Maxim Nitsches Augen leuchten. Seine Worte überschlagen sich, während er blitzschnell etwas in das iPad tippt. Der Grund für die Freude des 19-Jährigen: x2 – y – 1 = 0. „Das ist meine Lieblingsaufgabe!“ ruft er und haut auf den Tisch. Sein Bruder Rafael, 18 Jahre alt, nickt zustimmend. Wieder fliegen Finger, tippen, wischen, unter der Formel erscheinen weitere, länger werdende Folgen von Buchstaben, Zahlen, Bruchstrichen. Diese Folge ist der Weg ins Innere von x2 – y – 1 = 0. Ein Weg mit verschiedenen Abzweigungen, die aber alle zum selben Ziel führen.

Von München nach Berlin

Wegen dieses Zahlengewimmels liebt Maxim die Aufgabe: „Man kann hier so gut sehen, wie tief wir gehen! Wie gut das funktioniert!“ Für einen Moment tut sich wirklich so etwas wie Schönheit auf. Die Schönheit der Regel, des mathematischen Gleichmaßes. Es muss an diesen beiden liegen, an Maxim und Raphael, dass man das auch als Mathe-Versager spürt.

Die beiden lieben Mathematik, und sie lieben Math42, die App, die gerade die Lieblingsaufgabe in viele kleine Teile zerlegt hat, auf dass auch der sie versteht, der sonst nichts versteht. Maxim und Raphael Nitsche haben die App erfunden, drei Jahre ist das her, da waren sie 14 und 15 Jahre alt. Die Mathematik war schon immer Teil ihres Lebens. Ihr Vater hat Mathe studiert, der Großvater, der Bruder des Großvaters und einige Cousins auch. Dass Mathe bei den meisten Schülern Schrecken und Frust auslöst, haben sie in den Nachhilfestunden erfahren, die sie in ihrer Heimatstadt München gaben. Von dort sind die Beiden vor eineinhalb Jahren nach Berlin gezogen. Maxim studiert Mathematik, Wirtschaft und Philosophie im 4. Semester, Raphael macht diesen Sommer sein Abitur und studiert auch bereits Mathematik, 16 Stunden die Woche.

Von der Nachhilfe zur App, sagen sie, war es nur „ein Katzensprung“. Wie kann man das allen ermöglichen, fragten sie sich, individuelles Lernen, jeder nach seinem Tempo, eben das, was kein Lehrer leisten kann, aber zu einem Preis, den sich jeder leisten kann? Als sie 2010 zum ersten Mal ein iPad in der Hand hielten, sagt Raphael, wussten sie es. Mit einem 90-seitigen Konzept samt Businessplan überzeugten sie den Vater, an der App mitzuarbeiten.

Drei Jahre später war Math42 fertig. Eine Nachhilfe für alle, „Demokratisierung der Bildung“, wie Maxim sagt, der das meiste erzählt, weil er „gerne vor anderen redet“. Sein Bruder fügt ab und zu etwas ein, manchmal sagen beide das Gleiche, man spürt, wie nahe sie sich sind. Sie berichten von tausenden Zuschriften dankbarer Nutzer von Math42, viele Schüler sind darunter, aber auch Eltern und Lehrer. Die Brüder scheinen eine Lücke entdeckt zu haben. Daher auch der Name, Math42, die 42 stammt aus dem Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams. „42 ist die Lösung für alles“, zitiert Maxim.

Math42 ist erfolgreich – 100 000 Mal wurde sie bisher gekauft, für kurze Zeit war sie als meistgekaufte App gelistet. Die Angst vor der Mathematik liege in der falschen Vermittlung. „Hunderte Formeln müssen die Schüler lernen. Aber sie müssten nur 20 Regeln verstehen, dann können sie Mathematik. Jede Rechnung“, sagt Maxim.

Beim Thema Bildungssystem wird Maxim Nitsches Stimme lauter: „Seit Jahrzehnten hat sich in der Bildung nichts verändert! In einer Welt, die sich täglich verändert“, sagt er und schüttelt den Kopf. Außerdem habe doch jeder Schüler andere Fragen. Und wenn die nicht beantwortet werden, entstehe Frust, und aus dem Frust entstehe eine Blockade. „Und das ist das Aus.“

Vorher soll Math42 helfen. Die App gibt, anders als andere Online-Helfer oder Apps, nichts vor. Der Bildschirm ist weiß. Jeder soll sein Problem eingeben, ohne Hürden, ohne ablenkenden Schnickschnack. Und dann hilft die App beim Lösen, macht Vorschläge wie ein Nachhilfelehrer, aber für 89 Cent. Versteht man einen Begriff nicht, kann man auf ein verlinktes Mathebuch zurückgreifen, das alles in Worten erklärt.

Ein neues Projekt

Aber verführt das Programm nicht gerade dazu, nicht weiter zu fragen? Das Ergebnis steht schließlich irgendwann da. Nein, sagen die Brüder. Die meistgenutzte Funktion der App sei „Erklär mir das“. Und viele Anregungen und Wünsche träfen ein, wie die App noch verbessert werden könnte.

Es sind Anregungen, die alle drei Nitsches, Vater und Söhne, ernst nehmen. Math42 wird weiter entwickelt, schließlich gibt es auf alles viele Antworten. Und ein neues Projekt steht kurz vor dem Start, „jeder Schüler bekommt Gänsehaut, wenn er davon erfährt“, sagt Vater Thomas Nitsche, und fügt hinzu: „Es geht um Textaufgaben“. Denn die kann die Math42 bisher nicht erklären. Aber, soviel ist sicher, sie werden nicht lockerlassen. Bis Maxim Nitsche auch in diesem Gebiet seine „Lieblingsaufgabe“ präsentieren kann.