Der schwere Unfall von Charlottenburg hat ein weiteres Opfer gefordert. Einer der drei Männer, die am Mittwochabend auf der Flucht vor der Polizei einen Unfall verursacht hatten, ist tot. Bei diesem Unfall starb auch eine unbeteiligte 22-Jährige. Der 18-jährige Beifahrer im Fluchtauto erlag kurz nach seiner Festnahme im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen, teilte die Staatsanwaltschaft am Freitag mit.

Festnahme trotz schwerer Verletzung

Nun müssen sich die Ermittlungsbehörden um die Klärung der Frage bemühen, ob der junge Mann noch leben könnte, wenn die Einsatzkräfte anders gehandelt hätten. Schließlich hatten ihn Polizisten nach seiner Festnahme unmittelbar nach dem Unfall trotz seiner lebensgefährlichen Verletzungen mit Handschellen gefesselt auf die Straße gelegt.

Ob eine schnellere medizinische Hilfe ihm möglicherweise das Leben gerettet hätte, ist derzeit noch völlig unklar. „Einzelheiten zu den Ermittlungen“, hieß es aus Polizeikreisen, würden „zu gegebener Zeit“ veröffentlicht.

Auch zwei Tage nach dem Unfall erinnert an der Ecke Windscheidstraße/Kantstraße noch vieles an das fatale Geschehen am Mittwochabend. An den Unfall, bei dem zunächst die 22-jährige Johanna H. getötet wurde, als sie mit ihrem Fahrrad am Straßenrand stand.

Auf der Fahrbahn sind noch die grünen Markierungen zu sehen, die die Polizei zur Rekonstruierung des Unfallhergangs aufbrachte, im Rinnstein liegen noch Scherben. An der Ecke stehen drei beschädigte Autos. Ein Stromkasten liegt zertrümmert auf dem Bürgersteig.

Sinnloser Tod

Ein weiterer Stromkasten in der Nähe des Unfallorts ist zu einer improvisierten Gedenkstätte geworden, an der die Berliner ihr Mitgefühl mit der Getöteten zeigen. Grablichter stehen dort, Blumen wurden abgelegt. Sie stecken in Eimern oder liegen gebunden auf dem Gehweg. Viele sind nach zwei Tagen in der Sonne verwelkt. Kleine Briefchen sind zu sehen.

„Wir trauern um Dich. Und bedauern deinen sinnlosen Tod“, steht auf einem handgeschriebenen Zettel. „Wir haben den Knall gehört“, steht auf einem anderen. „Wir weinen. Es tut uns so schrecklich leid. Und wir kannten dich nicht.“ Daneben lehnt eine weiße Frauensilhouette, vielleicht 70 Zentimeter hoch. „6.6.18“ steht dort und „22 Jahre“, sonst nichts. Ein Plakat erinnert an die Mahnwache des Volksentscheids Fahrrad, die am Donnerstagabend hier abgehalten wurde. „Motorisierte Gewalt stoppen“, steht darauf.

Ein Schicksal, das bewegt

Eine junge Asiatin legt Blumen nieder. Warum? Kannte sie die Tote vielleicht? – „Ich nicht so gut Deutsch“, sagt die Frau freundlich lächelnd und geht weiter. Ein paar Minuten später stellt eine junge Mutter mit Kinderwagen eine Sonnenblume in einen der Eimer an dem Stromkasten.

Sie erzählt: „Wir wohnen in der Nähe und haben alles mitbekommen. Ich habe zuerst an den Breitscheidplatz gedacht, so viel war da los.“ Die Blume sei ihr ein Bedürfnis, „ein Anliegen“, um der jungen Getöteten zu gedenken. „Es ist so unnötig“, sagt sie. Ihren Namen? Nein, den möchte sie nicht nennen.

An diesem Freitagvormittag bleiben immer wieder Menschen an der kleinen, einfachen Gedenkstätte stehen, schauen, lesen, begreifen still. Nicken, Kopfschütteln. Dann gehen sie weiter.

Es drohen bis zu 15 Jahre Gefängnis

Für die Ermittler der Polizei, der Staatsanwaltschaft und der Gerichtsmedizin geht es jetzt darum, Fakten über den tragischen Tod der Studentin der Alice Salomon Hochschule herauszufinden. Möglicherweise wird der Umstand, dass Johanna H. schwanger war, im Prozess gegen den 27-jährigen Unfallverursacher relevant werden. Zwar gilt die Tötung eines Ungeborenen juristisch nicht als Mord. In Kombination mit dem Vorwurf „Autorennen mit Todesfolge“ könnten dem Unfallfahrer aber bis zu 15 Jahre Gefängnis drohen.

Ob eine harte Strafe für die Hinterbliebenen von Johanna H. und die Trauerbewältigung hilfreich ist, kann im Moment niemand sagen. Für sie bleiben nur Erinnerungen an eine junge Frau, die stets versucht hat, fröhlich und positiv zu leben.

Spuren der Nacht

„Was ich am Reisen wirklich liebe, ist, wie ein Kind zu sein, das dieses Lächeln hat und in seinen Augen scheint, während man jeden Tag neue Erlebnisse gewinnt“, schreibt die 22-Jährige auf ihrer Facebook-Seite. Sie wünsche sich, „dass wir alle versuchen, dieses Gefühl eines Kindes in unser tägliches Leben zu übertragen. Um immer offen, neugierig und fröhlich zu sein!“

Das war im Dezember 2016. In Charlottenburg hält 18 Monate später ein Abschleppwagen. Der Fahrer befestigt breite Gurte an einem silbernen VW Passat, der auf dem Bürgersteig gegenüber abgestellt ist. Es ist eines der geparkten Autos, das vom Unfallfahrer gerammt und durch die Gegend geschleudert wurden. Und die Studentin samt ihres Ungeborenen tötete. Der Passat wird angehoben und ganz sanft auf der Ladefläche des Abschlepplasters abgesetzt. Nach und nach verschwinden die Spuren der Nacht.