Der Bau atmet geradezu die Aura von Geheimnis, Macht und Verrat. Keinem Privatkonzern wäre eine solch ausgreifende, monumentale Selbstdarstellung mitten in der Stadt gestattet worden, keine andere Bundesverwaltung hat sich jemals zu einer solchen Architektur der Macht hinreißen lassen.

Versprechen wurden nicht eingehalten

Der breite Rayon, der die neue Zentrale des BND auf allen Seiten umgibt, löst mit den straffen Zaungittern und den schrägen Gräben Bilder alter Festungsanlagen aus. Auch die dürren Bäumchen, die lächerlichen Kunst-Palmen (ist in ihnen ein Riesen-Mikro, eine Kamera, ein Abhörgerät versteckt?), der gewaltige rostorangene Monolith, der von vielen Höfen aus sichtbar ist, schon gar nicht die streng geschnittenen Hecken brechen den Eindruck radikaler Distanzierung von der umgebenden Stadt auf.

Dabei war der Entwurf von Jan Kleihues 2005 von der Drei-Mann-Jury auch deswegen so gelobt worden, weil er sich gut in die Stadt einpasse. Ein Versprechen, das so wenig eingehalten wurde wie die Kosten des Umzugs aus Pullach nach Berlin, die auf 1,3 Milliarden Euro anstiegen.

Luxus erinnert an Fürstenpalais

Es ist einer der größten öffentlichen Bauten Europas, angeblich der größte Deutschlands. 14.000 Fenster mit jeweils 75 Zentimeter Breite – drei pro Standardbüro – öffnen sich in den mit eloxiertem Aluminium verkleideten Fassaden. Sie scheinen aber blind zu sein, starr vor Sicht- und Abhörschutz. Nach Angaben des Architekten sind die Fenster zu öffnen. Allerdings sieht man diese Möglichkeit dem Bau nicht an. Und jede Behauptung ökologischer Verantwortung bricht an dem extrem energieintensiven Materialluxus zusammen.

Strikt geradeaus sind die Fassaden entworfen, scheinbar immer im gleichen Takt gegliedert – die feinen Unterschiede nimmt man erst bei sehr genauem Studium dieser Riesenanlage wahr. Das erinnert an Hans Poelzigs IG-Farben-Bau in Frankfurt, an das einstige Reichsluftfahrtministerium Görings, und wie bei diesen wird die Mitte durch einen Ehrenhof betont. Erinnert ist damit aber auch an barocke Fürstenpalais mit ihren Vorhöfen, in denen heute noch in Paris oder einst im königlich-kaiserlichen Berlin an der Wilhelmstraße hohe Politik gemacht wurde.

BND-Zentrale: Der Glaube an eine perfekte Architektur

Auch innen herrscht, man kann es den Fotos entnehmen, die der BND freigegeben hat, die Jan Kleihues in einem wirklich schönen Architekturbuch veröffentlichen durfte (Hatje Cantz Verlag Berlin), das Rechteckraster. Perfekt sind die Details ausgeklügelt, das Zusammenfügen von Holz und Stein und Marmor und Beton, die Lampen und die Handrelings in den endlos langen, geraden Gängen und der monumentalen Halle mit ihrem vielstöckigen Pfeilerumgang, die an Franco Stellas Großen Hof des Humboldt-Forums erinnert.

Oder an die Hallen und Treppenhäuser der Berliner Messe, die vom Übervater aller „Rationalisten“ Oswald Mathias Ungers entworfen wurde. Hier zeigt sich der fast fetischistische Glauben an eine perfekte, über den Zeiten stehende Architektur, die im endlos repetierbaren, angeblich abstrakten Rechteck ihr Symbol gefunden hat.

Mit dem Machtbau des BND hält nur das Kanzleramt mit

Der BND-Bau ist vergleichslos in der Architekturgeschichte der Geheimdienste: Der CIA oder auch der alte BND in Pullach verbargen ihre Macht mit Bauten auf dem Land; der russische Geheimdienst logiert in einer einstigen Versicherungszentrale, der britische in einem bunkerartigen Klotz an der Themse. Keiner dieser Bauten bedient sich so vieler Machtsymbole, die Politiker eigentlich strikt von untergeordneten Verwaltungen fern halten. Alleine das Kanzleramt kann unter den neueren politischen Bauten Deutschlands mit der BND-Zentrale mithalten.

Keine Individualität beim BND

Ein Regelbruch, zumal die BND-Zentrale im Unterschied zum vergleichsweise offenen Kanzleramt eine einzige riesige Misstrauenserklärung an den Anspruch jedes Menschen ist, als Individuum wahrgenommen zu werden. Diese Architektur erzählt immer wieder die eine Geschichte: nur nicht auffallen, nur nicht gegen den Strich denken, nur nicht Ich sein. Das schräge, gegen den Strich Denken, das Ungewöhnliche, Überraschende ist hier bestenfalls als Kunst am Bau vorgesehen.

Kein auch nur halbwegs auf Erfolg ausgerichtetes kommerzielles Unternehmen, und schon gar keines, das wie der BND mit Informationen von und über Menschen handelt, würde sich heute noch eine solche Architektur errichten, die die Individualität der Mitarbeiter systematisch zur Nebensache macht. Hoffentlich rankt sich bald irgendwo ein Efeu oder ein Wein an den glatten Fassaden hoch, um diesem Monument des Ordnungswahns wenigstens einen Hauch von lebendiger Anarchie zu geben.

Und hoffentlich ist der BND intern nicht so geisttötend monoton strukturiert, wie er sich jetzt nach Außen darstellt.