Manche Texte erzeugen ein verblüffendes Echo. So das Stadtbild „Badesalz statt Blutdrucksenker“. In der kleinen Alltagsbeobachtung, die jeden Tag unseren Lokalteil der Zeitung eröffnet, ging es am 23. März um den in Apotheken oft gehörten Satz: „Darf ich Ihnen das bestellen?“

Leser amüsierten sich und bestätigten die Beobachtung, dass ihre ganz normale Arznei häufig nicht vorrätig ist. Barbara Bergedorf aus Pankow schrieb gar: „Auch vermeide ich es, mit den Enkelkindern in die Apotheke zu gehen, weil die immer etwas finden, was sie dringend haben müssen: Gummibärchen, Vitaminbonbons, Sprudelkugeln zum Baden (natürlich teurer als bei Rossmann oder dm).“

Stich ins Wespennest

Ganz und gar nicht amüsiert reagierten viele Apotheker. Sie fühlten sich zu Unrecht an den Pranger gestellt und bescheinigten der Verfasserin „null Ahnung von Apotheken“. Kerstin Kemmritz, Inhaberin der Falken-Apotheke in Weißensee, blieb freundlich in ihrer Mail: „Sie haben quasi in ein Wespennest gestochen. Jede Menge Kommentare von traurigen, beleidigten, frustrierten, dünnhäutig gewordenen Kollegen belegen, dass Sie eine Situation beschrieben haben, auf die wir als Berufsstand alles andere als stolz sind, die aber leider traurige Realität ist, und deren Ursachen in der Öffentlichkeit (und auch in der Politik) mehr oder weniger unbekannt sind.“

Unbekannt? Das macht neugierig. So stehen wir uns denn in der Apotheke von Kerstin Kemmritz, Buschallee 88, gegenüber. Die 50-jährige Apothekerin strahlt übers ganze Gesicht, wenn sie von ihrem Beruf erzählt. Ihr gefällt daran die Mischung aus Naturwissenschaft und sozialer Komponente. Sie berät gern, freut sich, wenn sie für jemanden das Richtige gefunden hat, liebt das Labor und die Herstellung der Rezepturen, das Wiegen feinster Mengen und Mischen von Salben: „Das macht Spaß, dafür habe ich studiert und mein Staatsexamen abgelegt. Traurig nur, dass das nicht entsprechend honoriert wird.“ An einem Töpfchen Salbe, was samt Prüfen sowie Auswiegen der Zutaten und Dokumentation 30 bis 60 Minuten dauert, verdient sie gerade einmal fünf Euro.

Gern würde sie viel mehr von ihrem Wissen in den Arbeitsalltag einfließen lassen und nicht viel zu oft „im Computer versinken“, wie sie es nennt. Stattdessen muss sie sich mit Rabattverträgen und ständig neuen Anweisungen, wie ein korrektes Rezept auszusehen hat, herumschlagen. „Ich verstehe, wenn Patienten sauer sind, weil wir – mit dem Rezept in der Hand – minutenlang auf den Bildschirm starren, statt ihnen schnell die richtige Tablettenschachtel über den Tisch zu schieben und passende Einnahmehinweise zu geben“, sagt Kerstin Kemmritz, „aber wir müssen uns extrem konzentrieren, um keinen Fehler zu machen.“

Jede der 118 Krankenkassen in Deutschland hat eine eigene neunstellige Kennzahl. Und jede gesetzliche Krankenkasse hat ihre eigenen Lieferverträge mit bestimmten Arzneimittelfirmen, sogenannte Rabattverträge, die den Apotheker verpflichten, nur von diesem Hersteller Medikamente abzugeben. Diese Rabattverträge werden alle zwei Jahre für ein Medikament neu verhandelt. Es kommt nicht oft vor, dass der neue auch der alte Rabattpartner ist, erzählt die Apothekerin.

Apotheker gehen in Vorkasse

Die 118 Kassen verhandeln zu unterschiedlichen Zeiten, jede für sich und Wirkstoff für Wirkstoff. Es gibt also keinen Stichtag, auf den sich die Apotheker einstellen könnten. Mit anderen Worten: Wenn der Apotheker einmal auf seinem Bildschirm in der Spalte verrutscht oder einen Zahlendreher eintippt, programmiert er für dieses Rezept einen Totalverlust auf seinem eigenen Konto, weil die Kasse dieses Rezept nicht erstatten muss.

