Umstrittene Wegmarken: die Poller im Samariterkiez. Anwohner wollen sie behalten und wenden sich gegen eine Bürgerinitiative.
Foto: Bernd Friedel/ Berliner Zeitung

BerlinDie heftige Kritik an den Durchfahrtssperren im Friedrichshainer Samariterkiez hat Bewohner des Viertels auf den Plan gerufen. Sie loben die Poller – und wenden sich gegen die Forderungen einer Bürgerinitiative, die rot-weißen Stahlpfeiler wieder abzubauen. „Sowohl unsere Familie wie auch viele Nachbarn und Gewerbetreibende befürworten die Poller“, so Stefan Hainke, Norbert Stein und Doreen Kniebel aus der Bänschstraße. „Der Verkehr hat sich deutlich verringert. Dies ist zu allen Verkehrszeiten spürbar.“

„Poller, nein danke!“ – das war der Tenor eines Berichts der Berliner Zeitung in der vergangenen Woche. Die Arbeitsgemeinschaft Verkehr und Vernunft lehnt die Barrieren ab, die der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg Mitte August in der Pettenkofer- und der Bänschstraße sowie auf der Kreuzung Schreiner-/Voigtstraße aufgebaut hat.

„Der Verkehr, auch der Durchgangsverkehr sucht sich weiter seine Wege – die nun länger sind“, sagt Oliver Mummer, ein Mitglied der Gruppe. Die Umwege führten an Kitas und Spielplätzen vorbei. Unterm Strich, so der Eindruck der Kritiker, sei die Belastung gestiegen.

Straßensperren in Friedrichshain: Bewohner des Viertels halten Poller für wirkungsvoll

Die Initiative kritisiert Bezirksstadtrat Florian Schmidt (Grüne), der für die Poller verantwortlich sei. „Es werden Dinge gegen den Willen der Mehrheit der Anwohner durchgedrückt, Anfragen und Beschwerden werden komplett ignoriert.“

Der CDU-Politiker Kurt Wansner sekundierte: „Grünen-Stadtrat Schmidts Findlings- und Pollerwahn wird zur Gefahr für Anwohner und Klimaschutz.“ Mit den Findlingen sind die Steine gemeint, die frühere Parkplätze in der Bergmannstraße okkupieren. „Seine neuen Barrieren im Samariterkiez führen zu erheblichen Umwegen“, stellte Wansner fest. Schmidt habe im Alleingang gehandelt. Die Sperren müssten weg.

Solche Kritik wollen Bewohner des Viertels nördlich der Frankfurter Allee jedoch nicht stehen lassen. Ihre Devise lautet: Poller? Ja bitte! In Briefen an die Berliner Zeitung und bei Twitter betonen sie, dass sie die Sperren für sinn- und wirkungsvoll halten. Sie hätten eine „positive Wirkung“, schreibt Chris Lopatta aus dem Samariterkiez. Weitere Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung sollten folgen: „Als Vater eines zweieinhalbjährigen Sohnes finde ich, dass die Poller, die den Durchgangsverkehr von der Frankfurter Allee zur Eldenaer Straße unterbinden, nur ein erster Schritt sein können.“

„Es stimmt nicht, dass der Verkehr im Kiez zugenommen hat“, betont Christoph Kehl von der Initiative verkehrsberuhigter Samariterkiez. „Um das festzustellen, reicht eine einfache Besichtigung vor Ort zur Hauptverkehrszeit, die zeigt, dass es kaum noch Durchgangsverkehr gibt und die Verkehrsmenge insgesamt signifikant abgenommen hat. Der vorher stark präsente Schwerlastverkehr ins Gewerbegebiet ist fast völlig verschwunden.“

Bezirk will nach einem Jahr entscheiden, ob die Poller stehen bleiben

Dagegen kämen Rettungswagen wie bisher ohne Umwege ans Ziel. Einsatzkräfte können die Barrieren mit einem Spezialschlüssel entfernen, so der Sprecher der Initiative, die sich seit Jahren für eine Verkehrsberuhigung einsetzt. „Besonders ärgerlich ist die Behauptung der Gegner, dass gefährliche Falschfahrten in Einbahnstraßen ein Ergebnis der umgesetzten Maßnahmen seien – ein Argument, das wir oft hören. Doch niemand wird gezwungen, sich verkehrswidrig zu verhalten.“

Andere Anwohner weisen darauf hin, dass sich Bezirksgremien mit dem Thema befasst haben. Von einem Alleingang des Stadtrats könne keine Rede sein, sagen sie. Stellvertretend schreibt Sebastian Kraus: „Initiativen für und gegen eine Verkehrsberuhigung wurden im Ausschuss gehört, und anschließend wurde sie durch die Bezirksverordnetenversammlung beschlossen.“

Anders als die versuchsweise Umgestaltung der Bergmannstraße stößt die Verkehrsberuhigung im Samariterkiez bei den Sozialdemokraten im Bezirk nicht auf Kritik. Im Gegenteil: Die SPD habe sich aktiv dafür eingesetzt, so die verkehrspolitische Sprecherin Peggy Hochstädter.

„Seitdem das angrenzende Schlachthofgelände mit Townhouses und einem riesigen Einkaufsbereich zugebaut wurde, diente der Kiez als Abkürzung für Privat- und Lieferverkehr. Für die vielen Kinder im Kiez wurde das zunehmend gefährlich.“

Nach einem Jahr will der Bezirk entscheiden, ob die Poller bleiben. Sie seien „reversibel“ – könnten also wieder abgebaut werden. Doch offenbar gibt es im Kiez nicht nur Kritiker, sondern auch Befürworter.