Berlin - Mehr als jeder fünfte Berliner ist von Armut bedroht. Mit einer Armutsquote von 21,2 Prozent der Bevölkerung liegt die Hauptstadt deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 15,2 Prozent, Tendenz steigend: 2008 waren es in Berlin noch 18,7 Prozent gewesen.

Das geht aus dem Armutsbericht 2013 hervor, den die Nationale Armutskonferenz und der Paritätische Wohlfahrtsverband am Donnerstag in Berlin vorlegten. Ganze Regionen geraten demnach in Abwärtsspiralen aus zunehmender Armut und wegbrechender Wirtschaftskraft, die soziale regionale Zerrissenheit  hat eine neue Qualität erreicht, die Spaltung zwischen arm und reich ist tief wie nie. Diese Beschreibungen gelten nicht Griechenland, Süditalien oder Zentral-Spanien, sondern dem europäischen Musterschüler, der Bundesrepublik.

Zeichner dieses überaus düsteren Bildes ist der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider. Anders als die Bundesregierung vor der Wahl habe glauben machen wollen, befinde sich Armut in Deutschland nicht etwa auf dem Rückzug, sie sei vielmehr, nach kurzer Verschnaufpause, dauerhaft auf dem Vormarsch. So habe der Anteil der von Armut bedrohten Personen zwischen 2006 und 2012 von 14 auf 15,2 Prozent zugenommen. Damit befinde sich die Armut „auf einem neuerlichen Rekordhoch“, so Schneider.

Amerikanisierung des Arbeitsmarktes

Als armutsgefährdet gelten Personen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Für einen Singlehaushalt lag diese Grenze laut Mikrozensus 2012 bei gut 869 Euro. Um die Armutsgefährdung von Familien zu erfassen, wird  jede weitere im Haushalt lebende Person über 14 Jahren mit 0,5, jedes Kind unter 14 mit 0,3 Anteilen des Singleeinkommens hinzu gezählt. Für eine Familie mit zwei Kinder unter 14 ergeben sich 2,1 Punkte, die mit 869 Euro zu multiplizieren sind. Somit gilt eine solche Familie mit einem Einkommen unter 1825 Euro als armutsgefährdet.

Verantwortlich für die Entwicklung ist aus Sicht des Verbandes vor allem die "Amerikanisierung des Arbeitsmarktes", also die Zunahme unsicherer Beschäftigungsverhältnisse in einem wachsenden Niedriglohnsektor. Manche Regionen blieben dabei immer weiter hinter anderen zurück. Während in Baden-Württemberg und Bayern der armutsgefährdete Bevölkerungsanteil um je 0,1 Punkte auf 11,1 und 11,2 Prozent schrumpfte, habe es in Mecklenburg-Vorpommern und  Sachsen-Anhalt  zuletzt Armutsanstiege um 0,7 und 0,4 Punkte auf je 22,9 Prozent gegeben. In Brandenburg gab es den Angaben zufolge die deutlichste Zunahme der Armutsgefährdung: Sie stieg von 2011 auf 2012 um 1,4 Punkte auf 18,3 Prozent.

Entsprechend stark variieren die Einkommen in den Ländern: In Hessen etwa betrug das durchschnittliche Einkommen pro Kopf 37 656 Euro im Jahr 2012, in Thüringen waren es nur 22241 Euro. Der Bundesdurchschnitt lag bei 32 881 Euro. Beträchtliche Divergenzen sind auch unter den Großstädten zu verzeichnen. Den mit26,4 Prozent höchsten Armenanteil weist  Dortmund auf, gefolgt von Leipzig (25,9), Duisburg (25,1)  Prozent, Hannover (22,4), Bremen (22,3) und Köln (20,5).  Am geringsten von Armut betroffen sind die Menschen  demnach in München (11,4 Prozent), Stuttgart (13,4), Hamburg 14,8) und Frankfurt am Main (15,2).

Ob es sich bei den Daten tatsächlich um Belege für dauerhafte Verarmungstendenzen und einer wachsenden regionalen „Zerrissenheit“ handelt, sei angesichts der vorliegenden Befunde allerdings dahin gestellt. Zum einen stieg der armutsgefährdete Bevölkerungsanteil zwischen 2006 und 2011 gerade auch in vermeintlich reichen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg spürbar an, während im gleichen Zeitraum der Armutsanteil in Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Brandenburg  und Sachsen-Anhalt teils erheblich zurückging.

Die regionale schere schloss sich mithin über Jahre hinweg und hat sich erst 2012 wider leicht geöffnet. Zum anderen stellte das Statistische Bundesamt anhand europäischer Vergleichsdaten in dieser Woche fest, dass die von sozialer Ausgrenzung und Armut betroffene Bevölkerungsgruppe zwischen 2011 und 2012 um 0,3 Prozentpunkte auf 19,6 Prozent abgenommen hat.  Dabei wird nicht nur das Einkommen berücksichtigt, sondern etwa auch die Teilhabe am Arbeitsmarkt. In der EU lag der Anteil der Betroffenen mit  24,8 Prozent deutlich höher.