Berlin - Thomas de Vachroi ist seit März 2017 Armutsbeaufragter des Diakoniewerks Simeon und seit Anfang 2021 auch des gesamten Kirchenkreises Neukölln mit 22 Gemeinden in Berlin und Brandenburg. Seine Aufgabe ist es, die Armut in dieser Stadt zu bekämpfen. Besonders in der Pandemie, in der viele Menschen um ihre Existenz kämpfen, ist das eine große Herausforderung. 

Berliner Zeitung: Herr de Vachroi, wie definieren Sie den Begriff Armut? 

Thomas de Vachroi: Es ist ein Zustand, bei dem die Befriedigung der Grundbedürfnisse nicht mehr erfolgen kann. Das bedeutet, man kann seine Wohnung nicht mehr bezahlen, keine Rechnungen mehr begleichen und keine Nahrungsmittel mehr kaufen. 

Wer ist arm?

Die Menschen, die wegen unzureichender finanzieller Ressourcen nicht mehr in der Lage sind, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. In Berlin sind das nach der letzten Erhebung des Landesamtes für Statistik im regionalen Sozialbericht 16,5 Prozent der Bevölkerung, in Brandenburg 13,1 Prozent. Sie geraten zunehmend ins Abseits, und das wird durch die Pandemie noch verstärkt. Beispiel: 26 Prozent der Deutschen können sich nicht einmal einen Internet-Anschluss leisten. Sie können noch nicht einmal mehr virtuell mit jemandem kommunizieren.

Wo liegt weltweit die offizielle Armutsgrenze ?

Weltweit gilt man ab einem Stundenlohn von 1,90 Dollar netto nicht mehr als arm.

Gibt es unterschiedliche Bemessungskriterien im Bezug auf die Armutsgrenze in Deutschland und den anderen europäischen Ländern?

In Deutschland ist man ab einem Nettoeinkommen von 1074 Euro armutsgefährdet. Das sind bundesweit 15,9 Prozent der Bevölkerung. Zum Vergleich: In Österreich ist man unter einem Nettoeinkommen von 781 Euro von Armut betroffen, in Spanien bei unter 600 Euro.

Welche Auswirkungen von Armut begegnen Ihnen in Ihrem Alltag?

Immer mehr Berliner sind auf Tafeln und Suppenküchen angewiesen. Die Armut fängt schon im Supermarkt an, weil die Preise zwischen 20 und 30 Prozent gestiegen sind. Viele können sich kein frisches Gemüse und Obst mehr leisten. Unterschieden werden muss dabei zwischen materieller und sozialer Armut. Soziale Armut bedeutet fehlenden Kontakt im sozialen Raum. Sie wird durch die Kontaktsperren in der Corona-Krise drastisch verstärkt. Wir tragen Masken, sind zunehmend isoliert und dürfen niemanden mehr in den Arm nehmen. Selbst die Obdachlosen auf der Straße vereinsamen, da viele Einrichtungen geschlossen sind und es keinen Kontakt mehr gibt.

Ich fordere einen nationalen Rat gegen Armut.  

Thomas de Vachroi, Armutsbeauftragter in Berlin

Gibt es einen Ausweg aus der Armut?

Nur wenn sich die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zusammenschließen. In Berlin hat bislang jeder Bezirk sein eigenes Konzept zur Armutsbekämpfung, besser wäre es, wenn sich alle Bezirke zusammentun. Wir haben zum Beispiel kein zentrales Spendenlager, wo Spenden gesammelt werden können und an einzelne Abteilungen abgegeben werden können. Deshalb fordere ich einen nationalen Rat gegen Armut auf Bundes-und Landesebene. Wir benötigen zudem festgelegte staatliche Budgets zur Bekämpfung des Problems. Außerdem sollte jeder das Recht auf bezahlbaren Wohnraum haben und auf existenzielle Versorgung mit ausreichend gesunden Nahrungsmitteln und Hygienemöglichkeiten. Auch die Bereitstellung von Unterkünften für Obdachlose rund um die Uhr gehört dazu. 

Deutschland hat im Vergleich zu anderen Ländern eine recht gute soziale Absicherung. Warum reicht sie nicht mehr aus?

