Argentinischer Botschafter Malaroda: „Einwanderer waren immer Teil unserer Geschichte“

"Wir sind ein Volk von Migranten“, betont der argentinische Botschafter in Deutschland Edgardo Malaroda. „In unserem Land lebt eine bunte Mischung aus allen möglichen Nationen und Religionen.“ Dank seiner ostpreußischen Mutter spricht der Botschafter neben Spanisch fließend Deutsch, außerdem noch Französisch und Englisch. Und mitten im Gespräch gibt er noch eine Kostprobe einer exotischen Sprache: Nach sieben Jahren im diplomatischen Dienst in der Schweiz ist auch sein Schwyzerdütsch hervorragend. Im Interview erzählt Malaroda, was ihn mit Berlin verbindet, warum Sachsen wichtig ist für die argentinische Kultur – und was man in Buenos Aires auf keinen Fall verpassen sollte.

Herr Botschafter, welche Beziehung hat Argentinien zu Deutschland?

Es gibt in Argentinien einen alten Witz: Woher kommen die Mexikaner? Von den Mayas und den Azteken. Woher kommen die Peruaner? Von den Inkas. Und woher kommen die Argentinier? Die kommen alle aus den Schiffen. Wir sind ein multikulturelles Volk. Wir sind immer ein Aufnahmeland von Migranten aus ganz Europa gewesen. Seit 1880, seit den Wirtschaftskrisen in Europa, aber auch zwischen den Kriegen und danach: Es gab immer wieder Migrationswellen auch aus Deutschland. In Argentinien gibt es das größte deutsche Schulnetz in ganz Amerika.

Seit dem 8. März sind Sie offiziell Botschafter Argentiniens in Berlin, vorher haben Sie Ihr Land schon in den Konsulaten in Hamburg und Frankfurt am Main kennengelernt. Was verbindet Sie persönlich mit Berlin?

Meine Großmutter stammte aus Ostpreußen. Sie ist mit meiner Mutter und meinen Onkeln über den Landweg nach Berlin geflohen. Meine Großmutter starb hier an Typhus, mein Großvater ist mit einem deutschen Kriegsschiff untergegangen. Meine Mutter und ihre Brüder sollten auf andere Familien verteilt werden – aber sie haben sich geweigert. Eine Schwester meiner Großmutter hat schließlich dafür gesorgt, dass die Kinder zu ihr nach Argentinien kamen. Auf diese Weise ist meine Familiengeschichte eng mit Berlin verbunden. In den 80er-Jahren war ich immer mal wieder für Messen hier – aber abgesehen davon ist Berlin als Stadt Neuland für mich.

Berlin gilt als Deutschlands Metropole. Im Vergleich zu Buenos Aires ist es hier aber doch eher beschaulich…

Vor allem ist Berlin unglaublich grün. Die Boulevards, die Wälder! Dazu kommen die vielen Flussarme in Berlin. Und natürlich fällt einem hier auch besonders die Entwicklung seit der Wiedervereinigung auf: Überall wird gebaut. Für einen Ausländer entsteht das Gefühl: Die Deutschen tun unglaublich viel für ihre Hauptstadt. Unter den Linden sieht man nur Kräne, es wird ein Palast gebaut, die Staatsoper wird aufwendig restauriert. Man sieht überall: Berlin boomt.

Sie kennen Deutschland schon von früheren Posten. Was bedeutet Ihnen Ihr neues Amt?

Es ist für mich eine riesengroße Ehre. Und ich werde alles tun, um die Beziehungen zwischen unseren Ländern zu vertiefen. Die zwölf Jahre populistische Regierung in Argentinien haben unser Land weit zurückgeworfen. Wir müssen uns anstrengen, damit Deutschland noch mehr in Argentinien investiert. Und natürlich auch die Exportprodukte aus Argentinien fördern.

Es sieht – nach 20 Jahren Verhandlungen – so aus, als ob es dieses Jahr endlich eine Einigung im Freihandelsabkommen zwischen Mercosur und der EU geben wird. Seit Juni 2016 gibt es übrigens einen neuen Work-and-Travel-Vertrag zwischen Deutschland und Argentinien: Jugendliche können jetzt sechs Monate in Argentinien arbeiten und weitere sechs Monate herumreisen oder studieren – und umgekehrt.

