Glienicke/Nordbahn - Am Anfang war es nur ein merkwürdiger Klumpen im Matsch des leergepumpten Teiches der Egeria-Grotte von Schloss Rheinsberg. Aber als Torsten Dressler und seine Kollegen den Modder Schicht für Schicht beiseite schoben, schälte sich allmählich der Umriss eines Kopfes heraus. „Und dann schaute uns das Antlitz einer Nymphenfigur an, die seit rund 200 Jahren als verschollen galt“, erinnert sich der 44-Jährige. „Da macht es einfach nur wow in dir.“

Dressler gehört zu jenen Menschen, die ihren Beruf als ein Geschenk empfinden. Seit 15 Jahren ist er im Auftrag des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und von öffentlichen und privaten Bauherren als selbstständiger Archäologe Zeugnissen der Brandenburger Geschichte auf der Spur, die im märkischen Sand schlummern. „Ich habe noch nicht einen langweiligen Arbeitstag gehabt“, sagt der Leiter eines rund 20-köpfigen Teams aus festen und freien Mitarbeitern, das jährlich zu rund 70 Grabungen zwischen Perleberg, Bernau und Lauchhammer ausrückt. Sein in Glienicke/Nordbahn und Berlin beheimatetes Büro hat sich auf die Siedlungsentwicklung in der Region spezialisiert. Dressler weiß mittlerweile ganz gut, wie die Landkarte der Mark „unter Tage“ aussieht. Und doch ist er stets aufs Neue fasziniert, in welcher Vielschichtigkeit der eigentlich so karge Boden die Epochen seit der Steinzeit zum Sprechen bringt.

Mikroklingen aus der Steinzeit

Die ältesten Belege für menschliches Leben, die sein Büro bislang in der Mark gefunden hat, sind mehr als 8000 Jahre alte, behauene Mikroklingen aus der Steinzeit, die als Schaber für Tierfelle oder als Waffen benutzt wurden. „Wir haben bei Mögelin einen richtigen Werkplatz nachweisen können. Das heißt, dort saßen mehrere Leute beieinander und stellten die Werkzeuge gewerbsmäßig her“, sagt Torsten Dressler. Er hat mit seinen Mitarbeitern unter anderem bronzezeitliche Tongefäße bei Schwedt, römische Kämme und Fibeln bei Paaren und slawische Gräberfelder in Ribbeck und Wusterhausen sowie Gummihandschuhe und Lichterbaum-Glühbirnen aus einem Fluchttunnel unter der Berliner Mauer geborgen. „Wenn wir den Mutterboden abgetragen haben, sehen wir an Verfärbungen im Erdreich, dass in den natürlich gewachsenen Schichten etwas Fremdes drin ist“, sagt Dressler.

Zwei Drittel ihrer Arbeitszeit verwenden die Spezialisten für die Suche vor Ort. Das restliche Drittel brauchen sie, um jede Grabung in einem Abschlussbericht zu dokumentieren. „Dazu gehört auch, dass wir alle Funde säubern, mit einem Fundzettel und einer Inventarnummer versehen und im Computer erfassen, ehe sie in die Depots des Landesamtes in Wünsdorf gehen“, sagt Dressler. Aber der spektakuläre Einzelfund stehe nicht im Vordergrund. „Die Archäologie von heute will Befunde über Siedlungskerne und -räume liefern, sie ist ganzheitlicher als zu Schliemanns Zeiten.“

Graben an der früheren Berliner Mauer

Und doch war es der Troja-Entdecker, der Dressler als Teenager elektrisierte. Er ist in Neubrandenburg zur Schule gegangen, Schliemanns Kindheitsort Ankershagen liegt um die Ecke „Ich war verblüfft, wie ein Junge aus so einem Dorf es zu Weltruhm schaffen kann“, erzählt der Vater von zwei fast erwachsenen Kindern. Dass er heute nicht mehr im antiken Europa alte Hochkulturen ausgräbt oder in den fernen Wüsten des Zweistromlandes forscht, ist eine ganz bewusste Entscheidung. „Ich war während meines Studiums mehrfach dort graben, und es war hochspannend,“ sagt Dressler. Nur ist das Graben dort wenig familientauglich.

Er lebt in Glienicke/Nordbahn unweit der früheren Berliner Mauer und es reizte ihn, auch dort zu graben. Als er im vorigen Jahr den Verlauf des ersten Fluchttunnels zwischen Glienicke/Nordbahn und Berlin-Hermsdorf nachweisen konnte, war die Fachwelt beeindruckt. „Für mich ist es eine ganz neue Dimension, dass ich zum ersten Mal auch mit Zeitzeugen reden kann, deren Spuren wir im Boden nachweisen“, sagt Dressler. Noch in diesem Frühjahr will er mit Hilfe eines Büros für Geophysik, das geo- elektrische Messungen vornimmt, zwei weitere Glienicker Fluchttunnel nachweisen. Das Landesamt für Denkmalpflege misst der Mauergeschichte mittlerweile eine so große Bedeutung zu, dass es Anfang dieses Jahres die neue archäologische Epoche „Jüngste Zeit“ offiziell einführte. „Das macht mich genauso stolz wie der Nymphenfund von Rheinsberg“, sagt Torsten Dressler.