Die Hilfeleistung, die Deutschland bietet, ist einzigartig. Über die Höhe der Leistungen kann man sich aber streiten. Das Problem ist in meinen Augen allerdings ein ganz anderes. Wir haben verpasst, die bedürftigen Menschen zu begleiten. Wir haben viele Menschen, die in Hartz IV fallen, in Corona-Zeiten sind das extrem mehr geworden. Doch wir müssen diese Menschen auch beraten und ihnen einen Weg zeigen, wie sie da rauskommen. 

Hat sich die bestehende Armut in der Corona-Krise verschärft oder eher noch weiter verbreitet? 

Es gibt zwar noch keine aktuelle Erhebung. Aber die sichtbare Armut ist größer geworden. Man sieht immer mehr Menschen, die auf der Straße leben. Ich bekomme auch immer mehr Anrufe von Selbstständigen, die in der Pandemie in Hartz IV gerutscht sind. Viele Mini-Job-Angebote sind weggebrochen und für diese Arbeitslosen gibt es kein Kurzarbeitergeld. Gerade ältere Menschen mussten sich zu ihrer Rente etwas dazuverdienen und sind nun mittellos. Manche von ihnen wissen nicht einmal, dass ihnen Grundsicherung zusteht. Dass in dieser prekären Lage auch noch viele Tafeln geschlossen haben, ist ein Desaster, weil die armen Menschen auf diese Lebensmittelversorgung angewiesen sind.

Inwiefern hat sich die Situation für obdachlose Menschen in der Krise verschlechtert?

Sie haben den ersten Lockdown gerade einigermaßen überstanden. Im zweiten Lockdown ist die Verzweiflung so groß wie nie. Sie werden kaum noch wahrgenommen. Man geht nicht mehr auf sie zu. Dadurch, dass weniger Menschen unterwegs sind, finden sie kaum noch Nahrung und leere Pfandflaschen. Das Spendenvolumen ist wesentlich weniger geworden, da die meisten Menschen ihr Geld jetzt zusammenhalten. Viele soziale Anlaufstellen mussten schließen und die Obdachlosen können sich nirgendwo mehr aufwärmen oder gar duschen.

Wie hoch ist ihre Chance auf eine ärztliche Behandlung in der Pandemie?

Jedes staatliche Krankenhaus ist verpflichtet, sie aufzunehmen. Es gibt aber auch soziale Anlaufstellen, wo sie behandelt werden können. Die Finanzierung läuft über den humanitären Verein Medizin Hilft e.V. in Dahlem. Das weitaus größere Problem ist, dass Obdachlose selten von sich aus einen Arzt aufsuchen. Es ist wieder Aufgabe der Sozialarbeiter und der Gesellschaft, sie auf der Straße zu finden und ihnen gegebenenfalls deutlich zu machen, dass sie ärztliche Hilfe benötigen. 

Welche Lösungen wünschen Sie sich von politischen Entscheidern in Hinblick auf Armut?

Sie sollten jetzt darum kämpfen, dass die Wohnungslosigkeit beseitigt wird. Ich wünsche mir einen Betreuungsstab auf der Straße, der die Menschen mitnimmt und dass speziell bei den osteuropäischen Obdachlosen die Botschaften dringend eingeschaltet werden. Außerdem ist es auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, sich mit der Armut auseinanderzusetzen und bedürftigen Menschen zu helfen. In der Flüchtlingskrise hat dieser gesellschaftliche Zusammenhalt ja sehr gut funktioniert. Leider denken viele Menschen immer noch, dass Obdachlose selbst schuld an ihrem Dilemma seien, und das ist ein großer Fehler. Ich kann die Gesellschaft nur auffordern, mit den Bedürftigen ins Gespräch zu kommen, um Vorurteile abzubauen. Wir müssen diese Menschen von der Straße retten und dürfen sie nicht fallen lassen.

Wie kann man Kinder besser vor Armut schützen?

Kinder können wir nur schützen, wenn die Eltern faire Löhne erhalten, um wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen. Außerdem benötigen die Familien eine vernünftige Beratung und ihre Armut darf nach außen nicht sichtbar werden. Besonders in den Schulen zeigen sich die existenziellen Sorgen oft sehr deutlich, da diese Kinder zum Beispiel nicht an Klassenfahrten teilnehmen können. Sie sollten aber die gleiche technische Ausstattung und Förderungsmöglichkeiten haben. Diese Chancengleichheit muss vom Staat geschaffen werden.