Letztes Jahr gab es in meinem Land im Durchschnitt an jedem Tag zehn Angriffe auf Flüchtlinge. Durchschnittswerte ignorieren Unterschiede – in manchen Gegenden ist nichts passiert, woanders mehr. Die heftigste, weitgehend hingenommene oder akzeptierte Feindseligkeit gegen Ausländer, die brach da aus, wo bis jetzt die wenigsten Ausländer leben und wo man sie als Nachbarn die kürzeste Zeit kennt. Das war im Osten.

„Seit wir Flüchtlinge haben, sind hier Kinder verschwunden“, behauptet eine Dresdnerin im Fernsehen, auch wenn die Polizei nichts davon weiß. „Araber kennen ja keine Toiletten. Deshalb scheißen die uns auf die Türschwelle“, erzählt mir eine Friseurin aus dem Ost-Berliner Umland. Ihr selber ist das nicht passiert. Aber gehört hat sie es. Viele Leute haben etwas gehört und erzählen es weiter, bis daraus Meinungen werden, von denen keiner mehr abrücken will.

Staat und Bundesländer sind den Flüchtlingen mit Programmen ohne soziale Fantasie begegnet. Man verteilte die Menschen über das Land. Es ging um das Nötigste. Was auch sonst, der Druck war groß, die Erfahrung mit einem solchem Ansturm klein. Die Arbeit wuchs den Behörden über den Kopf. Hätten die Bürgermeister trotzdem informiert werden können, welche Berufe die zugewiesenen Flüchtlinge mitbringen? Dann wäre bekannt, dass Menschen mit Fähigkeiten dabei sind, die im Ort gebraucht werden – Dachdecker, Autoschlosser, Gärtner, Bauer – so etwas. Aber die Flüchtlinge verschwinden als Busladung hinter Absperrungen und Security. Sie bleiben in den Heimen. Sie dürfen nicht gleich arbeiten. Auch nicht freiwillig.

Manchmal entspannen kleine Zeichen die allgemeine Lage

Einmal, 2013, bekam die freiwillige Arbeit von Flüchtlingen eine Chance: Nach einer Anfrage des Oberbürgermeisters von Schwäbisch Gmünd meldeten sich Asylbewerber aus einer Sammelunterkunft. Neun Männer wollten während Bauarbeiten bei der Deutschen Bahn den Fahrgästen mit dem Gepäck helfen. Sie bekamen 1,05 Euro pro Stunde – wie Ein-Euro-Jobber. Die Kofferträger lernten erste deutsche Wörter und hatten viel zu tun. Die Deutsche Bahn beendete das Projekt nach drei Tagen: Sie wollte die finanziell schlechten Konditionen der Flüchtlinge nicht mittragen und setzte eigene Mitarbeiter als Gepäckträger ein. Nach Aussage des Bürgermeisters waren die Asylbewerber „sehr geknickt“.

Arbeit ist Handeln. Untätigkeit fällt ins Auge der Anwohner und nährt Befürchtungen – die leben auf unsere Kosten, die kriegen alles geschenkt.

Ich stelle mir Vereinbarungen mit den Flüchtlingen vor, gleich nach ihrer Ankunft mit Unterschrift und Anleitung, ohne oder mit nur wenigen Unterschieden zwischen Nationalitäten und Geschlechtern. Danach tragen sie Mitverantwortung für das Funktionieren. Für Sauberkeit im Heim, Transporte, Ruhezeiten – alles als tägliche Pflicht und, wenn möglich, für ein Taschengeld. Warum sollen Menschen, die bei uns leben, nicht so früh wie möglich Gleichberechtigung von Männern und Frauen trainieren und den normalen deutschen Alltag erleben?

Flüchtlinge streichen Zäune, fegen den Bürgersteig vor der Unterbringung. Sie putzen Fenster, trennen den Müll und mähen den Rasen. Sie sind zu sehen, und die Einheimischen sehen sie. Manchmal entspannen kleine Zeichen die allgemeine Lage.