Berlin - Wer die aktuelle Lage der Architektur- und Planungskultur in Berlin betrachtet, wird schnell konstatieren müssen: Aus einer internationalen Perspektive ist ihre letzte große Zeit – also eine, in der bis nach New York, Tokio oder wenigstens London, Paris und Wien halbwegs kontinuierlich berichtet wurde, was an der Spree debattiert und gebaut wird – bereits zwei Jahrzehnte her.

Nach 1990 stritten Stadtpolitiker, Investoren, Verwaltung, Architekten, Historiker, Stadtplaner und Bürgerinitiativen mit ungeheuerer Energie um den richtigen Weg zu einer neuen gebauten Stadtkultur. Traufhöhe, Blockkante und „kritische Rekonstruktion“ zerstörter Innenstadtbereiche wurden zu Schlagworten. Im Wettbewerb um den Potsdamer Platz kam es 1991 gar zu einem bis heute wegweisenden Riesenkrach: Der seit Jahrzehnten inspirierende niederländische Architekt Rem Koolhaas verließ wutschnaubend die Jury und zieh die Stadt des absoluten Provinzialismus. Die setzte trotzdem auf dichtgepackte Baublöcke, die irgendwie in der äußeren Form an die Kaiserzeit erinnern, auch wenn es innen hocheffiziente Bürohäuser sind.

Diese Unterordnung des Einzelbaus unter das große Ganze wurde erst von Senatsbaudirektor Hans Stimmann und dann auch von seiner Nachfolgerin Regula Lüscher zur historischen „Normalität“ Berlins stilisiert. Selbst ganz neue Viertel wie in der Heidestraße oder am Ostbahnhof werden so gerastert und in Blöcke aufgeteilt. Man freut sich dort schon über jedes mit Diagonalverstrebungen strahlende Hochhäuschen, einfach, weil es eine neue Perspektive verheißt. Die Behauptung einer Berlinischen Normalität grenzt aber an Geschichtsklitterung, ist doch die hiesige Architektur – ähnlich wie diejenige Londons oder amerikanischer Großstädte – seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts eben gerade vom Nebeneinander ganz unterschiedlicher Architekturhaltungen geprägt worden.

Es muss neu gedacht werden

Dennoch: Die Konsequenz, mit der vor allem Stimmann die Bauherren und Investoren dazu brachte, sich einem vage klassizistischen Spätrationalismus aus Rasterfassaden zu unterwerfen, hat der Stadt lange gut getan. Berlin entwickelte aus den strengen Vorgaben sogar einen ganz eigenen Reiz: Obwohl die Stadt so viele historische Brüche zu verkraften hat wie wenige andere, behauptet das jüngere Stadtbild doch die große Kontinuität von Schinkel über den Chef der West-Berliner Neubau-IBA von 1987, Joseph Paul Kleihues, bis zum Schlossarchitekten Franco Stella. Aber die Methode ist schon lange erstarrt. Es muss neu gedacht werden.

Ob dazu die Architektur-Beratungsgremien, die Regula Lüscher mit großem Enthusiasmus schuf, das dienliche Instrument sind, erscheint fraglich. Denn in ihnen debattieren immer nur dieselben. Wichtig hingegen wäre eine Bürgerbeteiligung, die offen unterschiedliche Interessen moderiert. Dass das geht, zeigt die schlichtweg grandiose Parkanlage auf den einstigen Bahngeländen des Gleisdreiecks. Wie überhaupt die Freiraumplanung der vergangenen Jahre das Glanzstück Berliner Gestaltungskultur gehört. Umso absurder ist es, dass direkt neben dieser für so viele Anliegen offenen Parkanlage Wohnbauten entstanden, deren soziale Homogenität kaum übertreffbar ist. So lange solche Projekte entstehen, kann die Berliner Stadtplanung nicht davon reden, dass soziale Mischung ein vorrangiges Ziel ihrer Arbeit sei.

