Berlin - Das ist schon paradox. Wer auf dem Tempelhofer Feld steht, sieht eigentlich nicht viel – außer einer riesigen Freifläche und natürlich dem gigantischen Flughafenbau, der sich über 1.300 Meter erstreckt. Und trotzdem ist das Areal wohl einer der wichtigsten Orte in der jüngeren deutschen Geschichte. Denn gräbt man dort, wird man nach wenigen Spatenstichen fündig.

Fachleute vom Institut für Vorderasiatische Archäologie haben das von Anfang Juli bis Mitte Oktober gemacht und dabei jede Menge Material ans Tageslicht befördert. Fast 10.000 Fundstücke haben die Forscher entdeckt – nichts Altvorderes, sondern Stücke realer deutscher Geschichte.

Dabei mussten sie nicht mal tief graben. Im Areal eines ehemaligen Feuerlöschteichs tauchten sofort Hinterlassenschaften der amerikanischen Alliierten auf. Stahlhelme, die Halterungen von Hinterrädern der Rosinenbomber, aber auch Delikates: Salben gegen Geschlechtskrankheiten. Die verantwortlichen Offiziere hatten wohl Sorge, dass die tiefgehenden Verbrüderungen der GI’s mit deutschen Damen schwerwiegendere Folgen haben könnten. Der Flughafen war nach 1945 einer der wichtigsten Stützpunkte der Amerikaner in Berlin.

Umrissen von Barackenlagern

Danach, oder besser darunter, stießen die Archäologen auf das wohl dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte – die Nazidiktatur. Auf dem Flugfeld gab es seit Anfang der 40er-Jahre ein großes Zwangsarbeiterlager. Die aus Osteuropa, Belgien und Frankreich stammenden Männer und Frauen mussten für die deutsche Rüstungsindustrie schuften, ganz konkret für das heutige Vorzeigeunternehmen Lufthansa und die Bremer Firma Weser-Flughafenbau. Die ließen auf dem Tempelhofer Feld Kampfmaschinen montieren und reparieren. Überreste davon haben die Archäologen gefunden – Teile von Cockpits und Lichtmaschinen.

Direkt unter der Grasnarbe tauchten die Umrisse der Fremdarbeiterbaracken auf. In den zwölf Meter langen Holzhäusern waren jeweils bis zu 100 Zwangsarbeiter eingepfercht. Rund 4000, so schätzen jedenfalls Historiker, waren auf dem Areal interniert. Diese Barackenlager, stadtweit sollen es bis zu 1000 gewesen sein, zeugen davon, wie wichtig Fremdarbeiter für die deutsche Rüstungsproduktion waren. Bei weiteren Grabungen tauchten Bestecks auf – in den 20er-Jahren gab es auf dem späteren Flugfeld auch zahlreiche Ausflugslokale.

Danach kommen Sargbeschläge und -griffe ans Licht, dort befand sich auch ein Friedhof, auf dem Opfer der Kämpfe von 1870/71 beerdigt wurden. Landeskonservator Jörg Haspel will deshalb auf dem Flugfeld einen historischen Pfad anlegen lassen. Anlass der Grabungen war die zunächst auf dem Tempelhofer Feld geplante Internationale Gartenbauausstellung, weitere Grabungen sind geplant.

Wer auf dem Tempelhofer Feld oder der Tempelhofer Freiheit (so der frühere Name) nach weiteren Erinnerungsstücken sucht, muss nur an der richtigen Stelle graben. Hier stand das erste Konzentrationslager – eingerichtet im Columbia-Haus, einem ehemaligen Polizeigefängnis. 8000 Menschen litten dort während der Nazi-Diktatur.