Die mahnenden Worte können eindeutiger kaum sein. Höchste Bedenken bei der Diskussion um neue Hochhäuser in Berlin habe er, sagte jetzt der Star-Architekt Hans Kollhoff. Denn die Investitionsbereitschaft der Bauherrn sei heute deutlich geringer als früher. Darunter leide die Qualität.

„Bevor man anspruchslose Kisten hinsetzt, soll man noch ein bisschen warten“, empfiehlt Kollhoff in einem Interview mit dem Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) – und rät zur Zurückhaltung bei der Gestaltung des Alexanderplatzes. Der US-Investor Hines plant dort den Bau eines 150 Meter hohen Turms, der neben dem 2008 fertiggestellten Saturn-Gebäude entstehen soll. Schon das Saturn-Gebäude, das ebenfalls von Hines errichtet wurde, kommt bei Kollhoff nicht gut weg. „Das ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe“, sagte der Architekt.

Kollhoff hat vor rund 20 Jahren den städtebaulichen Wettbewerb für die Gestaltung des Alexanderplatzes gewonnen. Nach seinem Masterplan sollen rund um den Platz zehn 150 Meter hohe Turmhäuser entstehen. Besonderheit des preisgekrönten Entwurfs: Die Türme sollen aus blockartigen Sockelbauten empor wachsen. Das 2008 fertiggestellte Saturn-Gebäude ist der erste neue Sockelbau direkt auf dem Alex. Mit der architektonischen Qualität ist Kollhoff jedoch überhaupt nicht einverstanden. Laut RBB macht der Architekt dafür Senatsbaudirektorin Regula Lüscher verantwortlich. „Wenn Frau Lüscher da klein beigibt, muss ich sagen: Mit den Billigheimern kriegt man das nicht hin“, so Kollhoff.

An dem Architekturwettbewerb für den Hochhausturm, der zurzeit vorbereitet wird, wolle er sich nicht beteiligen, gab Kollhoff zu Protokoll. Zugleich appellierte er an Hines, bei dem Projekt jene Maßstäbe zu setzen, die für dessen Bauten im New Yorker Stadtteil Manhattan gegolten hätten. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher wies Kollhoffs Kritik zurück. Sie gehe „an die falsche Adresse“, sagte sie der Berliner Zeitung. Denn nicht sie habe den Bau des kritisierten Sockelgebäudes auf dem Alex genehmigt, sondern der Bezirk Mitte. Im Jahr 2007.

Lüscher bedauert Absage

Auffällig: Während für alle großen Projekte in der City normalerweise Architekturwettbewerbe durchgeführt werden, um den besten Entwurf zu finden, war bei der Planung des Saturn-Gebäudes darauf verzichtet worden. Nach Angaben aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung war dies noch unter Lüschers Amtsvorgänger Hans Stimmann so entschieden worden.

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Dass sich ausgerechnet der Chefplaner des Alexanderplatzes nicht an der Gestaltung der Hochhäuser beteiligen will, hat die Senatsbaudirektorin überrascht. „Ich bedauere, dass Hans Kollhoff jetzt schon entschieden hat, an dem Verfahren nicht teilzunehmen“, sagte Lüscher. Bei dem anstehenden Wettbewerb werde sich herausstellen, ob sich der Turm von dem bestehenden Sockelgebäude bewusst abheben oder ob architektonisch ein Gesamtgebäude entstehen werde, so die Senatsbaudirektorin.

Hines-Geschäftsführer Christoph Reschke betonte, dass sein Unternehmen „für qualitätsvolle, anspruchsvolle und zeitgemäße Architektur“ stehe. „Dies gilt natürlich insbesondere für das höchste Hochhaus Berlins.“ Hines werde in diesem Sommer den Architektenwettbewerb initiieren, „zu dem national und international renommierte Architekturbüros eingeladen werden“, kündigte Reschke an. Die Wettbewerbsteilnehmer stünden heute noch nicht fest. Sie sollen in Abstimmung mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und dem Bezirk Mitte festgelegt werden. Ebenso wie die Jury.

Unterstützung erhält Kollhoff unterdessen von dem früheren Stadtentwicklungssenator Volker Hassemer (CDU), in dessen Amtszeit der städtebauliche Wettbewerb für den Alexanderplatz entschieden wurde. Hassemer sagte am Mittwoch, es gehöre eigentlich „zu den Selbstverständlichkeiten die Kritik des Wettbewerbssiegers (hier Kollhoff) ernst zu nehmen. Für seinen Entwurf hatten wir uns nach einem sehr gut besetzten Wettbewerb und nach politischer Diskussion entschieden.“ Kollhoff habe „den Alexanderplatz heilen und zum Stadtplatz Nr. 1 in Berlin machen“ sollen, so Hassemer.

Der Architekturhistoriker Bruno Flierl rief dazu auf, die bisherige Planung für den Alexanderplatz in Frage zu stellen. Er sei nicht generell gegen den Bau von Hochhäusern, so Flierl. Doch dürften diese nicht den Blick auf den zu DDR-Zeiten errichteten Fernsehturm verstellen. „Ich bin dafür, dass wir eine neue Debatte über den Alexanderplatz führen“, sagte Flierl.