Vor allem aber muss  Schluss sein mit der undifferenzierten Verachtung des 20. Jahrhunderts, „der Moderne“ also. Ihr Anspruch an einen Wohnungsbau, der allen Menschen einen ihnen  angemessenen Lebensraum bietet, hat bis heute Gültigkeit. Genauso die Forderung nach „Licht, Luft und Sonne“ in den Wohnungen. Inzwischen aber entstehen wieder finstere Hinterhöfe, werden Projekte genehmigt, deren Verdichtung sogar die der Kaiserzeit übertrifft. Und wieso eigentlich knüpfen wir nicht wieder an die Ideen des ökologischen Stadtumbaus der 1980er-Jahre an? Warum nicht Nahrungsmittel in der Stadt produzieren? Holzhäuser bauen? Das Öko-Thema hat sich keineswegs erledigt, ist dringlicher denn je, die Methoden gingen aus Berlin in die Welt. Wir müssen sie zurückholen.

Unter dem Normalitäts-Druck ist es ruhig geworden um Berlins Architektur. Dabei wird vieles Vorbildliche geschaffen. Man nehme die Architekturführer in die Hand und entdecke vor allem die reiche Welt der relativ kleinen Wohnhäuser. Eine Parzelle, sechs Geschosse, maximal zwölf Wohnungen. Dieses Kleinteilige, genau auf Ort und Umgebung Eingehende ist das ganz Spezielle der aktuellen Berliner Architektur. Derzeit führen jüngere Architekten im Deutschen Architekturzentrum „Zehn Thesen zum Wohnungsbau“ vor. Sie zeigen, dass gesellschaftliche Verantwortung sich auch in architektonischen Formen zeigt. Aber ist das Weg von den großbürgerlichen Grundrissen mancher Baugruppen ein Weg in die Zukunft, in der auch der Massenwohnungsbau, Nachhaltigkeit und ökologische Verantwortung eine zentrale Rolle spielen?

Leblose Rasterfassade

Der Deutsche Werkbund, seit dem Beginn des vergangenen Jahrhunderts immer wieder engagiert in der Wohnungsreformfrage, plant in Charlottenburg gleich ein ganzes Stadtviertel, hoch verdichtet und bis zum Pittoresken hin vielfältig mit kleinen Türmen, Sattel und Flachdächern, expressionistischen und modernistischen Formen. Ein Modellprojekt oder nur die Vorbereitung für die große Rendite?

Als kürzlich das Büro Herzog und de Meuron den 1. Preis im Wettbewerb für den Neubau der Galerie des 20. Jahrhunderts erhielt, wartete man vergebens auf Einsprüche der Scharoun-Gesellschaft, der Denkmalpfleger, der Stadthistoriker. Dabei ignorieren die Basler Architekten radikal die Ortsgeschichte und die Bedeutung der angrenzenden Bauten. Geht man so mit den Welterbeverdächtigen Bauten der Neuen Nationalgalerie, der Neuen Staatsbibliothek und der Philharmonie um? Wenigstens die Frage müsste doch aufkommen. Welche Rolle also soll die reale Stadtgeschichte in einer Stadt spielen, die sich viel lieber ihre Stadtgeschichte immer neu erfindet und neu baut?

Beginnen wir, das Trauma des testosterongeladenen Debattenstils der 1990er und 2010er zu überwinden, trotz all der Postkartenfassaden und vielen Bauskandale, der kleinstädtischen Fitzelei, der Schwäche der Denkmalpflege, der leblosen Rasterfassade an der Spreeseite des „Schlosses“ oder des brutalen Klotzes des BND, der dort steht, wo einst eine Bürgerinitiative forderte, das erste autofreie Stadtviertel Berlins zu errichten.

Wir brauchen eine neue Debatte darüber, was diese Stadt eigentlich sein will, nachdem Stimmanns Traum, mit bürgerlichen Wohnhäusern auch eine bürgerliche Gesellschaft zu rekonstruieren, gescheitert ist. Wir brauchen mehr Experimentierfreude, so, wie man sie in Lissabon und London, in Wien und Paris erleben kann, und mehr Rücksicht auf Natur und Gesellschaft. Sonst wird die Zukunft unserer Städte von den scheinrationalen Kräften des Marktes organisiert, denen Ökologie und Nachbarschaft, sozialer Ausgleich und architektonische Kunst denkbar egal sind.