Es ist der letzte Tag im Monat, Zahltag, heute ist das Geld vom Jobcenter auf dem Konto. Deshalb steht Frau M. mit ihrer Tochter schon um kurz nach acht am Geldautomaten. Sie hat seit Tagen nur noch knapp 50 Cent im Portemonnaie. Im Staaken-Center gibt es zwei Geldautomaten, den hier von der Postbank und draußen noch den von der Sparkasse. Vor beiden hat sich bereits eine Schlange gebildet.

Dabei haben die Geschäfte noch geschlossen, nur der Bäcker und das Bistro sind schon gut besucht. Frau M. steht an Position fünf in der Schlange. Man könne nicht erst um zehn kommen, sagt sie, dann stünden 25 Leute an. Groß etwas kaufen will sie nicht, will sie eigentlich nie. Kann sie gar nicht. Aber sie braucht zwei Briefmarken und sie möchte ihre Tochter zum Kaffee beim Bäcker einladen. Sie hat die letzten Tage wieder für die Mutter gekocht, wie so oft, wenn ihr zum Monatsende das Geld ausgeht.

Frau M., eine dürre, große Frau, 52 Jahre alt, ist seit einem halben Jahr arbeitslos. Vorher war sie Zimmermädchen in einem Hotel, doch es ging pleite. Christiane, 30, ist auch arbeitslos, hat aber vier Kinder und bekommt am 15. des Monats Kindergeld. Außerdem hat ihr Mann Arbeit. Frau M. bekommt nichts mehr vom Leben. Sie war lange krank, lebt allein, und wenn es regnet, läuft durch ihre Wohnzimmerdecke Wasser. „Dann sitze ich mit Regenschirm vor dem Fernseher“, sagt sie. „Das klingt lustig. Ist es aber nicht.“

Hoch, dunkel und verwinkelt

Als sie 1983 in die Maulbeerallee in Spandau zog, war das Haus neu gebaut, die Aussicht vom siebenten Stock herrlich. Es gab ein Reformhaus und einen Süßwarenladen, eine gute Busverbindung in die Stadt, die Havel und den Neuen Hahneberg. Der war mal Schuttabladeplatz, damals aber war er gerade ein Park geworden. Frau M. gefiel es in der Maulbeerallee. Heute heißt die Gegend Heerstraße Nord, weil sie am Ende der Heerstraße liegt, und sie gilt als ein sozialer Brennpunkt. Putz blättert von vielen Fassaden, die schönen Geschäfte sind weg, Trinker sitzen schon morgens vor dem Staaken-Center.

Die Mieten sind mit die niedrigsten in Berlin. Etwa 16.000 Menschen leben dicht gedrängt in der Hochhaussiedlung, enger aufeinander als im Falkenhagener Feld, dem zweiten sozialen Brennpunkt in Spandau. Dort sind die Häuser niedriger und stehen weiter auseinander. In der Maulbeerallee, der Obstallee, dem Loschwitzer Weg sind sie hoch, dunkel und verwinkelt.

Hierher ziehen die Menschen, die sich die Miete in Schöneberg, Wilmersdorf oder Kreuzberg nicht mehr leisten können. „Freiwillig zieht keiner her“, „An den Rand gedrängt“, „Kiez auf der Kippe“ stand über den letzten Berichten aus dem Viertel in den Zeitungen. Der Christdemokrat Carsten Röding, Baustadtrat von Spandau, sagte im vergangenen Jahr: „Ich wüsste nicht, wem man empfehlen sollte, hierher zu ziehen. Dies ist der schlimmste Stadtteil von Berlin“. Anscheinend hat die Politik die Heerstraße Nord abgeschrieben.

Der Soziologe Thomas Sonntag leitet die Jugendarbeit im Gemeinwesenverein mit Sitz in der Obstallee. „Es gab hier mal eine ganz gute Zeit“, sagt er, „aber vor gut drei Jahren ist es gekippt. Jetzt haben wir es mit einer Flut von Hilfseinsätzen zu tun. Die soziale Mischung stimmt einfach nicht mehr.“ Als er anfing, gab es einen Wohnungsleerstand von fast 20 Prozent, nachts erleuchtete die Künstlergruppe „Neue Nachbarn“ die Fenster der leeren Wohnungen. „Jetzt ist es so gut wie voll vermietet. In den Schaukästen der Wohnungsbaugesellschaften hängen nur Angebote für freie Autostellplätze.“

Sonntag legt die Sozialstrukturdaten von 2012 auf den Tisch. Seit 2006 ist die Einwohnerzahl um 1300 angestiegen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 17,9 Prozent (Berlin 9,4 Prozent), die der Langzeitarbeitslosen bei 6,3 Prozent (Berlin 3,1 Prozent). 77,8 Prozent der Kinder unter 15 leben von Arbeitslosengeld II oder Existenzsicherung (Berlin 33,6 Prozent). „So ist es hier“, sagt Sonntag. „Fast 80 Prozent der Kinder wachsen in Familien auf, die von Arbeitslosengeld leben. Das ist einigermaßen irre.“

Er blättert weiter. „Hier, das ist auch interessant. Die durchschnittliche Kaltmiete pro Quadratmeter ist 2012 auf 4,81 Euro gefallen. Das ist gegen den Trend. 2010 lag sie sogar nur bei 4,25 Euro.“ Er zeigt das nächste Blatt. „Das ist das Ranking nach Postleitzahlen. Es gibt 190 Postleitzahlengebiete in Berlin. 2007 war die Heerstraße Nord noch auf Platz 168, 2010 war sie auf Platz 190. Die billigsten Mieten im Jahr 2010 gab es hier. Jetzt sind wir auf Platz 188. Zwei Bezirke in Hellersdorf-Marzahn liegen noch drunter.“