Berlin - Der Raum, in dem sich revolutionäre Dinge tun, ist schlicht. Cremefarbene Wände, ein Teppich in der gleichen Farbe, ein Regal für die Schuhe. Das war’s. An diesem Tag ist er allerdings vollgestopft mit Menschen.

Bis auf den letzten Flecken sitzen und stehen Fotografen, Kamerateams und andere Gäste um etwa 20 Gläubige herum, die an diesem Tag zum ersten Freitagsgebet in die liberale Moschee in Moabit gekommen sind. „Hat jemand die App?“, ruft Seyran Ates und rennt durch die Menge auf der Suche nach der korrekten Gebetszeit. Die Teppiche müssen noch rasch Richtung Mekka ausgerichtet werden. Dann kann es losgehen.

Es ist ein aufregender Tag. Seyran Ates, Berliner Anwältin, Feministin, sunnitische Muslimin und demnächst auch Imamin hat acht Jahre auf diesen Tag hingearbeitet. Seit Freitag gibt es sie nun, die Ibn Rushd-Goethe-Moschee, eine liberale Moschee mit diesem Namen, in der Frauen und Männer gemeinsam beten und das Gebet von einer Imamin und einem Imam gemeinsam geleitet wird.

Rund 200 Menschen bei der Eröffnung

Wir haben das Jahr 2017, aber dieses bisschen an Gleichberechtigung muss in den knapp hundert Berliner Moscheen erst noch erkämpft werden. Normalerweise herrscht in Berliner Moscheen Geschlechtertrennung. Man kann nur spekulieren, wie groß der Aufruhr in den konservativen Moscheevereinen sein wird.

Vielleicht kann man es am Medieninteresse ablesen. Rund 200 Menschen sind gekommen, darunter viele Journalisten internationaler Medienhäuser, aus der Schweiz, Österreich, Frankreich, der Türkei, als Seyran Ates am Morgen, ihr Projekt auf einer Pressekonferenz vorstellt.

Dabei gibt es bereits einen liberalen Moscheeverein in Berlin. Wir haben ihn kürzlich vorgestellt. Allerdings tritt er nicht derart kämpferisch auf wie Seyran Ates. Für sie ist das Ganze eben auch Politik.