Berlin - Matthias Wemhoff ist ein gefragter Mann, oft im Radio zu hören, im Fernsehen zu sehen. Als Chef der Berliner Bodendenkmalpflege ist er verantwortlich für alle Funde, die unterhalb der Berliner Grasnarbe gemacht werden. An der Wand seines Büros hängt aber auch eine große Ostpreußen-Karte. Wir treffen ihn  im neuen Archäologischen Zentrum der Staatlichen Museen,  gegenüber der Riesenbaustelle des Pergamonmuseums.

Als 1910 die Bauarbeiten zum Pergamonmuseum begannen, fand sich im Schlamm eine bronzezeitliche Urne. Gibt es die  noch?

Wenn sie kein Kriegsverlust ist, gibt es die Urne sicher noch. Wir werfen eigentlich nichts weg, und bis 1945 kamen alle Funde, die wie die von der Museumsinsel auf preußischem Staatsland gemacht wurden, automatisch ins Museum für Vor- und Frühgeschichte. Das ist einer der Gründe, warum wir über unsere bis Troja, Afrika und Frankreich reichende internationale Sammlung hinaus auch für Mitteleuropa so weit gespannte Bestände haben. Preußen reichte schließlich vom Rheinland bis nach Ostpreußen.

Hängt deswegen eine Karte von Ostreußen an der Wand des Chefs der Berliner Bodendenkmalpflege?

Ostpreußen ist archäologisch  eines der interessantesten Gebiete Europas. Da gibt es eine einzigartige Siedlungsgeschichte und große internationale Kontakte schon in der Jungsteinzeit wegen des Bernsteinhandels. Außerdem sind wir der Erbe des einstigen Provinzialmuseums im Königsberger Schloss. Dessen Bestände waren 1945 nach Pommern gebracht worden. Etwa die Hälfte wurde dort geplündert oder ist verloren gegangen, der Rest landete nach 1949 in den Kellern der DDR-Akademie der Wissenschaften. Dort wurden sie aus politischen Gründen regelrecht geheim gehalten. Jetzt arbeiten wir mit den Kollegen in Kaliningrad/Königsberg, in Polen und in Schleswig zusammen, um die ostpreußischen Sammlungen digital zusammenzuführen. Alle können  zugreifen. 

Gibt es dafür viele Interessenten?

Total. Wir haben vor zwei Jahren die Funde aus der Prussia-Sammlung ins Netz gestellt, und seitdem kommt kaum noch eine wissenschaftliche Arbeit mehr ohne Ostpreußen-Bezug aus. Und es gibt einen regelrechten Run auf Leihgaben für Ausstellungen, vor allem von den Kollegen in Polen und Litauen. Da entstehen ganz neue Netzwerke und neue Erkenntnisse.

Königsberg, Troja, Afrika – können Funde aus dem Berliner Raum mit solchen Beständen mithalten?

Ohne weiteres. Berlins Vorgeschichte reicht zurück bis in die Altsteinzeit, auch wenn die Funde durch die Eiszeiten verstreut wurden. Und das Besondere an der Archäologie ist  ja, dass sie immer konkret ist, mit dem speziellen Ort und einzelnen Objekt zusammen hängt. Wir haben hier in Berlin die Chance, die  großen Zusammenhänge der europäischen Vor- und Frühgeschichte zu zeigen und zugleich das ganz Regionale, sogar Lokale. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal.

Wann fängt also die Berliner Archäologie an?

Eben gestern – das jüngste Stück, das wir im Neuen Museum ausstellen, ist eine Leuchtpatrone von der Berliner Mauer. Oder erinnern Sie sich an den Berliner Skulpturenfund. Kunstwerke, die 1937 von den Nazis in der Ausstellung Entartete Kunst gezeigt worden waren, fanden sich im Schutt eines Hauses an der Rathausstraße wieder, direkt neben dem Tresor eines Widerstandsmitglieds – das ist eine Geschichte, die können sie nur mit der Archäologie herausfinden. Jeder verschüttete Keller ist eine Herausforderung.

Ist in Berlin noch viel zu finden nach all den Kriegen, Straßenbauten und Abrisswellen?

In der Innenstadt sind wir wahrscheinlich die erste, aber auch die letzte Generation, die halbwegs systematisch archäologische Forschung betreiben kann. Aber der Berliner Raum war immer besiedelt – mal dichter, mal dünner.

