Berlin - Achtung! Wie alt ist Berlin? 775 Jahre, wird ja schließlich überall gefeiert, mit Regierendem Bürgermeister, riesigem Stadtplan und Pipapo. Das Jahr 1237 für die ersturkundliche Erwähnung lernt jedes Berliner Kind. Und dennoch ist die Stadt älter. Mindestens 70 Jahre. Auf einer Hotelbaustelle an der Stralauer/Ecke Klosterstraße in Mitte sind vor zwei Wochen Reste eines Hauses gefunden worden. Ein verkohlter Fachwerkbalken aus Holz wurde auf das Jahr 1174 datiert.

Damit gilt das Haus als ältestes Berlins. Als ältestes Haus Alt-Berlins wohlgemerkt, denn vor einigen Jahren wurden an der Breiten Straße in Mitte, dem alten Cölln also, Reste eines Hauses aus dem Jahr 1171 ausgebuddelt. Das ist bisher Rekord. Die Mark Brandenburg wurde im Jahr 1157 endgültig deutsch und erst dann durchgehend besiedelt. Vorher war die Gegend slawisch, das Spreeufer aber offenbar unbewohnt. Anders als in Brandenburg – etwa am Ufer der Havel – gibt es hier keine spätslawische Bebauung.

Die älteste Sau der Stadt

Doch das spektakulärste Fundstück an der Stralauer Straße, das Star-Artefakt gewissermaßen, ist gar nicht der alte Fachwerkbalken, sondern ein Gerippe. Es stammt von einem Hausschwein und ist genau so alt wie das Holzstück. Es handelt sich also um die älteste Sau Berlins. Sie war offenbar bereits geschlachtet, als das Holzhaus irgendwann vor 800 Jahren abbrannte. Vielleicht ist das Haus ja abgebrannt, als man das Tier grillte…

Auf solche allzu lebensnahen Spekulationen wollten sich die Fachleute nicht einlassen. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, Landesarchäologe Matthias Wemhoff und Landesdenkmalchef Jörg Haspel waren am Freitag zu der Baustelle geeilt, um über den spektakulären Fund zu informieren. Senatsbaudirektorin Lüscher zeigte sich erleichtert, dass sie sich diesmal über einen Holzfund im Berliner Untergrund freuen durfte. Wie berichtet, haben zuletzt Balken und Stämme dazugeführt, dass sich die Restaurierung der Staatsoper bis ins Jahr 2015 hinzieht.

Einordnende Worte fand Berlins oberster Archäologe Wemhoff: „Dies ist das älteste nachgewiesene Haus auf der Berliner Spreeseite.“ Jetzt wolle man das Schweineskelett und das umliegende Erdreich in Kistenform ausschneiden und später ausstellen. Als Landesarchäologe ist Wemhoff auch Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, das seine Funde im Neuen Museum auf der Museumsinsel zeigt. „Man hat wirklich sehr selten einen so schönen kompletten Befund“, schließt Wemhoff.

Wobei … komplett? Na, ja. Spätere Generationen haben dem mittelalterlichen Haus, das auf 12 bis 15 Quadratmeter Grundfläche geschätzt wird und durchaus zweistöckig gewesen sein könnte, schwer zugesetzt. Irgendwann im Laufe des 17. Jahrhunderts, mithin 500 Jahre später, ist an selber Stelle ein barockes Palais entstanden. Davon sind mächtige Kellermauern erhalten.

Doch tatsächlich ist der Bauplatz, strategisch günstig fast an der Spree in unmittelbarer Nähe zum Übergang Mühlendamm gelegen, noch viel älter. Wie berichtet, wurden dort vor vier Wochen sogar Scherben und Feuersteinreste aus der Steinzeit gefunden. Die Scherben sind anhand ihres charakteristischen Dekors der Glockenbecherkultur zuzuordnen – also bis zu 4 600 Jahre alt. Gefundene Speerspitzen und Werkzeugreste könnten sogar aus der Mittelsteinzeit (9500 bis 5000 vor Christus) stammen.

Barocke Kellermauern müssen einer Tiefgarage weichen

Ans Licht gebracht hat all diese Dinge das Team von René Bräunig. Der Archäologe gräbt im Auftrag des Bauunternehmens KapHag auf dem Areal im Rücken der niederländischen Botschaft des Architekten Rem Koolhaas. Die KapHag will auf dem Gelände, das nach den Kriegsschäden des zweiten Weltkriegs als Parkplatz genutzt wurde, für eine internationale Kette ein Drei-Sterne-Hotel errichten. So wie jeder, der im historischen Berlin gräbt, muss der Bauherr vorher die Archäologen ranlassen.

Wird es also demnächst mitten in Berlin ein Hotel „Zum Alten Schwein“ geben, oder vielleicht „Zur Ältesten Sau“? „Ach, nein“, sagt KapHag-Geschäftsführer Jürgen Tiemann. „Das passt dann doch nicht recht.“ Doch der Investor habe zugesichert, dass er in der Lobby eine Vitrine aufstellt. „Dort können Fundstücke aus der Baugrube gezeigt werden“, so Tiemann.

Bereits in einer Woche soll begonnen werden, die barocken Kellermauern abzutragen. Sobald die Mauern weg sind, entsteht eine Tiefgarage für das Hotel. So lange hat Archäologe René Bräunig also noch Zeit, die Wundergrube der Jahrtausende an der Klosterstraße zu durchkämmen. Wer weiß, was er noch alles findet.