Ranghoher Beamter des Zolls: „Berlin ist das Eldorado der Schwarzarbeit“

Arbeitsmarktforscher rechnen wegen der Inflation mit einer Zunahme der Schwarzarbeit. Besonders in einem Bereich wird in Berlin kaum noch regulär angestellt. Ein Lagebericht.

Auf dem Bau wird jeder zweite Euro schwarz erwirtschaftet. Mindestens.
Auf dem Bau wird jeder zweite Euro schwarz erwirtschaftet. Mindestens.dpa/Julian Stratenschulte

Bevor wir den Mann treffen konnten, der hier Adam Sikora genannt wird, mussten wir ihm Anonymität zusichern. Sein Name sollte geändert werden, Fotos von ihm oder seinem Auto durften nirgendwo erscheinen. Auch das Kennzeichen war tabu. Nun sitzen wir neben ihm in seinem Wagen mitten in Berlin, während er aus der Distanz das Geschehen vor einem komplett eingerüsteten Wohnhaus schräg gegenüber beobachtet.

Sikora trägt Jeans und eine dunkle Outdoor-Jacke. In der rechten Hand hält er eine Lumix-Kamera mit Zoom-Objektiv. „60-fache Vergrößerung“, sagt er. Im Radio läuft leise der Berliner Rundfunk, der Motor von Sikoras Auto läuft auch. „Wenn die mich entdecken“, sagt er und nickt dabei mit dem Kopf in Richtung Baustelle, „dann sind Probleme mit dem Starter das Letzte, was ich brauche.“

Der Mann weiß, dass er selten willkommen ist. Immerhin können Leute seinetwegen ihren Job verlieren, müssen bis zu sechsstellige Strafen zahlen oder vielleicht sogar in den Knast. „Für die bin ich der Feind“, sagt Sikora. Bislang sei es aber immer gut ausgegangen. Auch bei einer Verfolgungsjagd, die er sich mit aufgebrachten Bauarbeitern lieferte, sei er davongekommen. Abgehängt habe er sie, erzählt er. Detektiv-Alltag.

Wenngleich Adam Sikora tatsächlich nicht viel läuft, sondern meist im Auto sitzt, bezeichnet er sich selbst als Baustellen-Läufer. Und so wird seine Tätigkeit auch beim Regionalverband der Fachgemeinschaft Bau benannt, bei der er angestellt ist. Sikora ist deutschlandweit der Einzige seiner Art. Er soll Schwarzarbeit auf Berliner Baustellen aufdecken, auf denen nach Angaben seines Arbeitgebers jeder zweite Euro schwarz erwirtschaftet wird. Ein Milliardenbetrag, für den weder Lohnsteuern noch Sozialabgaben gezahlt werden. Teilweise, so heißt es bei der FG Bau, existierten mafiöse Strukturen.

Sikora hat selbst die Hälfte seines Arbeitslebens auf Baustellen verbracht. Er ist gelernter Bautechniker, kam mit Mitte zwanzig als Monteur aus Polen in die DDR und blieb. Meist arbeitete er als Polier auf den Baustellen, war also der Meister vor Ort. „Ich kenne alle Tricks des Geschäfts, auch die ganz miesen“, sagt er. In den Neunzigern wurde er als kleiner Subunternehmer von einem Auftraggeber um 25.000 Mark betrogen. „Der ist einfach davongekommen, und ich habe das Geld nie bekommen“, sagt Sikora.

