BerlinEs gibt in Berlin weniger Arbeitslose, aber zugleich haben Zehntausende ihren Job verloren. Das ist die aktuelle Lage auf dem hiesigen Stellenmarkt. Wie die Bundesagentur für Arbeit am Donnerstag mitteilte, waren im Oktober insgesamt 204.792 Berliner als arbeitslos registriert. Das waren 4490 Arbeitslose weniger als im September. Zugleich sind derzeit aber auch 52.503 Männer und Frauen mehr arbeitslos als im Oktober vergangenen Jahres. Und: Die Arbeitslosenquote, die in Berlin im Mai erstmals seit vier Jahren auf über zehn Prozent gestiegen war, liegt weiterhin im zweistelligen Bereich. Im Oktober betrug sie 10,2 Prozent.

Tatsächlich hat sich die Lage am hiesigen Arbeitsmarkt den dritten Monat in Folge verbessert. Die zu dieser Jahreszeit übliche Belebung der Konjunktur habe sich trotz der Corona-Pandemie ausgewirkt, heißt es bei der Arbeitsagentur. So ging die Kurzarbeit abermals zurück. Im Juli, das sind die aktuellsten Zahlen dazu, hatten in Berlin 132.289 Beschäftigte kurzgearbeitet, während es im Mai noch über 192.000 waren. „Der Arbeitsmarkt in Berlin hat sich im Oktober gut stabilisiert“, sagt Bernd Becking, Chef der hiesigen Arbeitsagenturen.

Dennoch gibt es große Unterschiede: Einerseits fanden unter anderem im Handel, in der öffentlichen Verwaltung, im Sicherheitsgewerbe sowie in der Kranken- und Altenpflege wieder deutlich mehr Arbeitslose eine Beschäftigung. Zum anderen aber waren Unternehmen insbesondere der Tourismusbranche sowie des Hotel- und Gaststätten-Gewerbes und viele Soloselbstständige weiterhin von den Einschränkungen infolge der Pandemie betroffen.

Auch Arbeitsagentur-Chef Becking weiß, dass die Zahlen nur eine Momentaufnahme sind und die Richtung angesichts neuer Beschränkungen weitgehend offen ist. „Die Unsicherheiten bleiben bestimmend und werden die nächsten Wochen und Monate anhalten“, sagt er. Viele Tausend Beschäftigte seien immer noch in Kurzarbeit, und es drohten in einigen Branchen Schließungen. Die weitere Entwicklung am Arbeitsmarkt wird stark davon abhängen, inwieweit es gelingt, die Pandemie einzudämmen. Klartext Becking: „Die Zahl derer, die ihren Job verlieren und arbeitslos werden, ist weiter hoch.“

Umsätze des Berliner Gastgewerbes brachen ein

Insbesondere in den Dienstleistungsbranchen der Stadt ist die Lage bekanntermaßen dramatisch. Nach gerade veröffentlichten Zahlen des regionalen Amts für Statistik brachen die Umsätze des gesamten Berliner Gastgewerbes zwischen Januar und August gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum um 44,9 Prozent ein. Im Beherbergungsgewerbe ging der Umsatz sogar um 56,6 Prozent zurück. Die Folge: Bereits bis August wurden laut Statistischem Landesamt im Gastgewerbe 11,7 Prozent der Stellen gestrichen, in der Berliner Gastronomie waren es 13,1 Prozent.

Auch bei der hiesigen Industrie- und Handelskammer (IHK) sieht man den Berliner Arbeitsmarkt trotz Erholung im Oktober weiterhin im Corona-Krisenmodus. „Vor dem Hintergrund der aktuell verschärften Pandemie-Maßnahmen wird sich in den kommenden Monaten die Arbeitsmarktlage in allen Bereichen zuspitzen“, sagt IHK-Geschäftsführer Jörg Nolte und erwartet, dass die Auswirkungen im Gastgewerbe, Handel und Tourismus sowie der Veranstaltungswirtschaft zuerst spürbar sein werden. Nach seinen Angaben machten Soloselbstständige elf Prozent der Berliner Erwerbstätigen aus. Viele fürchteten aktuell um ihre Existenz. Allein im Oktober mussten sich 1682 Selbstständige arbeitslos melden.

Dass es dabei nicht nur um einzelne Branchen geht, zeigt eine aktuelle Umfrage der IHK unter Berliner Unternehmern. Danach erwarten zwei von drei Befragten, dass ihr Geschäft  frühestens in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres wieder auf Vor-Corona-Niveau laufen wird. Zudem halten 17 Prozent der Unternehmer eine Insolvenz für sehr wahrscheinlich oder wahrscheinlich. Das ist etwa jedes sechste Unternehmen in der Stadt. „Deutlicher kann man die aktuell schwierige Lage kaum ausdrücken“, sagt Henrik Vagt von der IHK.

Diese Unsicherheit hat längst auch den Ausbildungsmarkt erreicht. Viele Betriebe stellen keine Azubis ein, weil sie nicht wissen, ob ihr Unternehmen die Krise überleben wird. Andere sagen ab, weil sie eine ordentlich Ausbildung nicht gewährleisten können. Tatsächlich gibt es in Berlin derzeit mehr als 2200 Lehrstellen weniger als noch vor einem Jahr. In der Folge sind aktuell noch über 3300 Bewerber in Berlin ohne Lehrstelle. Ihnen stehen aber nur noch 1626 offene Ausbildungsplätze in der Hauptstadt zur Verfügung.

Das wiederum lässt sich ganz direkt auch an den jetzt vorgelegten Arbeitslosenzahlen ablesen. Denn völlig gegen den Trend stieg die Jugendarbeitslosigkeit im Oktober dramatisch an – vor allem unter den höchstens 20-Jährigen. Waren im September in dieser Altersgruppe noch 4051 Arbeitslose gemeldet, so waren es im Oktober über 4800. Das ist ein Anstieg um fast 19 Prozent, gegenüber dem Oktober des Vorjahres sogar um mehr als 43 Prozent.