof Westhafen: Dort war auf einen Pfeiler „Impfen macht frei“ geschmiert. Auf einen anderen schmierte jemand einen „Judenstern“ mit der Aufschrift „Ungeimpft“.

Auch der Ukraine-Krieg förderte antisemitische Vorfälle. 23 hatten einen Ukraine-Bezug. Etwa im März, als Unbekannte in einer Chatgruppe eines Messengerdienstes mehr als 100 antisemitische und die Schoah und den Nationalsozialismus bagatellisierende Nachrichten teilten. Außerdem verbreiteten sie dort nationalsozialistische Fotos und Videos, antisemitische Karikaturen und Bilder, die Vernichtungsfantasien ausdrückten. Die Chatgruppe war für jüdische Geflüchtete aus der Ukraine und Unterstützer eingerichtet worden.

Einen Höhepunkt bei den Zahlen gab es im vergangenen Jahr. Wegen der Raketenangriffe der Hamas und Israels Gegenwehr gab es auch in Berlin propalästinensische Demonstrationen. Dabei häuften sich die antisemitischen Vorfälle.

Für den zahlenmäßigen Rückgang der Vorfälle in diesem Jahr sieht Berlins Antisemitismus-Beauftragter Samuel Salzborn vielschichtige Gründe. Sie reichen nach seinen Worten von starkem zivilgesellschaftlichen Engagement gegen Antisemitismus bis hin zu einer großen Sensibilität bei den Strafverfolgungsbehörden. „Auch dass einige Versammlungen, die sich gegen Israel richten sollten, im April und Mai 2022 verboten wurden, sollte nicht übersehen werden, da derartige Versammlungen immer wieder als Anlässe für antisemitische Vorfälle fungieren.“