Cybermobbing, Datenklau, PC-Sucht – in der digitalen Welt lauern ja so viele Gefahren. Viele Eltern fragen sich: Muss ich mein kleines Kind nicht so lange wie möglich von Computer und Smartphone fernhalten? Nein, sagt Medienexpertin Katja Reim, denn je früher man seine Kinder mit der digitalen Welt in Kontakt bringt, desto besser können sie später auch damit umgehen.

Ihre heute 9-jährige Tochter Maria hat Katja Reim schon früh mit Handy, Tablet und PC bekannt gemacht und sie dabei Schritt für Schritt begleitet – mit spielerischen Mitteln, kleinen Experimenten und der Bereitschaft, auch selbst dabei Neues zu entdecken. Ihre Erfahrung hat sie zunächst auf dem  Blog „Mein Computerkind“ und jetzt in ihrem neuen Buch „Ab ins Netz?!“ aufgeschrieben.

Praktische Tipps für den digitalen Familienalltag

In prägnanten, wunderbar illustrierten Kapiteln packt die Autorin zentrale Themen an, die Familien rund um die digitale Welt beschäftigen: Wie lernen Kinder, was im Netz wahr und was falsch ist? Wie erkennen sie Werbung? Wie lernen sie, sich selbst und ihre Daten zu schützen? Im Vordergrund stehen dabei nicht nur die Hintergründe, sondern vor allem der konkrete Alltag. Katja Reim zeigt kreative, lebensnahe Beispiele, die leicht zu verstehen und nachzumachen sind. Sie gibt viele praktische Tipps und macht Mut, dass Eltern sich auch ohne großes Vorwissen in der digitalen Sphäre bestens bewegen können. Ein Gespräch.

Warum sollten Eltern ihre kleinen Kinder schon früh mit der digitalen Welt in Kontakt bringen?

Katja Reim: Das Digitale umgibt Kinder jeden Tag, überall schauen Erwachsene auf ihr Handy. Kinder so lange wie möglich davon fernzuhalten, halte ich für den falschen Ansatz. Stattdessen sollte man früh anfangen, sie aktiv dabei zu begleiten. Für kleine Kinder sind Eltern die wichtigste digitale Autorität. Was sie vorleben, daran orientieren sich die Kinder.

Entscheidend ist, dass Eltern von Beginn an verstehen, was das Kind auf den Geräten genau macht. Ganz oft beklagen sich Eltern, dass ihr Kind nur daddelt. Sie wissen aber gar nicht, was es genau macht. Dann wissen sie natürlich auch nicht, welche Gefahren oder auch Chancen dort lauern.

Wie haben Sie Ihre Tochter langsam an Smartphone und Computer herangeführt?

Reim: Maria durfte erst nur im Offline-Modus spielen. Irgendwann haben wir ihr erlaubt, ins Internet zu gehen und jemand von uns hat sich dazu gesetzt. Anfangs waren nur bestimmte Seiten erlaubt. Wir haben uns gezielt Spiele oder Apps heruntergeladen, mit denen sie selbst etwas machen kann. Zum Beispiel kleine Filme schneiden, basteln oder mit Fotos herumspielen. Man kann so viel Tolles ausprobieren. Auch das möchte ich in meinem Buch zeigen.

Inzwischen ist es so, dass Maria auch alleine online gehen darf. Wir haben ihr aber immer klar gesagt: Wenn irgendetwas ist, komm bitte und sag uns das! Und das funktioniert. Wenn sie dann irgendwann alleine mit ihrem Handy loszieht, weiß sie, dass sie vorsichtig sein muss.

Nur 30 Minuten am Tag – sollten Eltern Kindern feste Zeitlimits setzen?

Reim: Ich denke, es hilft nicht, wenn Eltern nur auf die Zeitregel gehen. Auch wenn dein Kind nur eine halbe Stunde im Internet unterwegs ist, heißt es ja nicht, dass es sich dort dann sinnvoll oder sicher bewegt. Wir haben nur Zeitlimits gesetzt, wenn es um das digitale Spielen ging. Wenn Maria etwas bastelt, dann darf sie auch länger machen.

Welche Regeln und Werte können Eltern ihren Kindern über die Gesetzmäßigkeiten und das Verhalten im Netz beibringen?

Reim: Zunächst sind auch hier ganz normale Werte wie zum Beispiel Empathie wichtig, die man Kindern auch sonst mitgibt: Sei höflich. Sag Bitte und Danke. Überleg dir, was du über andere sagst. Beleidige niemanden.

Vor allem aber müssen Kinder verstehen lernen, dass das Internet eben kein privater Raum ist, sondern eine Wandzeitung, an der jeder vorbeiläuft. Dass man sich vorher gut überlegen muss, was man schreibt. Dass alles, was man im Internet veröffentlicht, auch Konsequenzen haben kann.

Wir haben immer versucht, das, was in der digitalen Welt passiert, für Maria so weit wie möglich herunter zu brechen und in die analoge Lebenswelt herüber zu holen. Wir haben ihr früh beigebracht, dass bestimmte Gesetzmäßigkeiten im Analogen anders funktionieren. Ein analoges Foto lässt sich zerreißen, ein Bild in der Whatsapp-Gruppe lässt sich nicht zurückholen. Diesen Unterschied müssen Kinder begriffen haben, bevor sie damit aktiv herumspielen.

Sie haben mit Ihrer Tochter ein kleines Experiment gemacht, um ihr das begreifbar zu machen…

Reim: Ja. Wir haben keine Fotos unserer Tochter im Internet gepostet. Das hatte zur Folge, dass Maria mich irgendwann gefragt hat, ob ich mich für sie schäme. Was mich zutiefst erschüttert hat. Ich habe dann versucht, ihr zu erklären, dass sich ein Foto im Internet wie von Zauberhand vermehren kann. Aber für Kinder klingt das abstrakt. Damit es für sie greifbarer wird, haben wir ein Foto von ihrer Puppe gemacht und das bei Facebook eingestellt, mit der Aufforderung an alle Leser, etwas am Bild zu ändern und dann zurückzuschicken. Am Ende hatten wir etwa 40 Fotos, an denen etwas verändert worden war. Und ich habe Maria erklärt, dass man das alles auch mit einem Foto von ihr hätte machen können. Sie war schwer beeindruckt.

Damit war es auch einfacher, ihr zu erklären, dass Wörter die gleiche Dynamik haben können. Dass es im ersten Moment viel einfacher zu sein scheint, „Idiot“ in die Tastatur zu tippen als es über den Schulhof zu brüllen. Aber dass man es dann eben nicht mehr zurückholen kann.