Wenn eine große Kasse den Hersteller für ein weit verbreitetes Medikament wechselt, weil ein anderer Hersteller den früheren unterbietet, kann es passieren, dass der Apotheker seinen Warenbestand, den er angelegt hat, quasi wegwerfen kann. Denn Apotheker kaufen die Medikamente beim Großhandel und gehen somit in Vorkasse. Das sind mitunter riesige Verluste, die das Finanzamt nicht als Verluste anerkennt, weil die Medikamente ja noch ein paar Jahre haltbar sind. Nur, dass sie keiner mehr abgeben darf … Aber selbst wenn dieser schlimmste aller Fälle nicht eintritt, ist es nicht möglich, für 118 verschiedene Kassen alle Medikamente, die sie bevorzugen, am Lager zu haben. Also muss nachbestellt werden, und der Patient muss zwei Mal kommen.

Für das Gesundheitssystem insgesamt ist es gut, wenn durch die Rabattverträge jedes Jahr rund drei Milliarden Euro an Ausgaben der Krankenkassen eingespart werden können. Das sieht auch Kemmritz so. Apotheker fühlen sich allerdings durch die Kassen bevormundet, wenn sie ausnahmsweise und aus guten Gründen einmal ein anderes, wirkstoffgleiches Medikament abgeben. „Wozu haben wir studiert, wenn uns jetzt nicht zugetraut wird, eine verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen?“, fragt sich Kemmritz.

Neben den Lücken im Lager der einzelnen Apotheke, die durch Arzneimittelboten in Berlin innerhalb von wenigen Stunden aufgefüllt werden können, gibt es gar nicht so selten echte Engpässe, die zu länger andauernden Lieferschwierigkeiten führen. Und zwar dann, wenn Pharmaproduzenten eine große Ausschreibung gewonnen haben und ihre Produktion von null auf hundert hochfahren. Dass es dabei zu Problemen, auch mit der Qualität der Ware, kommen kann, ist nur natürlich. Zumal immer mehr Medikamente in Indien, Brasilien oder Israel hergestellt werden. „Durch die Rabattverträge sind viele Mittelständler in Deutschland unter den Pharmaproduzenten schon weg vom Markt“, erklärt Kemmritz, „denn wer seinen Rabattvertrag nicht verlängert bekommt, wird sein Medikament nur noch bei den Patienten der Privatkassen los.“

Der Stempel muss komplett sein

Fast noch mehr ärgern sich die Apotheker über Bürokratie und Bevormundung durch die Kassen. So gibt es beispielsweise seit Anfang dieses Jahres die Anweisung, dass der Arztstempel auf dem Rezept den Vornamen des Arztes enthalten muss. Verwendet ein Arzt seinen alten Stempel ohne Vornamen, und der Apotheker übersieht das, kann die Krankenkasse das Rezept für ungültig erklären und das Medikament, das der Patient erhalten und der Apotheker vorfinanziert hat, nicht erstatten. „Retaxation“ nennt sich dieser Vorgang, der Apotheker zur Verzweiflung bringt, denn selber ergänzen dürfen sie den Vornamen auf dem Rezept nicht.

Übersehen sie auch nur eine kleine Formalie auf dem Rezept, zu dessen Prüfung sie verpflichtet sind, verlieren sie nicht nur ihren „Arbeitslohn“ (pro Packung 6,86 Euro, unabhängig vom Preis des Medikaments), sondern auch das Geld, das sie beim Einkauf der Ware gezahlt haben. „Wenn so ein Problem bei einer partnerschaftlich agierenden Kasse wie der AOK passiert, kann man das oft noch im Nachhinein klären“, berichtet Kemmritz. Aber es gibt auch Kassen, als Beispiel nennt sie die DAK, die es darauf anlegen, Formfehler zu erkennen, weil sie damit Kosten einsparen können.

Kerstin Kemmritz ist nicht prinzipiell gegen Rabattverträge. Bei 70 bis 80 Prozent der Medikamente haben sie ihre Berechtigung und bringen echte Ersparnis. Bei den restlichen 20 bis 30 Prozent wünscht sie sich mehr Handlungsfreiheit für die Apotheker. Zugunsten der Patienten, damit sie nicht zwei Mal in die Apotheke laufen müssen.

„Apotheker wollen helfen und dafür geliebt und geachtet werden“, beschreibt Kerstin Kemmritz ihren Berufsstand. Die Branche ist zu 75 Prozent weiblich. Apotheker streiten nicht gern und fallen auch nicht gerne unangenehm auf. Das muss sich jedoch ändern, meint Kemmritz, und hat sich jetzt mit einigen Kollegen bundesweit zusammengeschlossen und im März die Webseite www.ohne-apotheker-fehlt-dir-was.de gestartet. Dort erzählen sie – durchaus humorvoll – über den Alltag in Apotheken.

„Unsere Standesvertretung müht sich zwar redlich gegen die Bürokratie, aber sie dringt in der Politik nicht durch“, resümiert Kerstin Kemmritz. „Deshalb müssen wir selbst aktiv werden.“