Berlin - Als es um ein Foto geht, steht Issa Remmo auf. Dort will er fotografiert werden, sagt er und deutet auf einen Sessel an der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Über dem Sessel, den der 51-jährige Libanese ausgewählt hat, hängt eine expressionistische Grafik von der City West. Die Gedächtniskirche ist darauf zu sehen, der Breitscheidplatz, eine Straßenbahn, die durch leere Straßen fährt.

Über dem Sessel dagegen, auf dem Remmo bis eben noch gesessen hat, hängt ein Porträt. Es ist eine Radierung, abstrakt in der Form. Das Antlitz auf dem Bild verschwimmt unter den hastigen Strichen des Stiftes so stark, dass man es kaum erkennen kann. Undurchsichtig wirkt es und bedrohlich, als lägen mehrere Gesichter übereinander. Dieses Bild wäre der treffendere Hintergrund für ein Foto von Issa Remmo.

Der 51-Jährige ist in den letzten Monaten sehr bekannt geworden, auch wenn er gemeinhin keine Interviews gibt. Aber Bilder von ihm tauchten in Zeitungen und im Fernsehen zuletzt häufig auf.

Spektakuläre Raubzüge

Es ging los im vergangenen Juli, als die Berliner Staatsanwaltschaft 77 Immobilien des wegen seiner kriminellen Aktivitäten berüchtigten Remmo-Clans beschlagnahmen ließ – der aus dem Libanon nach Deutschland ausgewanderten Großfamilie, zu der auch der großgewachsene Mann mit dem kantigen Gesicht und dem breiten Kreuz gehört. Dann sah man ihn Anfang September auf den Aufnahmen vom Friedhof der Zwölf-Apostel-Gemeinde in Schöneberg, als er zwischen rund 2000 Trauergästen der Beisetzung des vermutlich von kriminellen Konkurrenten erschossenen Intensivstraftäters Nidal R. beiwohnte. Unter vielen Bildern von ihm stand: Issa Remmo, Oberhaupt des Remmo-Clans.

Den Remmo-Clan zählen Polizei und Staatsanwaltschaft zu den acht bis zehn arabischen Großfamilien in Berlin, die die Organisierte Kriminalität (OK) in der Stadt dominieren – ein Drittel der OK-Straftaten in Berlin wie Drogenhandel, Raub, Schutzgelderpressung oder Prostitution soll von Gangstern aus diesen Clans verübt werden. Die Remmos – davon sind die Ermittler überzeugt – sind auf Diebstahl spezialisiert. So sind drei Angehörige der Großfamilie jetzt angeklagt worden, weil sie die 100-Kilo-Goldmünze „Golden Maple Leaf“ aus dem Bode-Museum geraubt haben sollen. Andere Clan-Mitglieder werden mit Einbrüchen in Baumärkten und Einkaufsmärkten in Verbindung gebracht. Ein weiterer Familienangehöriger der Remmos wurde vor einiger Zeit zu acht Jahren Haft verurteilt, weil er mit Komplizen im Oktober 2014 mehr als 100 Schließfächer in einer Sparkassenfiliale in Mariendorf ausräumte und die Bank anschließend in die Luft sprengte. Von der Beute – rund zehn Millionen Euro – fehlt bis heute jede Spur.

Ein Auftritt vor dem Landgericht

Auch deshalb hatte die Staatsanwaltschaft im Sommer die 77 Immobilien beschlagnahmen lassen, die Angehörigen der weitverzweigten Remmo-Familie gehören. Der Verdacht lautet auf Geldwäsche. Die Betroffenen müssen nun nachweisen, woher das Geld stammt, mit dem die Grundstücke und Wohnungen gekauft wurden.

Issa Remmo konnte bislang keine Verwicklung in die kriminellen Taten des Clans nachgewiesen werden. Vielleicht vermuten auch deshalb die Ermittler, dass seine Aufgabe in der Geldwäsche der aus den Straftaten gewonnenen Beute besteht – weil er das Oberhaupt der Familie sei, des Clans.

