Berlin - Still steht Eddy an seinem Platz vor den Schönhauser Allee Arcaden. Vor einer der großen Säulen am Haupteingang. Er spricht niemanden an, er wartet nur. Kommt jemand auf ihn zu, hellen sich seine Gesichtszüge umgehend auf.

Eddy heißt eigentlich Eduard Teske, aber so nennt ihn keiner. Er ist 64 Jahre alt und verkauft die Straßenzeitung Strassenfeger. Über seiner Jacke trägt er eine neongelbe Weste. Mit solchen Westen will der Verein mob e.V. seine Leute kenntlich machen, weil es zu viel Betrug mit dem Strassenfeger gibt.

„Ich will niemanden belästigen“, erklärt Eddy sein defensives Verkaufsverhalten. „Geht doch auch so: die Zeitung kriegt nur, wer sie auch will.“ Eddy ist ein kleiner Mann mit einem störrischen Bart. Er redet leise, hört nicht mehr so gut, sein Gang ist schwer. Die Hüfte sei dahin, sagt er, der Rücken auch.

Früher wurde der Strassenfeger vor allem von Obdachlosen verkauft. Mittlerweile gibt es auch viele andere Arme, die das Blatt anbieten. Jeder von ihnen hat eine besondere Geschichte.

Fatale Leidenschaft

Eddy ist seit sechs Jahren Rentner. Er erhält Grundsicherung, rund 300 Euro im Monat. Seine Geschichte beginnt im Oderbruch. Er habe als Elektromonteur gearbeitet und gegen die DDR-Regierung agiert, erzählt er. „Viereinhalb Jahre Knast.“ Nach der Wende findet er als Übersiedler im Schwarzwald eine Anstellung als Pressenführer: „Ich habe ein normales, bürgerliches Leben geführt“, sagt Eddy.

Bis es am Billardtisch in der Kneipe um Einsätze geht, nur so, aus Spaß: „Der Verlierer zahlt die Runde.“ Ein Funke, der eine fatale Leidenschaft entzündet. Bald steht Eddy am Spielautomaten, 300 Mark gewinnt er für fünf Mark Einsatz.

Das Glück währt nur kurz: mehr Einsatz, mehr Verlust, mehr Bier, mehr Frust. „Es war ein schleichender Prozess“, sagt Eddy. 1994 verliert er erst den Job und dann die Wohnung. Eddy ist obdachlos – und wird es mit Unterbrechungen zwölf Jahre bleiben.

„Sie hat mich gerettet“

So wie Eddy geht es heute immer mehr Menschen. Die Hilfseinrichtungen beobachten eine wachsende Zahl von Bedürftigen. Obwohl jedes Jahr mehr Betten zur Verfügung stehen, müssen Notunterkünfte jede Nacht Menschen wegschicken, weil sie überbelegt sind.

Eddy sucht für seine Lage und die Vergangenheit keine anderen Schuldigen. „Ich hab das selbst verbockt“, sagt er. Irgendwann habe der Alkohol ihn aggressiv gemacht. „Es hat nicht viel gebraucht, um mich zu reizen“, erzählt er. Man kann sich das vorstellen, wenn er diesen entschlossenen Blick aufsetzt, die Augen zu Schlitzen verengt und den Kopf kaum merklich zur Seite neigt. Angriffslustig sieht er dann aus.

2006 liefert sich Eddy selbst zum Entzug in eine Klinik ein. Zwei Flaschen Schnaps trinkt er da am Tag: „Ich hab gemerkt, ich geh drauf.“ Bei der anschließenden Therapie lernt er seine Freundin kennen, später ziehen beide zusammen. „Sie hat mich gerettet, ohne sie wäre ich nicht mehr hier“, sagt Eddy.

Die Maxime der Zeitung

Eine alte Dame steuert auf Eddy zu, sie ist gut gekleidet, sie kommt aus einer anderen Welt als er. Beide umarmen sich, Wange an Wange. Sie plaudern ein paar Minuten. Er hört ihr einfühlsam zu. Obwohl sie Eddy eine Ausgabe abkauft, bleibt offen, wer hier gerade wen unterstützt.

„Erst kommt der Mensch, dann die Zeitung“, stellt Eddy anschließend klar. Es gehe ihm weniger ums Geld, als um den Kontakt zu Menschen. Zehn Euro am Tag, sagt er, verdiene er meist mit dem Zeitungsverkauf, 15, wenn es gut läuft. Damit verkörpert Eddy die Maxime der Zeitung: Arme Menschen sollen nicht auf Almosen angewiesen sein und eine Aufgabe haben, die ihren Selbstwert steigert.

