Architektur aus Berlin ist nicht unbedingt Architektur in Berlin. Das kann durchaus bedauerlich sein – wie derzeit im „Stilwerk“, dem Shoppingcenter für Edel-Design in der Kantstraße,  zu besichtigen ist.

Die Architektenkammer Berlin hatte aufgerufen, bis zum Sommer 2016 fertiggestellte Bauten als Wettbewerbsbeiträge einzureichen. Eine Jury suchte 68 davon aus, die als Maßstab für das Berliner Bauen dienen können: etwa die ans New Yorker Rockefeller Center der 1930er-Jahre erinnernde Anlage von gleich sechs Hochhäusern, komponiert aus gestaffelten Scheiben, die das Hamburg-Berliner Büro GMP in Shanghai geplant hat. Oder das geschwungene, mit Fensterwänden und schmalen Balkons ebenso elegant wie intim wirkende Wohnhaus am Pariser Quai Henri IV von „LIN Architekten“.

Da ist die vorzügliche Erweiterung der Bonner Stadtbibliothek durch „klever.koblitz-letzel.freyvogel“: Ihre graubraunen Ziegelwände und der handwerklich sorgfältige Ausbau des einstigen Innenhofs zu einem Lesesaal mit Podesten darf als  Musterbeispiel für die selbstbewusste Erweiterung historischer Bauten gelten. Wäre man doch auch in Berlin mit dem seit 30 Jahren versprochenen Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek schon so weit. 

Großartig ist auch der Neubau für die Universität Kassel von „raumzeit“: Ein cooles, wenn auch lautes Betontreppenhaus in einem herzhaft in die Länge verzogenenen Sechseckbau. Spannend auch der Berta-Kröger-Platz in Hamburg-Wilhelmsburg vom Landschaftsplanerbüro „relais“. Wenn erst einmal die Bäume, die aus geschwungenen Sitzbänken herauszuwachsen scheinen, groß sind, wird das wunderbar wohnlich werden. Der Frankfurter Hafenpark stammt vom Büro SINAI, ihm ist das Vorbild der mal industriell-sentimentalen, mal verspielten Anlagen am Gleisdreieck anzusehen.

Spannende Wohnbauprojekte

Nebeneinander stehen die Erweiterung des Richard Wagner Museums von Volker Staab, das sich als Fortsetzung der Bayreuther Villa Wahnfried mit Stahl, Holz und Glas ins Parkgrün duckt und die raue, gegossene Betonkiste, mit der „Scheidt Kasprusch & Becker“ die Schweriner Gemäldegalerie ergänzt haben, wobei deren ursprüngliche Radikalität durch Geldmangel und den Einspruch der Denkmalschützer arg zurückgedrängt wurde. Der kostbare Altbau vergammelt derweil. Wie schade, dass die in Berlin für aufwändige Umbauten wie im Pergamonmuseum oder in der Staatsoper verschwendeten Millionensummen des Bundes nicht hier ausgegeben werden.

Und es gibt auch etliche spannende Wohnungsbauprojekte: einige neureich geschwungene Großvillen etwa von „GRAFT“, deren Fassaden viel mehr Form als Funktion sind, aber auch das hinreißende Häuschen mit weißen Holzfassaden von „brandt & simon“, das in seiner Einfachheit ganz und gar skandinavisch wirkt. Avantgardistisch cool ist das Einzimmeratelier von „wiewierra hopp schwark“ in der Galerie Plattenpalast, aus Segmenten des Palasts der Republik gebaut. Oder auch der Umbau einer simplen Einraum-Seitenflügelwohnung durch „merten & nibbes“: Alle Innenwände wurden herausgenommen und ein Block aus Dusche mit Toilette und Kochecke hineingestellt. Mehr Platz bringt das nicht, aber viel mehr Sicht und Luft. 

Nicht teurer als Sozialwohnungen

Für die Zukunft des Massenwohnungsbaus am interessantesten dürfte das Ausbauhaus des Büros „Prager Richter“ in Neukölln sein: Nahe dem S-Bahn-Graben steht es, mit großen Loggien vor den Küchen. Die Nutzer konnten aussuchen, ob sie nur den Rohbau mit Leitungen, die Räume mit Bad oder alles voll ausgebaut erwerben – es ist angeblich nicht teurer als sozialer Wohnungsbau.

Ähnlich ambitioniert ist der langgestreckte Riegel Tetris Adlershof von „Eyrich & Harteweck“: Kleinstwohnungen kombiniert mit Maisonnettes  und Laubengängen. Hier sieht man, wie schon in den vergangenen Jahren: Die eigentlichen architektonischen Innovationen Berlins sind in der Privatarchitektur zu finden. Oder außerhalb der Stadtgrenzen.