Remmo mag das nicht hören, da wird er sogar kurzzeitig laut. „Ich bin Oberhaupt für meine Kinder, und nur für sie“, ruft er. „Ich bin nicht Oberhaupt von einem Clan oder für meine Brüder und deren Familien. Ich verfluche jeden, der Drogen verkauft. Ich unterstütze keinen, der stiehlt und betrügt. Ich verstoße gegen kein Gesetz, bin nicht angeklagt, ich stehe nicht vor einem Gericht.“

Ein wohl dosiertes Schauspiel

Es ist nur ein kurzer emotionaler Ausbruch des 51-Jährigen. Nicht zu vergleichen mit seinem Auftritt vor einigen Wochen, als ihn ein Kamerateam von Spiegel TV stellte. Da stand er auf der Straße vor dem Berliner Landgericht in Moabit, wo gerade ein Mordprozess gegen seinen Sohn läuft, und echauffierte sich lautstark darüber, dass man ihn zu Unrecht als Kriminellen abstemple. Laut und wütend wirkt Remmo dabei, doch nicht aggressiv. Im Gegenteil, als einer seiner Söhne auf den Kameramann losstürmen wollte, ging er dazwischen.

Da merkte man plötzlich, wie gut sich Remmo zu inszenieren weiß. Seine Emotionalität ist genau dosiert, der 51-Jährige hat sich, auch als er laut wird, jederzeit im Griff. Es ist ganz offensichtlich: Er weiß, wie Bilder wirken.

Das zeigt sich auch bei unserem Termin in einem Berliner Hotel. Erst wählt Remmo den Bildhintergrund aus, dann posiert er – nachdem er sich gerade noch über die Staatsanwaltschaft aufgeregt hat – entspannt in einem Sessel, lächelnd, das linke Bein lässig übergeschlagen. Die Botschaft, die ankommt, ist klar: Ihr kriegt mich nicht klein. In unserem Gespräch gibt er sich weniger emotional als auf der Straße vor dem Moabiter Gericht. Manchmal nur hebt er die Stimme, wenn er etwas mit Nachdruck unterstreichen will – etwa, als er den Vorwurf, Clan-Oberhaupt zu sein, zurückweist. Dann wieder senkt er sie zu einem fast verschwörerischen Flüstern, als wolle er sein Gegenüber in ein großes Geheimnis einweihen. Das wirkt zeitweise absurd, weil Remmo auf diese Weise genau die Rolle zu spielen scheint, die er eigentlich weit von sich weist – die eines Paten, der gleichzeitig friedlich und bedrohlich wirken will.

Ein einfacher Immobilienhändler

Seit der Beschlagnahme der 77 Remmo-Immobilien im Juli ist das Problem der kriminellen Araber-Clans zum Thema in Medien und Politik geworden. Berlins Innenssenator Andreas Geisel (SPD) hat ein schärferes Vorgehen gegen diese Strukturen der Organisierten Kriminalität angekündigt. Gleichzeitig warnte er davor, alle Mitglieder arabischer Großfamilien in Sippenhaft zu nehmen, nur weil sie den gleichen Namen tragen. Darauf springt Issa Remmo sofort an, denn auch er – so sagt er – werde für etwas in Haftung genommen, dass („möglicherweise“, betont er) einige seiner Verwandten getan haben. „Natürlich gibt es Leute in der großen Familie Remmo, die sehr viel Geld haben. Sehr sehr viel Geld“, sagt er.

Wo diese Leute das Geld herhaben, wisse er aber nicht, sagt Remmo. Es interessiere ihn auch nicht. „Ich weiß nur, dass ich kein Geld bekomme von Leuten, die mit Drogen handeln oder einbrechen. Ich bin nicht, wie immer geschrieben wird, der Clan-Chef, der das Geld eintreibt und wäscht.“

Und woher hat er das Geld für seine eigenen Grundstücke? „Ich handele mit Immobilien“, sagt er. Wenn jemand eine Villa sucht oder ein Haus in Berlin, dann vermittle er dem Interessenten eine Wohnung.

