Die biologische Vielfalt ist ein entscheidender Faktor dafür, wie gut Ökosysteme mit Störungen von außen umgehen können. Doch obwohl bereits vor 30 Jahren auf einem Gipfel in Rio de Janeiro eine Biodiversitätskonvention verabschiedet wurde, laufe der weltweite Verlust der Artenvielfalt „ungebremst weiter“, konstatierten Naturforscher am Freitag in Berlin.

Im Museum für Naturkunde (MfN) in der Invalidenstraße trafen sich die Direktoren der drei deutschen Leibniz-Naturforschungsmuseen, um eine „Berliner Erklärung zum Weltnaturgipfel 2022“ zu verabschieden. Darin fordern sie die Bundesregierung dazu auf, der besonderen Verantwortung der G7-Präsidentschaft bei der Bekämpfung der großen „Zwillingskrise“ gerecht zu werden: dem Rückgang der biologischen Vielfalt und der zunehmenden Erderwärmung.

Der derzeit für Ende August 2022 – voraussichtlich im chinesischen Kunming – geplante 15. Weltnaturgipfel biete den Forschern zufolge die „historische Gelegenheit einer dringend notwendigen Trendumkehr zugunsten von mehr Klima- und Biodiversitätsschutz“, heißt es in der Erklärung, die von einem breiten Bündnis von Forscherinnen und Forschern getragen werde, wie das MfN mitteilte.

Eine Million Arten könnte in den nächsten Jahrzehnten verschwinden

Früher habe ihm sein Großvater bei Wanderungen in der Natur noch die Vielfalt der Insekten gezeigt, erzählte Bernhard Misof, Direktor des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels in Bonn. Heute sei dies kaum noch möglich. „Innerhalb einer Generation spüren wir, was sich um uns verändert“, sagte Misof. Prognosen zufolge könnten innerhalb der nächsten Jahrzehnte 40 Prozent aller Insekten weltweit aussterben, so die Naturforscher.

„Ohne schnelle, tiefgreifende und flächendeckende Maßnahmen laufen wir Gefahr, dass unsere Erde in den nächsten Jahrzehnten eine Million Arten verlieren und einen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um 3 Grad Celsius erfahren wird“, heißt es in der „Berliner Erklärung“.

Die Forscher stellen eine Reihe „naturbasierter Lösungen“ vor, die dringend umgesetzt werden müssten. In Deutschland gehe es etwa um die Denaturierung von Flusslandschaften, die Dachbegrünung von Städten, die Umwandlung von Nadel- in Mischwälder und die Wiedervernässung von Mooren, erklärte Klement Tockner, Generaldirektor der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt am Main und Initiator der Erklärung.

Vor allem die Moore in Deutschland sind für Klima und Artenschutz wichtig

Gerade in der Norddeutschen Tiefebene seien riesige Flächen an Mooren für Ackerbau und Viehzucht trockengelegt worden, sagte Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin. Trockene Moore emittieren große Mengen an Kohlendioxid (CO2) und Lachgas. Feuchte Moore dagegen speichern große Mengen an CO2, dienen dem Hochwasserschutz und der Artenvielfalt. An der Wiedervernässung von großen Mooren gehe kein Weg vorbei, wolle man den Klimaschutz wirklich ernst nehmen, sagen die Naturforscher.

Dass es hier „Zielkonflikte“ mit der Landwirtschaft gibt, ist den Forschern klar. Man müsse diese lösen, sagte Johannes Vogel, denn Schäden durch Klimawandel und Artenverlust seien nicht mehr umkehrbar. „Wir werden nicht umhinkommen, vor allem unseren Fleischkonsum einzuschränken“, sagte Vogel. Riesige landwirtschaftliche Flächen dienen vor allem der Fleischproduktion.

Beim Weltnaturgipfel Ende August soll sich Deutschland „mit Nachdruck dafür einsetzen“, dass bis 2030 weltweit 30 Prozent der Land- und Meeresflächen wirksam geschützt und weitere 20 Prozent renaturiert werden, heißt es in der Erklärung. Ein wichtiges Instrument sei der von Deutschland 2021 ins Leben gerufene „Legacy Landscapes Fund“ (LLF), der weltweit die biologische Vielfalt fördern will.

Klimaschädliche Subventionen sollen in die Renaturierung gesteckt werden

Wenn hier zwei Milliarden Euro öffentliche Gelder investiert würden, könnte eine Milliarde Euro an zusätzlichen Mitteln global mobilisiert werden, so die Forscher. „Statt bisher sieben könnten so weltweit bis zu hundert Großschutzgebiete dauerhaft für zukünftige Generationen gesichert werden.“ Wie eine Nature-Studie zeigt, könnte die Renaturierung von 15 Prozent der weltweit arten- und kohlenstoffreichsten Flächen 60 Prozent der vom Aussterben bedrohten Arten schützen.

Unter anderem schlagen die Forscher vor, die etwa 67 Milliarden Euro an jährlichen umweltschädlichen Subventionen in den Bereichen Verkehr, Energie, Landwirtschaft und Gebäuden in Deutschland – von denen rund 90 Prozent als klimaschädlich eingestuft seien – für die Finanzierung solcher Maßnahmen zu nutzen.