Für Klaus Wowereit hat sich der Besuch in der ARD-Talkshow „Menschen bei Maischberger“ sicherlich gelohnt. Er bekam eine ganze Reihe von Tipps für seinen unfreiwillig vorgezogenen Ruhestand, wenn er denn am 11. Dezember den Stuhl im Roten Rathaus räumt und dann vielleicht, wie er vor sich hingrübelte, nach über 13 arbeitsreichen Jahren vielleicht „in ein Loch fällt“. Sein Vorgänger Eberhard Diepgen (CDU) empfahl: Erstmal ein Jahr ins Ausland gehen, Abstand gewinnen, loslassen, um nicht mit ansehen zu müssen, „welchen Unsinn die Nachfolger machen“. Diepgen sprach aus negativer Erfahrung, denn er hatte auf einen solchen Auslandsaufenthalt verzichtet, nachdem Wowereit, damals SPD-Fraktionsvorsitzender, ihn 2001 aus dem Amt als Regierender Bürgermeister gedrängt hatte.

Wolfgang Kubicki, stellvertretender Vorsitzender der noch vorhandenen FDP und festes Mitglied im deutschen Talkshow-Kader, riet Wowereit, Sport zu treiben: „Das hilft, Frustrationen abzubauen“. Entertainerin Desiree Nick, alte Freundin des Regierenden, sagte voraus, wie Wowereit sein Privatleben gestalten und nach all dem, was er für die weltoffene, international attraktive Metropole Berlin geleistet habe, zusehen werde, „wie er zur lebenden Legende wird. Ich bedauere jetzt schon seinen Nachfolger“. Und Nikolaus Blome, Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros und multipler Talkshowgast, diagnostizierte dem Patienten Wowereit, nach gewisser Zeit gehe eben jede politische Ära zu Ende und der Regierende habe „einen Ermüdungsbruch“ erlitten.

Moderater Schlagabtausch

Der hörte sich dieses merkwürdige Gespräch im Salon der Frau Maischberger über den anwesenden Herrn W. auf eine für seine Verhältnisse artige Art und Weise an, kommentierte dies zur Olympiabewerbung Berlins, rückte jenes zurecht zu den tatsächlichen oder angeblichen Mehrkosten am Sorgenflughafen BER, verzichtete aber meist darauf, in alter Wowereit-Manier zur Attacke überzugehen, wenn es ihm zu bunt wurde. Nur einmal, als Kubicki den Länderfinanzausgleich ansprach, durch den das Nehmerland Berlin von den Geberländern Bayern, Hessen und Baden-Württemberg jährlich Milliardenbeträge überweisen bekommt, gab Wowereit Kontra: Kubicki möge sich doch erstmal über die Finanzen in seinem ebenfalls im Finanznotstand befindlichen Bundesland Schleswig-Holstein erkundigen. Der Schlagabtausch hielt sich aber im moderaten quasi-familiären Rahmen, weil Wolfgang Kubicki und Wowereits Lebensgefährte Jörn Kubicki als Großcousins weitläufig verwandt sind.

Für das auf Neuigkeiten orientierte Publikum brachte die Sendung wenig, abgesehen von der wiederholten Ankündigung Wowereits, in Berlin bleiben und sich weiter für die Olympischen Spiele in Berlin einsetzen zu wollen. Als indirekte Erkenntnis über den Menschen Wowereit, der bislang kaum zu öffentlicher Selbstkritik und Öffnung neigte, ist festzuhalten, dass ihm der Rückzug aus der Politik doch nahegeht. „Es wäre gelogen, wenn man sagen würde, das ist jetzt alles toll“, sagte Wowereit. Es gebe da schon Ambivalenz und Wehmut nach seiner Ankündigung, sein Amt aufzugeben. „Erst mal kommt nichts. Das wird nicht leicht werden“. Aber das Problem hätten auch viele Menschen, die aus weniger prominenten Berufen scheiden. Immerhin: es wurde in der Sendung noch einmal deutlich, wie schnell ein Mächtiger, der das Ende seiner Macht angekündigt hat, seiner Macht unmittelbar verlustig geht: Lame Duck. Kaum vorstellbar, dass sich Wowereit früher in ein solches nachtragendes Assessment-Center begeben hätte.

Für das Publikum in und außerhalb Berlins, das seine Vorurteile gegenüber der steuergeldfressenden Hauptstadt und dem „Partymeister“ zementieren wollte, bot die Sendung das Erwartete: Der berühmte rote Pumps, in dem der noch junge Regierende „Partymeister“ angeblich Schampus goß, die explodierenden Kosten samt bundesweiter Häme für den Flughafen BER, der vom sich verhaspelnden Nikolaus Blome (Eigenzitat: „lange Rede, gar kein Sinn“) wiederholte Vorwurf, Berlin sahne aus anderen Bundesländern Steuergelder ab, um hier Gratis-Kitaplätze zu finanzieren. Der Hinweis Wowereits, dass es sich nicht um Luxus, sondern um langfristige Sozialpolitik handele, ging unter, Differenzierung ist nicht Sache von Talkshows. Das kann, findet Wowereit, besser werden, und zwar mit ihm selbst: „Ich würde gerne mal Moderator sein in solchen Sendungen.“