Keine Arbeitserlaubnis

„Das sind gute Menschen, keine Drogenhändler. Ärzte sind das, Angestellte, ehrbare Leute. Ich selbst besitze nur im Libanon Immobilien und Häuser.“ Und woher stammt das Geld dafür? Der 51-Jährige rollt mit den Augen. „Das sind auch wie hier alles legale Immobiliengeschäfte, über 30 Jahre mache ich die schon im Libanon. Ich habe alles schwarz auf weiß, alles notariell und juristisch sauber, alles nachvollziehbar.“

Die Berliner Staatsanwaltschaft hat da so ihre Zweifel, auch wenn sie auf Anfrage keine Auskunft darüber erteilen will, ob derzeit ein Ermittlungsverfahren gegen Issa Remmo läuft. Die Spuren des Geldes zu verfolgen sei jedenfalls schwierig, so erzählen es Fahnder. Der Clan ist groß, sagen sie, auch Strohleute spielen eine Rolle, die in Berlin ein Haus besitzen und in Beirut etwa als Taxifahrer jobben. Welche Rolle Issa Remmo dabei spielt und ob er überhaupt an kriminellen Machenschaften des Clans direkt beteiligt ist, darüber erhält man keine Auskunft. Laufende Ermittlungen, heißt es nur. Und Issa Remmo selbst beteuert, mit all dem nichts zu tun zu haben.

Zur Welt gekommen ist Issa Remmo 1967 in Mar Elias, einem palästinensischen Flüchtlingslager in Beirut. Mitte der 1980er Jahre floh er mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg nach West-Berlin. Als junger Mann habe er damals keinen Job haben dürfen in der Stadt. „Ich hatte nur eine Aufenthaltsgenehmigung, die regelmäßig verlängert wurde, aber keine Arbeitserlaubnis“, erzählt er. „Da habe ich Scheiße gebaut, habe geklaut. Ich musste dafür auch ein paar Monate ins Gefängnis. Aber seitdem habe ich keine kriminellen Sachen mehr gemacht. Es gibt nichts, was man mir heute konkret vorwerfen kann.“

„Ich habe mich beim Richter bedankt“

Issa Remmo hat 13 eigene Kinder. Die meisten sind schon erwachsen, ein Sohn studiert Bauwesen, die kleinste Tochter geht noch auf die Grundschule. Mindestens zwei seiner Söhne sind aber auch schon polizeibekannt. Einer der beiden, Ismail, steht gerade vor Gericht, weil er mit Komplizen einen Gläubiger seines Vaters totgeprügelt haben soll. Die Beweislage in dem Verfahren ist kompliziert.

Sein anderer Sohn Yussuf sitzt gerade eine dreijährige Haftstrafe ab, weil er in einen Einkaufsmarkt in Lichtenberg eingebrochen war. „Ich habe mich im Prozess beim Richter bedankt für das Urteil und gesagt, mein Sohn muss lernen, was er da gemacht hat“, sagt er. „Mein Sohn ist kein Engel, habe ich gesagt, und dass er mit dem Teufel war und ich ihm wünsche, dass er das nie wieder macht.“

Und dann erzählt Remmo von den alten Zeiten, die gar nicht so lange zurückliegen und in denen alles so gut und glatt lief für ihn. Als er neben seinem Immobilienhandel auch noch als Gastronom gearbeitet habe. 20 Läden hatte er noch bis vor ein paar Jahren – Imbisse, Teestuben, orientalische Cafes. „120 Kilo Pommes habe ich an einem Tag verkauft“, sagt er. An der Hermannstraße habe er eine ganze Ladenzeile besessen, gepachtet vom Senat und von der evangelischen Kirche. „Vor zweieinhalb Jahren habe ich dort alles verloren“, sagt er. Die Nutzungsverträge seien gekündigt oder nicht mehr verlängert worden. „Wegen der Mafia-Gerüchte um mich“, so vermutet er es und wittert auch dahinter eine große Verschwörung. „Man macht mir meinen Ruf kaputt, kein seriöser Kunde will mehr ein Haus kaufen mit meiner Hilfe“, klagt er.

Dann senkt er die Stimme und lächelt plötzlich. Fast ein wenig bedrohlich wirkt das. Er werde nicht länger hinnehmen, was alles über ihn erzählt wird, sagt er dann. „Ich werde mich wehren. Bis zum obersten Berliner Gericht gehe ich“, kündigt er an.