Berlin - Auf einmal war der Fahrradsattel weg. Einfach abmontiert, geklaut. Dabei hatte er das Rad doch nur für zwei Minuten abgestellt, um Essen in ein Haus zu liefern. Der fehlende Sattel ist eine Katastrophe, denn neben dem Smartphone ist das Fahrrad das Wichtigste für seinen Studentenjob: Der angehende Jurist Jakov Zverev arbeitet nebenbei als Werkstudent bei dem Lieferservice Foodora. Seit März 2016 liefert er mit dem Rad Essens- und Getränkebestellungen aus, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren.

Mehr als 500 Fahrer in pinkfarbenen Jacken sind für Foodora auf den Straßen Berlins unterwegs, und die größte Gruppe darunter sind Studierende. Jakov Zverev, 30 Jahre alt, fährt zwei- bis dreimal die Woche. Er braucht das Geld, um sein Leben zu finanzieren – also Miete, Krankenversicherung, Kleidung, Essen, Handy und Freizeit.

Auf gutes Essen kommt es an

Dafür arbeitet er 20 Stunden die Woche, zu einem Stundenlohn von zehn Euro. Eigentlich sind es neun Euro. Aber als sogenannter Captain Rider erhält Jakov Zverev einen Euro Zuschlag. Als Captain Rider hat er sein eigenes Team und ist für die Koordination von zehn bis zwölf anderen Fahrern zuständig. Ab und zu arbeitet er deshalb im Foodora-Büro in Prenzlauer Berg. Und wie sieht es mit dem Trinkgeld aus? Offenbar nicht so rosig. Er sagt: „Viele zahlen mit Paypal oder Mastercard und geben dann kein Trinkgeld.“

Insgesamt käme er auf einen Verdienst von 800 Euro im Monat. Davon lasse es sich einigermaßen leben, sagt Jakov Zverev. Er wohnt in der Nähe des Alexanderplatzes in Mitte zur Miete, er teilt sich die Wohnung mit seiner Freundin. Die ist mit dem Studium schon fertig. Beide würden neben der Miete viel Geld für Essen ausgeben, sagt er. Mit seiner Freundin koche er gerne „gesundes, ausgefallenes Zeug“. Kein Wunder, seine Freundin hat Ernährungswissenschaften studiert. Wenn Geld übrig ist, würden sie beide auch mal in den Urlaub fahren.

Putzen für 4,50 Euro

Leidet er unter Zeitdruck? „Den hat man nicht“, sagt Jakov Zverev. „Die Touren sind meistens nicht so lang.“ Als Fahrer suche man sich bestimmte Bezirke aus. Zverev liefert in Friedrichshain und in Prenzlauer Berg aus. Das sei auch nah an seinem Zuhause. „Das Beste ist, dass ich wirklich flexibel bin und meine Schichten immer für die nächste Woche gestalten kann,“ sagt er. Für einen Studenten sei das ideal.

Zuvor hat er auch schon als Student gearbeitet. Seinen ersten Studentenjob hatte er bei einer Supermarktkette. Für 4,50 Euro die Stunde räumte er Regale ein und putzte. „Ich habe auch schon in einer Kanzlei ausgeholfen und bei einem Limousinenservice als Chauffeur gearbeitet“, sagt er. Aber als Fahrradkurier habe er mehr Bewegung. „Ich habe deutlich meine Fitness verbessert.“

Mit der Straßenbahn durch Potsdam

Weniger Bewegung als Jakov Zverev hat der Student Paavo Günther. Der ist zwar auch viel unterwegs, aber da sitzt er in der Regel in einer Fahrerkabine. Paavo Günther studiert Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. Mit dem Studium ist er fast fertig, gerade schreibt er seine Bachelorarbeit. Nebenbei verdient er sich etwas Geld dazu. Er ist seit Februar 2016 auf 450 Euro-Basis beim Verkehrsbetrieb Potsdam (ViP) angestellt. Als Straßenbahnfahrer. 43 Stunden im Monat steuert er die Wagen durch Potsdam.

Vor zwei Jahren las er in einem Zeitungsartikel, dass in Potsdam Straßenbahnen auch von Studenten gesteuert werden dürfen und hat sich beworben. In Berlin sind solche Jobs für Studenten nicht erlaubt. „Schienenfahrzeuge haben mich schon von klein auf interessiert. Mein Opa war Reichsbahner in der DDR“, sagt Paavo Günther.

Um Straßenbahnfahrer zu werden hat der Student eine 43-tägige Ausbildung absolvieren müssen. Der Führerschein der Klasse B war Voraussetzung. Die Ausbildung gliederte sich in drei Teile: Rechtliches, Technik, praktische Einweisung.

Das Geld reicht nicht

Die 450 Euro fürs Straßenbahnfahren reichen natürlich noch lange nicht zum Leben. Weil er Wehrdienst leistete, habe er bereits etwas Geld sparen können, sagt er. Und er macht selbst auch Musik. „Straßenbahnfahrern ist mein Zubrot. Ich bin freiberuflicher Schlagzeuger und gebe noch Workshops an Schulen.“

Denn Paavo Günther hat bereits von 2007 bis 2010 Schlagzeug an der Deutschen Pop Akademie studiert. „Danach wollte ich den wissenschaftlichen Zweig kennenlernen und habe mich für Musikwissenschaft eingeschrieben.“ Wie passen Studium und Nebenjob zusammen? „Zur Not muss man weniger Veranstaltungen pro Semester besuchen“, sagt Paavo Günther. Er arbeite nicht hauptsächlich wegen des Geldes, sondern weil es ihm Spaß mache. Außerdem sei es eine verantwortungsvolle Tätigkeit, bei der er auch etwas Positives bewirken könne. „Ich trage zu einer umweltfreundlichen Mobilität bei.“

Auch Paavo Günther hatte schon diverse Nebenjobs, er arbeitete zum Beispiel für einen Visa-Service: Da hat er Leute beraten, die in Asien arbeiten oder studieren wollten und ein Visum brauchten.

Eigentlich ist Paavo Günther gebürtiger Berliner. Letztes Jahr ist er nach Potsdam gezogen. Wegen des Jobs als Straßenbahnfahrer. Und vor allem, weil es ihm dort besser gefällt als in Berlin. „Potsdam ist ruhiger, dort gibt es mehr Grün.“