Auch in der Ausstellung zu sehen: das in den vergangenen Jahren sorgfältig restaurierte Potsdamer Schloss Cecilienhof.
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Was sagt es über die Berliner Architektur aus, wenn Projekte, die weit überwiegend Flachdächer zeigen, in Gerüsten präsentiert werden, die im Design-Shoppingcenter Stilwerk eher traditionelle Giebeldächer andeuten, wie sie jedes Kind als „Haus“ zeichnet? Vielleicht dies: Die Sehnsucht nach dem Niedlich-Kleinen ist auch in Berlin groß. Doch die Notwendigkeiten einer Stadt, die jährlich um vierzig- bis fünfzigtausend Einwohner wächst, deren Wirtschaft langsam nach der Katastrophe der 1990er- bis 2010er-Jahre wieder Tritt fasst, lassen sich im Klein-Klein nicht lösen.

Weites stilistisches Spektrum

Obwohl es auch in der diesjährigen da!-Ausstellung der Berliner Architektenkammer so manches Kleinod gibt: Den strikt modernistischen Atelier- und vor allem Wohnraumanbau in Michendorf, große Fenster und klare Holzkante neben einem netten Holz-Landhaus von 1937 (Architektin: Anne Lampen), das im Detail und mit seinem weit auskragenden Dach auf den Fotos doch recht monumental wirkende „Minimalhaus“ in der Uckermark (Reuter Schoger) – bis man sich klar macht, dass die Schlafräume kaum ausreichen für die in die Ecke geschobenen Doppelbetten oder das vorzügliche Wohn-Küchen-Bad-Bett-Schrank-Möbel, mit dem ein enges Zimmer im Seitenflügel zu einem erträglichen Wohnung wurde (mna merten nibbes). Und das Wohnhaus Prinz35 – kaum elf Meter breite, aber 106 Meter lange Parzelle, bebaut nun mit einem knapp gehaltenen Vorhaus, das erst beim zweiten Blick mit seinen aus dem Raster verschobenen Fenstern und Balkonen seine Neuheit zeigt, und einem luftig gläsernen Gartenhaus, ist wirklich ein Schmuckstückchen (Schenk Perfler). Aber sonst herrschen eher groß gedachte Anlagen vor, oft für die eher höhere Einkommensschichten gedacht wie „The Yard“ – als „Der Gartenhof“ zu übersetzen – an der Alexandrinenstraße: Lustig gegeneinander versetzte Wohnetagen (Külby + Külby), das wie ein preußischer Fabrikbau auftretende Haus an der Alten Schönhauser, das zwei kantige Townhouses im Hof verbirgt (Tschoban) oder die wirklich gewaltige Überbauung der U-Bahn am Potsdamer Platz, die mit viertelrunden „Ecken“ und straff durchgezogenem Fassadenraster an Bauten der 1920er-Jahre in New York erinnert (Hilmer & Sattler und Albrecht).

Das stilistische Spektrum reicht also weit, was für die Debattenfreude der Jury spricht. Da ist der Umbau einiger Räume für die Stadtwerkstadt von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, in der blanke Rohbaumasse und schauderhafte Abhänge-Decken sich gegenseitig zum Berlin-ist-rau-Ambiente heben sollen (AFF Architekten). An den Futurismus der 1970er-Jahre erinnert das „Experimenta“ Wissenschaftszentrum in Heilbronn mit matt durchscheinenden Glaswänden und vielen Dreiecks- und 45-Gradwinkeln (Sauerbruch Sutton), cool Neo-Bauhausig wird das Probebühnenzentrums des Deutschentheater (GMP), ein Bau, der schon zu Zeiten des Wettbewerbs vor zehn Jahren wegen des erheblichen Eingriffs in die kostbare Denkmallandschaft um das Anatomische Theater von Carl Gotthard Langhans auf dem Charité-Gelände seiner gewaltigen Baumasse wegen für Proteste sorgte. Eine politische Fehlentscheidung war diese Ortswahl, die die Architekten mit der teilweisen Staffelung der Baukörper nur sehr bedingt abfedern konnten.

Zwei Projekte fehlen leider in der Ausstellung, einfach, weil sie sich in der Debatte oder gerade in der Ausführung befinden und diese Leistungsschau nur fertiggestellte Projekten gewidmet ist: Der überaus umstrittene Neubau, der nach den Plänen von Herzog & De Meuron mitten auf das Kultuforum gewuchtet werden soll, und die nicht anders als Vandalismus zu bezeichnende Radikalumbau der St. Hedwig-Kathedrale – eine Schande für die Katholische Kirche genauso wie für die Berliner Politik.

Erstaunen wird manchen angesichts der Debatten um die Vermögensansprüche der Familie Hohenzollern an den republikanischen Staat, dass sich auch der letzte für monarchische Nutzung gedachte Schlossbau Deutschlands in der Ausstellung befindet. Doch wurde das Potsdamer Schloss Cecilienhof in den vergangenen Jahren sorgfältig restauriert (Brenne Architekten). Der 1917 eingeweihte Bau zeigt jetzt noch deutlicher, dass das Kaisertum keineswegs zufällig in sich zusammenbrach: Ein Kronprinz, der sich eine so überaus aufwändige und doch sehr privatintime Villa bauen lässt, hat seine Kernaufgabe nicht begriffen, die Gesellschaft insgesamt zu repräsentieren.

Wohnungsbaugesellschaften nur mit zwei Projekten vertreten

Sicher zeigt diese Ausstellung nicht das Berliner Bauen an und für sich, sondern nur einen Ausschnitt, erst gefiltert durch die Zahl der Einreichungen, dann durch die Auswahl der Jury. Und dabei fällt gleich erst einmal auf, das gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften nur mit zwei Projekten vertreten sind – da wäre mehr drin gewesen, auch wenn wirkliche neue Ideen zur Wohnungsreform in all den kantig-klaren Architekturen mit rechtem Winkel auch sonst fehlen. Vor allem aber sollte es die Berliner Auftraggeber und die Senatsbaudirektion mindestens irritieren, dass einige der interessantesten Projekte in dieser Ausstellung nicht in Berlin entstanden sind, sondern wie eine herrliche Strandanlage in Bremen (A24 Landschaft) oder die in überaus komplizierter städtebaulicher Münchner Lage entstandene Europäische Schule, die mit ihren offenen Räumen und Gängen zeigt, was auch in diesem Bausegment möglich wäre (Leonwohlhage).

Heftige Debatten aber wird diese Ausstellung nicht auslösen. Dazu ist sie sozial mit ihren Bauten für das gehobene Mittelstandspublikum und ästhetisch mit dem überwiegenden Anschluss an die Moderne zu wenig kontrovers. Dabei konstatierte Regula Lüscher zur trotz aller Virus-Panik gut besuchten Eröffnung, dass „Architektur auch Angst macht, weil sie verdrängt, liebgewordene Dinge und Milieus verändert.“ Doch in dieser Auswahl macht wenig Angst – und manches wie die Kita in der Ruheplatzstraße ist geradezu idyllisch: Holz, Sand, wilde Gräser und wehende Birken (herrburg) – Berlins ewige Sehnsucht nach dem Kleinen im Großen.

Stilwerk, Kantstraße 17, noch bis zum 4. April 2020
Montag bis Samstag, 8 bis 20 Uhr, Eintritt frei

zum Kauf empfohlen: Katalogbuch Architektur Berlin. Braun Verlag, Berlin 2020, 180 S., 29,90 Euro.