Dass die Berliner Wirtschaft stabil auf Wachstumskurs ist und in diesem Jahr einen Zuwachs um mindestens 2,5 Prozent erwartet, sorgt auch weiterhin auf dem hiesigen Arbeitsmarkt für eine gute Entwicklung. So ging die Arbeitslosigkeit in der Stadt im Oktober weiter zurück.

Nach Angeben der Regionaldirektion der Bundesanstalt für Arbeit waren im vergangenen Monat 162.659 Menschen in Berlin ohne Arbeit. Das waren 2699 weniger als im September und 9347 weniger als im Oktober vergangenen Jahres.

Die Arbeitslosenquote in der Stadt sank auf 8,6 Prozent, damit wird ein weiteres Mal der niedrigste Stand seit Beginn der gesamtdeutschen Statistik im Januar 1991 markiert. Vor einem Jahr lag die Arbeitslosenquote noch bei 9,2 Prozent. Im Oktober 2015 waren noch 10,2 Prozent der erwerbsfähigen Berliner ohne Arbeit.

Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Denn in dieser Zahl nicht berücksichtigt sind ältere Langzeitarbeitslose oder Teilnehmer von Fort- und Weiterbildungen oder Leute, die krank sind oder die sich nicht arbeitsuchend gemeldet haben. Nimmt man sie hinzu, steigt die Zahl derer, die ohne Arbeit sind, auf 233.459 und die Quote auf 11,9 Prozent.

„Dennoch haben wir auch einen echten Rückgang der Arbeitslosigkeit“, sagte Bernd Becking, Regionalchef der Arbeitsagentur, am Donnerstag und verwies auf die Vergleichszahlen. Demnach waren in der sogenannten Unterbeschäftigung vor einem Jahr noch über 10.000 Menschen mehr registriert als derzeit.

58.000 neue Stellen

In jedem Fall gibt es in Berlin immer mehr Jobs. Zuletzt waren mehr als 1,433 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Ein Plus von fast 58.000 Stellen gegenüber dem Vorjahr. Angesichts guter Wirtschaftsprognosen geht man bei der Berliner Arbeitsagentur davon aus, dass der Beschäftigungsboom anhält. Auch die Investitionsbank Berlin rechnet in ihrer jüngsten Konjunkturprognose mit einem weiteren Rückgang der Arbeitslosenzahl. In der ersten Hälfte des nächsten Jahres könnte diese demnach unter 160.000 fallen.

Weniger aussichtsreich sieht es dagegen auf dem Berliner Ausbildungsmarkt aus. Denn während es einerseits immer mehr Jobs gibt, geht die Zahl der Lehrstellenplätze zurück, und es wächst die Zahl derer, die einen Ausbildungsplatz suchen, aber keinen bekommen. Die Arbeitsagentur zählte im September in der Hauptstadt noch 2348 junge Frauen und Männer ohne Ausbildungsplatz.

Schrumpfte um 154 Ausbildungsplätze

„Die Beteiligung der Berliner Unternehmen an der Ausbildung nimmt seit Jahren ab, trotz guter Konjunktur“, kritisierte Berlins Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Donnerstag die Situation. Es sei deren Aufgabe, genügend Ausbildungsplätze zu schaffen. Doch genau daran mangelt es.

Tatsächlich hatten sich in den vergangenen zwölf Monaten insgesamt 20.816 Jugendliche bei den Berliner Arbeitsagenturen, Jobcentern und Jugendberufsagenturen gemeldet, um bei ihrer Ausbildungssuche Unterstützung zu erhalten. Doch stehen ihnen aktuell nur 14.650 betriebliche Ausbildungsstellen zur Verfügung, und selbst deren Zahl schrumpfte gegenüber dem Vorjahr um 154 Ausbildungsplätze.

Wirtschaft in der Pflicht

„Die Zahl der gemeldeten Lehrstellen reicht weiterhin nicht aus, um allen Bewerbern eine duale Ausbildung anzubieten“, sagte Arbeitsagenturchef Becking. In einem funktionierenden Ausbildungsmarkt kämen auf einen Lehrstellenanwärter 1,2 Lehrstellen. In Berlin sei man davon weit entfernt. Tatsächlich gibt es nach dieser Rechnung in Berlin 10.000 Lehrstellen zu wenig. „Der Klage über Fachkräftemangel sollte auch die eigene Leistung folgen“, sagte Doro Zinke vom Deutschen Gewerkschaftsbund.

In der Wirtschaft will man das so nicht gelten lassen. Jörg Nolte von der IHK verwies darauf, dass vor allem bis 2015 mehr Ausbildungsplätze geschaffen wurden. Zudem würden auch in diesem Jahr wieder viele Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. 1200 seien es aktuell.

Somit existiert in Berlin das Paradox, dass es einerseits weit mehr Lehrstellenanwärter als Ausbildungsplätze gibt, zugleich aber viele Berufsbildungsmöglichkeiten nicht genutzt werden. Das zu geringe Ausbildungsangebot bleibt dabei dennoch das Hauptproblem. Darüber hinaus scheint in der Ausbildungsqualität mancherorts noch Potenzial zu stecken. Schließlich wird in Berlin etwa jede dritte Ausbildung vorzeitig abgebrochen. Das muss nicht immer am Betrieb liegen, die Ausnahme ist es aber sicher auch nicht. Es lohnt sich in jedem Fall, das Angebot zu verbessern. Die Ausbildungslosen von heute seien die Arbeitslosen von morgen, sagte Becking.