Wie steht es um das Interesse für  die Innenstadt?

Vor der Wende gab es kaum Grabungen in der Altstadt, auch beim Bau des Palastes der Republik hat man sich nicht für die Geschichte des Schlosses und schon gar nicht für die Cöllns interessiert. Mit dem Hauptstadtbeschluss hat sich das etwas geändert, aber ein Großteil der Grabungen ist erst in den vergangenen zehn Jahren geschehen, seit das wirtschaftliche Interesse auf die  alte Innenstadt und die  noch unbebauten Randgebiete drückt. Da konzentrieren wir uns besonders auf den Bereich innerhalb der alten Stadtmauern: Die Grabungen am Schlossplatz, vor dem Staatsrat, am Petrikirchplatz in Cölln, wo wir das  alte Stadtzentrum freilegen konnten mit Lateinschule, Friedhof, den ersten bürgerlichen Häuserzeilen,  Rathaus, Kirche, Marktplatz. Und dann ist da natürlich die Grabung an der Rathausstraße, wo erstaunliche Reste des Berliner Rathauses zutage traten.  Das war einmal das wirtschaftliche, politische und soziale Herz der Stadt.

Kann man diese Reste  bewahren?

Wir haben die Pflicht, das zu erhalten, sichtbar werden zu lassen. Wir dokumentieren nicht mehr nur und baggern dann ab wie noch in Dresden an der Frauenkirche, sondern versuchen, eine Nutzung zu finden, die die Reste mit einbezieht. Noch im Wettbewerb für das Humboldtforum war  gar nicht vorgesehen, die Reste des Schlosses aufzuheben. Franco Stella aber hat das gleich mit geplant. Die Entscheidung, die Schlosskeller zu erhalten, war dann der Durchbruch auch für andere Projekte – das Archäologische Zentrum am Petrikirchplatz oder die Rathauskeller. Am Rathaus kann man die Dynamik sehen, mit der sich Berlin im Mittelalter entwickelt hat.

Wohin kommen die vielen Funde?

Das Land Berlin hat ein neues Magazin  bauen lassen. Und ich bin schon der Meinung, dass man nahezu alles aufheben sollte.

Haben sie als Westfale  einen  nüchterneren Blick für die langen Linien der Geschichte als viele Berliner?

Möglich. Ich komme ja aus einer Stadt, die auf ihr Alter sehr stolz ist. Aber auch den Ausbau Berlins besorgte die Energie der Bürger,  Kaufleute, Handwerker. Wenn der Kurfürst um 1450 seine Macht in der Mark Brandenburg behalten wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als in Berlin und nicht etwa in Spandau, Bandenburg oder Köpenick sein Schloss zu bauen. Das falscheste, was jemals über Berlin gesagt wurde, war Wolf-Jobst Siedlers Satz: „Das Schloss war nicht in Berlin, Berlin war das Schloss.“ Eher ist es  so, dass es ohne bürgerliches Berlin auch kein Schloss gegeben hätte.

Welche Kriterien gelten denn, um etwas zu erhalten?

Eine gewisse Spannbreite der historischen Erzählung muss gezeigt werden können – in den Schlosskellern etwa die modernen Maschinen der Kaiserzeit. Auch der Erhaltungszustand spielt eine Rolle. Aber zentral bleibt: Keine Fläche wird  ohne Grabung aufgegeben oder neu bebaut.  Über das kleine  Grundstück an der Stralauer Straße etwa, hinter der Niederländischen Botschaft, wo jetzt ein Hotel steht, hätte man auch sagen können: Meine Güte … und dann haben wir da das bisher älteste Haus Berlins nachweisen können.

Haben sich in den letzten Jahren auch neue Perspektiven ergeben?

Die Funde von den Grabungen auf dem Schlossplatz und dem Petrikirchplatz  wurden teilweise auf 1170, 1160 datiert. Bisher sagten  die Historiker, erst um 1200 fängt die Stadtentwicklung an. Wir müssen also den historischen Rahmen der Stadtgründung neu bewerten. Aus allen jüngeren Funden sehen wir: Hinter der Gründung von Berlin und Cölln steht politische Kraft. Erst mit der Rechtssetzung kommen die Einwanderer aus Flandern, Westfalen, Niedersachsen. Das erzählen uns unter anderem die Knochen von den Friedhöfen.

Das Gespräch führte Nikolaus Bernau.