"Keine Hilfe, Arbeit brauche ich“, sagt Damian. Er sitzt vor seinem Zelt im Tiergarten ganz in der Nähe des Biergartens Schleusenkrug, stochert mit einem Ast im Boden herum. „Ich bin jung. Und er auch. Schauen Sie uns doch an“, dabei zeigt er auf einen jungen Mann, der ihm gegenüber sitzt. Er heißt Pawel, ist 24 Jahre alt, vier Jahre jünger als Damian. Pawel nippt am Bier und nickt. Es ist Freitagnachmittag. Familien spazieren durch Berlins größten Park, Jogger laufen vorüber, Pärchen laufen vorbei.

Damian und Pawel kommen aus Polen und sind obdachlos in Berlin. In Warschau, wo er herkomme, habe er so wenig verdient für einen ganzen Monat Arbeit, da ginge das ganze Geld bloß für die Miete drauf, erzählt Damian.

Seit mehreren Monaten übernachteten sie nun schon in der Gegend. Vor etwa zwei Wochen haben sie noch mit anderen Obdachlosen in der Nähe der Bahntrasse zwischen Bahnhof Zoo und Straße des 17. Juni gewohnt, ein Zelt stand dort neben dem anderen. Das war praktisch, weil die Bahnhofsmission gleich in der Nähe war. Dort holen sich die meisten Hilfe, frühstücken, duschen, sie kriegen auch Schlafsäcke, wenn sie welche brauchen.

Mittlerweile aber ist diese kleine Zeltstadt vom Ordnungsamt des Bezirks Mitte aufgelöst worden. „Die Beamten haben gesagt, dass wir in zwei Tagen die Zelte abbauen müssen. Schlafsack okay, aber kein Zelt“, erklärt Damian. Sie hätten dann alles zusammengepackt, ihren angesammelten Dreck zusammengekehrt. Jetzt schlafen sie „mal hier mal dort“, mal nur im Schlafsack, aber manchmal bauen sie auch das Zelt auf. „Immer wenn das Ordnungsamt kommt, packen wir schnell zusammen, ich brauche dafür nur zwei, drei Minuten.“ Es sei nicht ganz ungefährlich hier, immer müsse man auf der Hut sein, das Leben im Park sei einfach so.

So geplant sei das alles nicht gewesen, zumindest nicht für Damian. In gutem Englisch erklärt er, dass er zum Arbeiten nach Deutschland gekommen sei. Am Zentralen Omnibusbusbahnhof sei er angekommen vor vier Monaten. Dort sollte er sich mit jemandem treffen, der ihm Arbeit auf dem Bau versprochen hat. Er habe so etwas einmal drei Jahre lang in Griechenland gemacht. „Aber die Person ist nie aufgetaucht.“ Er stochert weiter mit dem Ast im Boden herum. Seitdem sei er obdachlos in Berlin.

Einer unter vielen. 4000 Obdachlose soll es in Berlin geben, schätzt der Leiter der Bahnhofsmission am Zoo, Dieter Puhl. Viele derjenigen, die im Tiergarten schlafen, kommen in die Mission. 20 bis 30 Schlafsäcke werden dort täglich ausgegeben, die Zahl der Obdachlosen sei in den vergangenen zehn Jahren um jährlich 10 bis 15 Prozent gestiegen. Aber die „Fördermaßnahmen und das Budget wird seit Jahren nicht angepasst,“ sagt Puhl. Er verfügt zurzeit über 242.000 Euro jährlich, nötig wären 410.000 Euro.

Sozialarbeiter fehlen

Auch auf Bezirksebene ist man sich über das Problem mit der zunehmenden Obdachlosigkeit in Berlin und speziell mit den Freicampern im Tiergarten bewusst: „Das ist eine komplexe Situation“, sagt der Stadtrat für Soziales und Bürgerdienste im Bezirksamt Mitte, Stephan von Dassel (Grüne). Sozialarbeiter, die sich um die Obdachlosen kümmern könnten, gebe es „leider“ noch nicht. „Das wäre dringend notwendig, aber auch sehr aufwendig, weil es an der grundsätzlichen Armutsproblematik nichts ändern würde,“ fügt er hinzu.

Insgesamt sei das Phänomen ein „Zeichen für zunehmende Armut in Europa, die wir von Bezirksseite kaum bekämpfen können“. Ganz untätig wolle man aber nicht bleiben. So ist geplant, Kontakt zu Hilfsorganisationen aus den Herkunftsländern der Obdachlosen aufzunehmen. Von dort sollten Sozialarbeiter kommen, doch noch gebe es dafür kein Geld.

Damian und Pawel werden nun erstmal Pfandsammeln gehen, sagen sie. Sie brauchen Geld zum Essen, zum Trinken, für Zigaretten. Nächste Woche dann, so sagt Damian und schaut ernster, will er es wieder versuchen, die Geschäfte abklappern, eins nach dem anderen. Irgendwo bräuchte doch sicher jemand junge Menschen, die was arbeiten könnten. Und wenn das alles nichts werde, will er nach Holland, dort, habe er gehört, suchen sie Arbeiter auf einer Blumenfarm.