Während wir mit ihm durch die Straßen Schönebergs fahren, in denen etliche Häuser saniert werden, sagt Sikora immer wieder, dass er auch diese Baustelle schon gemeldet hätte. Um Hinweise auf Schwarzarbeit zu finden, genügt für ihn oft ein kurzer Blick. Es sind fehlende Bauschilder, Transporter ohne Firmennamen oder Bauleute in Turnschuhen, die ihn aufmerksam werden lassen. Aber auch Arbeiter mit ladenneuen Helmen und Jacken können für ihn verdächtig sein. Er sagt, dass er Schwarzarbeiter am Verhalten erkennen kann. „Ich sehe ihnen das schlechte Gewissen an.“

Ein Zehntel des BIP entsteht vorbei an Steuern und Sozialabgaben

Und selbst hinter korrekten Bauschildern entdeckt Sikora mitunter noch die Schatten. Einmal hatte er den Namen einer Firma auf den Schildern von drei Wohnungsbaustellen als ausführendes Bauunternehmen entdeckt und bei der Abfrage erfahren, dass die Firma insgesamt nur fünf Mitarbeiter gemeldet hatte. Dann steigt er tiefer ein. Er beobachtet, macht Fotos, dokumentiert und meldet verdächtige Baustellen an den Zoll, der diese dann nach Prüfung und Kapazität kontrolliert. In vielen Fällen werde der Zoll nach den Hinweisen des Bauprofis fündig, heißt es bei der FG Bau.

Dass sich Schwarzarbeit in diesem Land überhaupt so gut verstecken kann, ist allerdings durchaus erstaunlich. Denn sie ist alles andere als selten. Experten taxieren ihr Volumen in Deutschland auf jährlich etwa 340 Milliarden Euro. Damit wird etwa ein Zehntel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der größten Volkswirtschaft Europas vorbei an Steuern und Sozialabgaben generiert. Für das vergangene Jahr bezifferte der Zoll den bundesweiten Schaden durch Schwarzarbeit auf 790 Millionen Euro. Doch damit werden nur die aufgedeckten Fälle beziffert. Ein Bruchteil, dem eine sehr hohe Dunkelziffer gegenübersteht. Und die Schwarzarbeit nimmt zu.

Schattenwirtschaft wächst doppelt so schnell wie die Realwirtschaft

Arbeitsmarktforscher der Universität Tübingen rechnen fest damit, dass die hohen Teuerungsraten bei gleichzeitig schwacher Konjunktur die Schwarzarbeit in Deutschland anheizen werden. Firmen werden versuchen, sich durch kriminell gedrückte Personalkosten Vorteile im verzerrten Wettbewerb zu verschaffen. Darüber hinaus befeuert der Fachkräftemangel die illegale Arbeit, weil halbwegs attraktive Löhne nur schwarz gezahlt werden können, wenn das Geschäftsmodell der Firmen ohnehin nur durch kriminelle Energie Tragfähigkeit erlangt.

Allein für dieses Jahr erwarten die Tübinger Arbeitsmarktforscher einen Anstieg der Schattenwirtschaft um einen zweistelligen Milliardenbetrag. Das wäre eine Zunahme um mindestens drei Prozent, während für die Realwirtschaft ein Wachstum um höchstens 1,8 Prozent erwartet wird. Die deutsche Schattenwirtschaft wird also doppelt so schnell wachsen.

Axel Oswenda, Sachgebietsleiter bei der Finanzkontrolle Schwarzarbeit in Berlin
Axel Oswenda, Sachgebietsleiter bei der Finanzkontrolle Schwarzarbeit in BerlinBerliner Zeitung/Jochen Knoblach

In Berlin wird der Kampf gegen Schwarzarbeit in einem alten Tempelhofer Fabrikgebäude zwischen Ullsteinstraße und Teltowkanal koordiniert. Dort hat die Finanzkontrolle Schwarzarbeit, kurz FKS, ihren Sitz. Eine Division des Zolls mit 300 Mitarbeitern, die in dieser Stadt Schwarzarbeit, illegale Beschäftigung und Verstöße gegen Mindestlohnzahlung aufdecken und beweisen sollen. 300 Kontrolleure für eine Stadt mit nahezu 200.000 Unternehmen und gut zwei Millionen Erwerbstätigen. Sogar die BVG kontrolliert ihre Busse und Bahnen besser, hat 170 Kontrolleure für 3200 Fahrzeuge im Einsatz.

