Berlin - Die Aufgabe ist klar: Die sechs landeseigenen Wohnungsunternehmen Berlins sollen in den nächsten fünf Jahren 30.000 neue Wohnungen errichten. Das haben SPD, Linke und Grüne in den Koalitionsverhandlungen vereinbart. Die Hälfte der Unterkünfte soll an Sozialwohnungsberechtigte vermietet werden. Erste Beispiele von bereits geplanten Projekten zeigen aber, wie schwierig es ist, sowohl günstig als auch attraktiv zu bauen.

In die Kategorie „langweilig“ fällt ein Neubau-Projekt der Degewo am Tirschenreuther Ring in Marienfelde. Dort entstehen derzeit 82 Wohnungen in einer Architektur, die stark an die 60er-Jahre erinnert. Der geplanten glatten Fassade mit den streng übereinander gereihten Fenstern und Balkonen fehlt jegliche Ausstrahlung. Leider gibt es von diesem Typus Wohnhaus schon sehr viele Häuser in Marienfelde. Es wäre den Versuch wert gewesen, beim Neubau davon abzuweichen.

Das neue Gebäude ist das Ergebnis der Bemühungen, die Baukosten zu verringern. Entworfen wurde das Haus vom Degewo-eigenen Planungsbüro „Bauwerk“. Ihm ist es laut Degewo gelungen, die Baukosten um 200 bis 300 Euro je Quadratmeter zu reduzieren. Das führe „bei der Miete zu einer Einsparung von 70 bis 80 Cent pro Quadratmeter“. Die Neubauten sollen mit Hilfe der Wohnungsbauförderung zu einer durchschnittlichen Kaltmiete von 7,60 Euro je Quadratmeter vergeben werden. Das liegt weit unter der Miete von etwa zehn Euro pro Quadratmeter, die sonst für Neubauwohnungen verlangt wird.

Dass neue Wohnhäuser durchaus attraktiv aussehen können, beweist die Degewo zusammen mit der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) bei den Pepitahöfen in Spandau. An der Mertensstraße/Ecke Goltzstraße errichten zwei private Projektentwickler für die beiden landeseigenen Unternehmen 1024 Wohnungen. Sie entstehen in offener Blockrand-Bebauung um einen zentralen und öffentlich zugänglichen Quartierspark mit einem Teich und einem 2000 Quadratmeter großen Spielplatz. Verantwortlich für die Planung zeichnen die fünf Architekturbüros Göllner (für den Städtebau), Nöfer, Cramer Neumann, Stephan Höhne und Stuke.

Jeder verleiht seinem Teil-Projekt eine eigene Note. Die Fassaden sind durch Vorsprünge und verschieden große Balkone gegliedert. Das wird ein Viertel, das sich sehen lassen kann. Bis Ende 2018 soll es fertig sein. 25 Prozent der Wohnungen werden gefördert und zu Mieten ab 6 Euro je Quadratmeter angeboten. Die freifinanzierten Wohnungen kosten im Schnitt 9,50 Euro je Quadratmeter. Der Miet-Durchschnitt über alle Wohnungen liegt bei 9,18 Euro je Quadratmeter.

Als würde das Haus die Zunge herausstrecken

Ganz das Gegenteil zu den attraktiven Pepitahöfen sind die Wohnungen, die der Architekt Max Dudler beim Projekt Lindenhof für die Wohnungsbaugesellschaft Howoge in Lichtenberg baut. Die fünfgeschossigen Gebäude mit ihren glatten, kühl wirkenden Fassaden haben so gut wie nichts Anheimelndes. Selbst die wenigen Fassadenvorsprünge nehmen dem Haus nichts von seine skulpturalen Kälte. Die weit hinausragenden Balkone wirken gerade so, als würde das Haus der Umgebung die Zunge rausstrecken. Die Howoge baut 575 Mietwohnungen auf dem sieben Hektar großen Areal des ehemaligen Kinderkrankenhauses Lindenhof.

Rund 140 Wohnungen werden gefördert sein und zu Einstiegsmieten von durchschnittlich 6,50 Euro je Quadratmeter angeboten. Neben Dudler plant das Architekturbüro KSP Jürgen Engel die Wohnungen.

Um Kosten zu sparen, wollen die landeseigenen Wohnungsunternehmen künftig „kompakter planen und bauen“. Auch der Einsatz „elementierter Bauteile“ wird diskutiert. Die Präsidentin der Berliner Architektenkammer, Christine Edmaier, warnt jedoch vor Qualitätsverlusten. „Architektonisch spricht nichts gegen den Einsatz von Fertigbauteilen – wenn sie gut gemacht sind.“

Zum Beispiel wie die Hufeisensiedlung. „Ich sehe aber die Gefahr, dass beim seriellen Bauen gleiche Wohnungen in großer Masse entstehen“, sagt sie. „Wenn es dazu kommt, würden wir den Rückwärtsgang in Richtung Großsiedlungen einlegen, die in den 60er- und 70er-Jahren entstanden sind“, so Edmaier. „Es darf keine Wohnungen von der Stange geben.“ Vieles sehe schon jetzt zum Verwechseln ähnlich. „Die Menschen haben ein Recht auf individuelle Häuser mit einer vielfältigen Architektur.“ Darauf müsse gerade in den neuen Stadtvierteln geachtet werden. Die Welterbe-Siedlungen der 20er-Jahre zeigen, dass nicht alles gleich aussehen müsse, wenn viel gebaut werde.