Wie wird die deutsche Hauptstadt von jungen Argentiniern wahrgenommen?

Vor allem kulturell übt Berlin eine sehr große Anziehungskraft aus. Von allen Argentiniern, die in Deutschland leben, sind mit Abstand die meisten in Berlin. Es ist die wichtigste Stadt im Gedächtnis der Argentinier. Eine andere ist Frankfurt – aber nur wegen des Flughafens.

Damit können wir in Berlin noch nicht punkten…

Ja, aber wenn der BER mal in Betrieb geht, wenn es dann eine Direktverbindung Berlin–Buenos Aires geben sollte, dann werden Sie sehen: Die Stadt wird explodieren. Eine andere Stadt, die man in Argentinien auch kennt, ist München – wegen des Oktoberfestes. Wer sich aber für Kultur und Architektur interessiert, für den ist Berlin die erste Adresse.

Sie haben es schon erwähnt: Argentinien ist ein Land, das durch die Einwanderer geprägt ist. Wie erleben Sie den deutschen Umgang mit der sogenannten Flüchtlingskrise?

Ich möchte mich nicht in innenpolitische Angelegenheiten einmischen. Ich kann nur sagen: Einwanderer waren immer Teil der argentinischen Geschichte. In unserem Land leben alle Religionen friedlich miteinander. Und im Zuge der humanitären Krise in Venezuela hat Argentinien bereits rund 100.000 venezolanische Flüchtlinge aufgenommen. Der Argentinier sieht das sehr locker. Ich sehe die Einwanderung in Deutschland also auch mit einer gewissen Gelassenheit.

Die Flüchtlingswelle hat in Deutschland zum Erstarken rechtspopulistischer Parteien geführt. Viele ausländische Besucher sind davon verunsichert. Erleben Sie das auch bei Ihren argentinischen Mitbürgern hier?

Ich kann für Berlin da noch kein Urteil fällen – dafür bin ich noch nicht lange genug hier. Persönlich habe ich in Deutschland noch nie Ausländerfeindlichkeit erlebt, weder hier noch während meiner Zeit im Konsulat in Frankfurt. Gerade dort hatte ich sehr viel Kontakt zu meinen argentinischen Mitbürgern, und ich habe nie einen Argentinier erlebt, der gesagt hätte: „Ich werde angefeindet, weil ich Ausländer bin.“ Ich glaube, das heißt schon etwas.

Wenden wir uns noch einmal dem Internationalen zu: Argentinien hat die G20-Präsidentschaft von Deutschland übernommen. Wo sehen Sie die Schwerpunkte?

Die G20-Präsidentschaft bedeutet eine riesige Verantwortung für Argentinien, aber es ist auch die Gelegenheit, zu zeigen, dass wir so etwas organisieren können. Dass wir zeigen können: Wir sind zurück. Wir wollen das Freihandelsabkommen mit der EU. Wir wollen geopolitisch zu Europa gehören. Das ist unglaublich wichtig, die Konkurrenz schläft nicht. Ich sehe da sehr große Chancen für Argentinien – aber auch für deutsche Unternehmen in Argentinien. Gerade für mittelständische. Die Umwelt wird ein weiterer G20-Schwerpunkt sein.

Und was sind Ihre wichtigsten Aufgaben als Botschafter in Deutschland?

Ich möchte vor allem die bilateralen Beziehungen auf subnationaler Ebene zu vertiefen. Ich versuche, mehr als 30 Partnerschaften zwischen Städten und Gemeinden zu organisieren. Das ist mein Herzensanliegen. Denn das ist es, was langfristig bleibt. Durch die Vertiefung der bilateralen Beziehungen entsteht Austausch bei Berufen, zwischen Jugendlichen, ein kultureller, technischer Austausch, Austausch im Umweltbereich, bei Architektur und Sprache.