In einem Konferenzraum im Erdgeschoss des Hauses sitzen wir Axel Oswenda gegenüber. Als FKS-Sachgebietsleiter ist er Berlins zweithöchster Jäger der Schwarzarbeit. Als wir ihn fragen, was er von der vorausgesagten Zunahme der Schwarzarbeit hält, bleibt Oswenda einsilbig. „Kann sein“, sagt er und lässt deutlich erkennen, dass er nicht allzu viel hält von Prognosen, die in Instituten von Universitäten aufgestellt werden. Er weiß, was hier los ist. Was soll hier noch zunehmen? „Berlin ist das Eldorado der Schwarzarbeit.“

Oswenda, 55 Jahre alt, kennt die Stadt und ihre Schattenwelt besser als die meisten Berliner. Der gebürtige Neuköllner arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten bei der FKS und hat selbst schon etliche Kneipen, Hotels, Baustellen und Kurierdienste kontrolliert. Einige Restaurants, so erzählt er, habe er privat nie wieder besucht, weil er dort bei Razzien in die Küche schauen konnte. Verdächtig sei jede Branche, in der keine besondere Qualifikation erforderlich ist, sagt der FSK-Mann. Berlin, die Stadt der Anonymität und tausend Möglichkeiten.

Dort versteckt sie sich und kann oft nur durch einen Tipp entdeckt werden. „Die beste Quelle ist immer noch die verlassene Ehefrau“, sagt Oswenda. Tatsächlich gehen bei der Berliner Zoll-Behörde jährlich mehr als 10.000 anonyme Hinweise auf Schwarzarbeit ein. Meist sind es Konkurrenzunternehmen, die sich gegen den unlauteren Wettbewerber wehren wollen, ehemalige Mitarbeiter oder Ex-Partner. „Rache ist ein starkes Motiv.“

Ansonsten beginnt die Ermittlungsarbeit am Schreibtisch. Beispielsweise wird geprüft, ob die Zahl der für ein Lokal gemeldeten Angestellten zu den Öffnungszeiten passt. Wenn nicht, schaut sich ein Beamter das Lokal zunächst allein an. Gegebenenfalls rückt ein FKS-Kommando zu einer Razzia an. 2020 wurden in der Stadt rund 1800 Firmen überprüft, wobei der Schwerpunkt auf der Bekämpfung organisierter Formen der Schwarzarbeit liege. Im Ergebnis wurden knapp 5000 Ermittlungsverfahren wegen einer Straftat oder Ordnungswidrigkeit eingeleitet und am Ende Bußgelder über insgesamt 1,2 Millionen Euro verhängt, während eine Schadenssumme von 63 Millionen Euro ermittelt wurde.

Dabei läuft das Geschäft immer gleich. Wer schwarz arbeitet, ist entweder per Vertrag für wenige Stunden angestellt oder in keiner Personalkartei gelistet. Bezahlt wird in jedem Fall cash. In der Gastronomie kommt das Geld dafür mit jeder Rechnung in die Kasse, die auf dem „Brauerei-Block“ präsentiert wird, wie Oswenda es nennt. So werden Umsätze generiert, die nicht durch die Bücher laufen.

Hartz IV kassieren und für cash arbeiten: Komplizenhafte Abhängigkeit

Basiert das Schwarzarbeitsverhältnis zudem auf komplizenhafter Abhängigkeit, kann das Geld nahezu spurlos seinen Lauf nehmen. Etwa dann, wenn die Beschäftigten eigentlich Hartz IV beziehen. Eine „unheilige Symbiose“, sagt Oswenda, da in dieser Konstellation Arbeitnehmer wie Arbeitgeber eine Straftat begehen. Die Folge sei eine Allianz des Schweigens. „Eine recht sichere Sache“, sagt Oswenda, der täglich erfährt, dass Schwarzarbeit nach wie vor, wenn nicht zunehmend, als Kavaliersdelikt verstanden wird. „Am Ende wundern sie sich, dass sie nach 40 Jahren Arbeit nur ein paar Hundert Euro Rente bekommen.“

