Berlin - Eine gute Nachricht für Feinschmecker, eine schlechte für Tierschützer: In Berlin wird es weiterhin lebenden Hummer zu kaufen geben. „Solange es nicht verboten ist, ist es rechtlich statthaft“, sagt Christian Oestmann. Er ist Vorsitzender Richter am Verwaltungsgericht.

Er und seine Kollegen mussten sich am Mittwoch mit der Frage befassen, ob ein Bescheid des Bezirksamtes Spandau gegen das Großhandelsunternehmen Metro rechtens ist. Das Bezirksamt hatte 15 Anordnungen wegen Verstoßes gegen eine artgerechte Haltung von Tieren gegen die Spandauer Metro-Filiale erlassen. Das Unternehmen klagte dagegen.

Es geht um Hummer, der in der Nonnendammallee lebend verkauft wird. Das Bezirksamt hatte die Halterung – also die Haltung der Tiere kurz vor dem Schlachten – beanstandet. Die Tiere hätten in den drei Becken zu wenig Platz, es sei zu hell, die Temperatur des Wassers stimme nicht und auch nicht dessen Qualität. Zudem habe der Hummer, der in der Natur ein Einzelgänger ist, keine Rückzugsmöglichkeiten. Und überhaupt gehöre der Verkauf des lebenden Krebstiers verboten.

Die Richter mussten in diesem Verfahren vor allem eines klären: Können Hummer Schmerzen empfinden? Leiden sie unter der Enge der Becken, unter der Nähe zu anderen Tieren?

Nitratwerte für einen Bach

Ja, sie können, sagt der Sachverständige Jan Wolter. Der 52-jährige ist Vizepräsident der Tierärztekammer Berlin. Er betreibt eine Zierfischpraxis und hat Erfahrung mit Krebstieren. Er hat  ein Gutachten verfasst. Viele Schwachpunkte konnte er nicht erkennen. So wurden die Becken bereits streifenweise abgeklebt, die Wassertemperatur war in Ordnung. Die Anordnung des Bezirksamtes zur Qualität des Wassers hält er für zu scharf und nicht erreichbar. Die geforderten Nitratwerte etwa könnten bestenfalls in einem Bach eingehalten werden.

Allerdings hält es der Hummer-Gutachter für erforderlich, dass jedes Tier einen Platz von 290 Quadratzentimetern hat. Das ist ein halbes DIN-A-4-Blatt. In Spandau muss sich jedes Krebstier mit nur 250 Quadratzentimetern begnügen. Auch hält Wolter Rückzugsmöglichkeiten für dringend geboten, um den Tieren Stress zu nehmen.

In neun Punkten können sich beide Parteien gütlich einigen. Von den übrig gebliebenen sechs Regelungen hebt  Richter Oestmann schließlich vier auf. Damit habe das Amt seine Kompetenzen weit überschritten. Mit einer auferlegten Dokumentationspflicht zur Wasserqualität und -temperatur etwa hätten die Mitarbeiter des Veterinäramtes lediglich ihre Kontrollpflichten erleichtern wollen. Der Richter stellt verwundert fest, dass das Bezirksamt nicht einmal die beanstandete Wasserqualität selbst untersucht hat.

Die Kammer hält lediglich zwei Anordnungen für rechtens. So wird Metro verpflichtet, mehr Raum für die Hummer zu schaffen. Jedes Tier soll nun Anspruch haben auf den Platz von der Größe eines halben DIN-A-4-Blattes. Und das Unternehmen muss Wände in die Wasserbehälter einziehen, damit sich die Tiere auch mal von ihren  Artgenossen zurückziehen könnten.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Weil es ein solches Verfahren in Deutschland noch nicht gegeben hat und ein Urteil von grundsätzlicher Bedeutung ist, kann gegen die Entscheidung Berufung beim Oberverwaltungsgericht eingelegt werden. Das Bezirksamt will dies tun.