Das umstrittene Hochhaus auf der Fischerinsel wird wahrscheinlich nicht gebaut. Die Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte (WBM) will nicht mehr auf der Errichtung des 19-stöckigen Wohnhauses bestehen. Der geplante Turm auf dem Eckgrundstück Fischerinsel und Mühlendamm bleibt zwar das bevorzugte Gestaltungsszenario der WBM. Die Geschäftsführung zieht nun jedoch auch zwei abweichende Bauvarianten mit weniger Etagen in Betracht. Sie will ihrem Aufsichtsrat alle drei Versionen zur Auswahl vorlegen.

Die Kehrtwende der WBM ist ein Erfolg für die Anwohner-Initiative und den Bezirk Mitte. Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) hatte sich bei der Wohnungsbaugesellschaft für ein kleineres, achtstöckiges Haus mit 180 Wohnungen eingesetzt. Dieser Entwurf des Büros Blauraum Architekten sieht vor, dass der Innenhof mit einem Geschoss überbaut wird, damit vier Meter über dem Boden eine Grünanlage mit Spielplatz entstehen kann.

Bauherr warnt vor Mehrkosten

Auch die Bürgerinitiative sprach sich am Mittwoch „nochmals für diese Variante bei maximaler Wiederbegrünung“ aus.

WBM-Chef Jan Robert Kowalewski hält die von Bezirk und Anwohnern bevorzugte Bauvariante ausdrücklich für machbar. Er gibt jedoch zu bedenken, dass sie teurer wäre. Dem Unternehmen seien für die Hochhausplanungen und die Bürgerbeteiligung Kosten in siebenstelliger Höhe entstanden. Wenn nun umgeplant werden müsse, sei das nur finanzierbar, wenn der Senat im Gegenzug auf die sogenannte Kooperationsvereinbarung verzichte. Diese Regelung sieht vor, dass landeseigene Wohnungsbaugesellschaften bei Neubauten die Hälfte der Wohnungen für 6,50 Euro pro Quadratmeter anbieten.

Baustadtrat Gothe kündigte bei einer Bürgerversammlung in der vergangenen Woche an, die Frage der Mehrkosten mit dem Senat besprechen zu wollen. Er werde Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) und Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) fragen, wie die WBM für ihre erhöhten Kosten entschädigt werden könne. Vertreter der WBM teilten mit, dass sie 260 schriftliche Meinungsäußerungen von Bürgern erhalten hätten. Diese kritischen Einwände gegen den Hochhausbau sollen im September auf der Website des Unternehmens dokumentiert werden. Im Oktober will der WBM-Aufsichtsrat dann bekanntgeben, welcher Architektenentwurf letztlich umgesetzt wird.

Dem jetzigen Stand der Hochhaus-Debatte ging ein zweijähriger Streit zwischen WBM, Bezirk, Senat und Bürgervertretern voraus. Eine Experten-Jury hatte 2015 zunächst die umstrittene Hochhausidee des Berliner Büros DMSW zum Sieger eines Architekturwettbewerbs erklärt. Die Planung sah eine U-förmige Bebauung mit acht Etagen vor, aus der ein 58 Meter hohes Hochhaus erwächst. Gegen dieses Vorhaben sammelten Bürger rund 1000 Unterschriften, dann sprach sich auch der damalige Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) gegen die Pläne aus. Vor einem Jahr lehnte er eine „Bauvoranfrage“ der WBM ab, weil sich der Turm nicht harmonisch in die Gegend einfüge.

Neue Debatte

Die WBM erhob Einspruch gegen das Veto des Bezirks und konnte dabei anfangs noch auf den damaligen Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) hoffen. Er schickte dem Bezirk ein Schreiben, in dem er seine Unterstützung für das Hochhaus ausdrückte. Nach dem Regierungswechsel von Rot-Schwarz zu Rot-Rot-Grün übernahm Katrin Lompscher (Linke) das Bauressort. Sie ist erklärte Gegnerin des Hochhausbaus. Auch dieser Umstand dürfte dazu beitragen, dass die WBM ihre Pläne für den Wohnturm nun überdenkt.

Wenn es nach Lompscher geht, wird die Zukunft der Fischerinsel ohnehin noch einmal neu diskutiert. Sie will die Bürger zu Kreativwerkstätten einladen, in denen ein Gesamtkonzept für die Gestaltung des östlichen Stadtzentrums erarbeitet werden soll. Die bisher auf das Rathausforum beschränkte „Stadtdebatte Berliner Mitte“ soll künftig auch die Projektgebiete Fischerinsel, Alexanderplatz, Molkenmarkt und Marx-Engels-Forum umfassen. Ein Schwerpunkt wird das Thema Wohnungsbau sein.