Auf dem Bau in Berlin ist alles noch etwas größer. Natürlich gibt es noch immer den Bauarbeiterstrich in Moabit, wo die Tagelöhner vor einem Bäcker auf Auftraggeber warten. Und es gibt die Handwerker, die morgens in Baumärkten einkaufen, um ohne Rechnung Bäder zu fliesen oder Fassaden auszubessern. Aber sie sind gewissermaßen nur die Ladendiebe unter den Schwarzarbeitern. Die Zeiten, in denen Leute von der Baustelle rannten, wenn Zollbeamte zu einer Razzia vorfuhren, seien längst vorbei, sagt Christoph Bock, Referatsleiter Hochbau bei der Fachgemeinschaft Bau in Berlin. Tatsächlich sei auf den Baustellen kaum einer ohne gültigen Arbeitsvertrag, sondern regulär angestellt.

Was sich hinter den Verträgen verbirgt, ist bei der Sozialkasse des Berliner Baugewerbes zu erfahren. Denn dort melden die Unternehmen ihre Beschäftigten. Demnach arbeitet auf den Tausenden Baustellen dieser Stadt etwa jeder Dritte in Teilzeit. Außerdem sind fast drei Viertel der Beschäftigten für Helfertätigkeiten angestellt. „Das ist lächerlich“, sagt Bock. Teilzeit gebe es auf dem Bau so gut wie gar nicht und Helfertätigkeiten machten allerhöchstens 20 Prozent aus.

Der Trick dahinter: Die Leute sind in der Regel mit einem ordentlichen Vertrag als Hilfsarbeiter für ein paar Stunden angestellt. Tatsächlich arbeiten sie täglich acht bis zehn Stunden und bekommen den Lohn dafür bar ausgezahlt – an der Steuer und an Sozialabgaben vorbei. Bock nennt das, was auf den Baustellen in der Republik läuft, die organisierte Form der Schwarzarbeit. Und die reicht bis hinein in die Bargeldbeschaffung.

Tatsächlich haben dafür Bauunternehmen und sogenannte Scheinrechnungsfirmen ein engmaschiges Netzwerk geknüpft. Um an Bargeld zu gelangen, vergibt ein Unternehmen einen Auftrag an eine Firma, die dafür eine Rechnung stellt. Diese wird dann von dem Bauunternehmer per Überweisung bezahlt. So weit, so legal. Doch Auftrag und Rechnung gibt es nur zum Schein und so zahlt die Scheinrechnungsfirma den überwiesenen Betrag abzüglich einer Provision von vielleicht zehn Prozent in bar an den Bauunternehmer zurück. Mit dieser gefälschten Rechnung kann dieser bei Kontrollen behaupten, die Arbeit hätten nicht seine Angestellten gemacht, sondern ein Subunternehmer. Mit dem Bargeld bezahlt er seine Arbeiter.

Über die Wirkprinzipien wird erstaunlich offen gesprochen. Es sei „kein Geheimnis“, dass das so funktioniere. Aber gibt es nicht auch hier anonyme Anzeigen von ehrlichen Firmen, die im Preiskampf um Aufträge nicht mithalten können, wenn die Personalkosten etwa die Hälfte der Kosten ausmachen? „Wenig“, sagt Bock und erklärt es damit, dass niemand einen anderen anschwärzen wolle.

Der Baustellen-Läufer Adam Sikora sieht noch einen anderen Grund. „Man kennt sich und man braucht sich“, sagt er. Und glaubt auch nicht, dass nur auf etwa jeder zweiten Berliner Baustelle schwarz gearbeitet wird. „Das sind locker 80 Prozent.“