2019 jährt sich die Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Buenos Aires zum 25. Mal. Wie soll das Jubiläum dieses Austausches gefeiert werden?

Wir sind noch in der Anfangsphase der Planung, aber ich habe viele Ideen: Im Kulturbereich müssen wir auf jeden Fall etwas mit Tango machen. Da gibt es viele gute Orchester, die wir zeigen möchten. Zum Beispiel das Frauenorchester aus Buenos Aires oder das Orchester von Juan José Mosalini.

Tango ist oft das Erste woran man bei Argentinien denkt. Das ist also mehr als nur ein Klischee?

Es ist ein Klischee, wenn Sie so wollen, aber gleichzeitig ist der Tango ein sehr wichtiger Pfeiler unserer Musikkultur. Vor allem in Buenos Aires. Es gab eine Zeit in den 60-ern, da wäre der Tango fast vergessen gewesen. Gott sei Dank wurde er wiederbelebt. Beim Tango finden Sie übrigens auch einen direkten Bezug zu Deutschland: In Sachsen gibt es die letzten Produktionsstätten für Bandoneons auf der Welt. Der Legende nach hatte ein Deutscher in einer Bar in Buenos Aires kein Geld mehr, deshalb musste er sein Bandoneon eintauschen. So wurde das Instrument Teil unseres Tangos. Die Bandoneons aus Deutschland werden fast ausschließlich nach Argentinien und Uruguay exportiert.

Abgesehen vom Tango: Was ist noch geplant?

Das Thema Design wird eine große Rolle spielen: In Berlin und Buenos Aires gibt es eine tolle Design-Kultur. Nächstes Jahr feiern wir ja außerdem 100 Jahre Bauhaus. Das ist für Berlin ein großes Ereignis. Und diese Designkultur hat auch Buenos Aires architektonisch sehr beeinflusst. Wir wollen außerdem zeigen, was sich im Filmbereich in der Geschichte zwischen Berlin und Buenos Aires abgespielt hat. Ich möchte auch einen Austausch zwischen einzelnen Stadtteilen organisieren. Es gibt noch viele, viele Möglichkeiten. Wie Sie sehen – es ist nicht nur der Tango.

Was gibt es noch? Welche Klischees?

Fleisch. Und Fußball natürlich.

Fleisch und Fußball gehören ja irgendwie auch zu Deutschland. Was versteht man in Argentinien sonst noch unter „typisch deutsch“?

Das Oktoberfest in München. Und das Bier. Kaum ein Argentinier wird bei Deutschland an den Hamburger Fischmarkt denken oder an den deutschen Wein. Aber das deutsche Fußballteam wird im ganzen Land respektiert. Und „Made in Germany“ zählt vor allem bei Autos viel. Wenn man einen Argentinier fragt: Was sind die besten deutsche Produkte? Dann wird er antworten: Mercedes Benz, BMW, Audi, unter anderen.

Und was muss man abseits aller Klischees in Buenos Aires unbedingt erlebt haben?

Wer sich für Kulinarisches interessiert: Es gibt in Buenos Aires eine Szene von sehr talentierten, jungen Köchen. Wenn jemand Oper liebt, dann muss er unbedingt ins Teatro Colón. Es gehört auf jeden Fall zu den Top-Five-Opernhäusern der Welt. Sportlich Interessierten würde ich unbedingt empfehlen, ein Polo-Spiel anzuschauen. Im offiziellen Stadion, von Argentiniern gespielt.

Und hier in Berlin? Haben Sie schon so etwas wie einen Lieblingsort in der Stadt?

Vom Brandenburger Tor die Straße Unter den Linden in Richtung Berliner Dom entlangzulaufen – das ist wunderschön. Und der Zoo: Diese alten Gebäude, in denen die Giraffen untergebracht sind – die Architektur ist beeindruckend.

Gibt es denn auch etwas, das Sie an Argentinien erinnert?

An vielen Orten in Berlin gibt es immer noch schöne alte Kopfsteinpflasterstraßen. Das erinnert mich an einige Stadtviertel in Buenos Aires, zum Beispiel an Saavedra oder Palermo. Ich finde das sehr romantisch.