Doch die Konkurrenz ist groß, selbst unter denen, die nichts haben. Menschen am Rand der Armutsgrenze: Leute wie Eddy, deren Rente nicht zum Leben reicht, mittellose Osteuropäer, die nach Deutschland kommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Auch Eddy hat solche Verteilungskämpfe schon erlebt. Er zeigt eine Wunde am Schienbein, jemand aus einer der organisierten Gruppen habe ihn getreten. Eddy sagt, er sei wachsam. „Mich vertreibt hier keiner.“

Harte Konkurrenz

Vor zwei Tagen hat sich Eddy die Zeitungen, die er vor den Schönhauser Allee Arcaden verkauft, am Ostbahnhof abgeholt. Dort, auf der Rückseite des Bahnhofsgebäudes, steht ein kleiner ockerfarbener Wohnwagen am Straßenrand. Die Tür ist angelehnt. Drin am Tisch sitzt Werner Franke, 74. Er wundert sich, dass jemand anklopft. Sonst klopft bei ihm keiner, alle kommen einfach so rein.

Werner Franke sitzt auf einer Bank, die Arme ausgebreitet auf der Rückenlehne. Ein Propangasofen sorgt für Wärme, während draußen der kalte Ostwind um den Wagen pfeift.

Neben einem Münzsortierer mit Wechselgeld liegt eine Liste auf dem Tisch. Franke führt Buch über die Verkäufe des Tages. Daneben stapelt sich der Strassenfeger. Die Zeitung erscheint derzeit in einer Gesamtauflage von 8000 bis 9000 Stück.

„Es ist härter geworden“

Schreiben darf, wer will. Früher kam der Strassenfeger alle zwei Wochen neu raus. Aber weil die Verkaufszahlen stark zurückgegangen sind, erscheint er inzwischen nur noch alle drei Wochen.

Der Wohnwagen ist eine von drei Vertriebsstellen, in denen die Zeitungsverkäufer sich mit Exemplaren für ihre Touren eindecken können. Werner Franke verkauft ihnen den Strassenfeger für 60 Cent das Stück. 1,50 Euro ist der Verkaufspreis auf der Straße. Die Differenz behalten die Verkäufer für sich.

„Es ist härter geworden“, sagt Franke über die Bedingungen der Straßenverkäufer da draußen. Franke hat eine Zeit lang die Zeitung selbst verkauft, auch er war wohnungslos. „Früher war das Zusammengehörigkeitsgefühl größer“, sagt er, „heute gibt es immer weniger Verkäufer, die loyal sind.“ Den meisten ginge es darum, über den Tag zu kommen, statt den Verkauf der Straßenzeitung als langfristigen Weg in ein selbstbestimmtes Leben zu sehen.

Strassenfeger als Deckmantel

Mehr als 20 Verkäufer waren an diesem Tag schon hier: „Obdachlose, Hartz-IV-Bezieher, Rentner, Flüchtlinge, Drogensüchtige“, zählt Franke auf. Er verkauft die Zeitung an jeden, der einen Verkäuferausweis des Trägervereins mob e.V. vorlegen kann.

„Manche kommen mit gefälschten Ausweisen“, sagt Franke. Langjährige Verkäufer beklagen, organisierte Banden aus Osteuropa würden den Strassenfeger als Deckmantel zum Betteln benutzen, Passanten bedrängen und die alteingesessenen Verkäufer von ihren angestammten Plätzen vertreiben – auch mit Gewalt. „Einige haben deshalb schon aufgegeben“, sagt Werner Franke.

Geistiges Versagen

Die Tür geht auf, eine Rumänin betritt den Wohnwagen. Sie will drei Zeitungen kaufen und hält Franke einen Plastikbeutel voller Kupfergeld hin. „Bettelgeld“, vermutet dieser. Aber die Frau hat einen Verkäuferausweis.

Womöglich will sie die wenigen Zeitungen weiter zum Betteln nutzen. Franke gibt sie ihr trotzdem . Er zuckt die Achseln, als wollte er sagen: Sie ist nicht weniger in Not als all die anderen.

Über Frankes Tisch hängt ein Zitat des anarchistischen Dichters Erich Mühsam vom Anfang der 1930er Jahre: „Das Hinnehmen von Armut, während es Reichtum gibt, ist ein geistiges Versagen.“