Berlin - Die vielen Polizeiwagen sind schon von weitem zu sehen. Dutzendfach stehen Mannschaftswagen rings um die Kreuzung vor dem Spree-Center in Hellersdorf. 300 Beamte hat die Polizei am Mittwoch dort eingesetzt. Damit ist die Staatsmacht gegenüber den Demonstranten deutlich in der Überzahl. Vor zwei Tagen sind zwei Kilometer weiter Flüchtlinge in ein ehemaliges Schulgebäude eingezogen. Seitdem dauern Auseinandersetzungen um die Notunterkunft an.

In der Nacht zu Mittwoch hatte es in Hellersdorf bereits gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern des Asylbewerberheimes, der NPD und der Polizei gegeben. Ein Polizist kam schwer verletzt ins Krankenhaus. Die Polizei nahm 25 Personen fest. Zu den Auseinandersetzungen war es gekommen, nachdem bekannt wurde, dass die NPD am Alice-Salomon-Platz mit rund 45 Mitgliedern eine Kundgebung gegen das Heim veranstaltete.

Etwa 400 Demonstranten versammelten sich, um die Kundgebung zu verhindern. Polizisten gingen dazwischen. Eier, Holzlatten und Holzpflöcke seien geflogen, sagt ein Polizeisprecher. Flaschen und Steine trafen eine Straßenbahn. Fünf Scheiben gingen zu Bruch. Ein Polizist wurde im Gesicht getroffen und erlitt einen Jochbeinbruch.

Hase und Igel

Der Morgen danach beginnt in Hellersdorf übersichtlicher und auch friedlicher. Die islamfeindliche Bürgerbewegung Pro Deutschland will an diesem Tag verschiedene Kundgebungen im ganzen Stadtgebiet zum Flüchtlingsheim veranstalten. Wie bei der Geschichte vom Hasen und dem Igel wollen ihre Gegner allerdings immer schon vor ihnen da sein.

Die erste Aktion findet am Mittwoch vor dem Spreecenter statt. Der Ort macht es der Polizei leicht, Demonstranten und Gegendemonstranten voneinander zu trennen. Pro Deutschland hat vor dem Edeka-Markt Position bezogen. Gegenüber, auf der anderen Seite der Hellersdorfer Straße vor dem Netto-Markt stehen ihre Gegner: etwa 50 junge Leute, davon viele aus Kreuzberg, und Politiker, darunter einige Kandidaten für den Bundestag. Dazwischen fließt der Verkehr.

Die Hellersdorfer halten sich raus. Sie stehen mit ihren Einkaufstaschen leicht erhöht auf den Stufen zum Einkaufszentrum und beobachten den Konflikt aus der Distanz.

Pro Deutschland dringt mit ihren Parolen nicht durch. Das mag daran liegen, dass für die Bürgerbewegung hier nur zehn Männer angereist sind. Es kann auch an dem Lärm liegen, den ihre Gegner auf der anderen Straßenseite mit schrillem Pfeifen, Haut-ab-Rufen und multiethnischer Musik veranstalten.

Die Gegendemonstranten, aber auch die Hellersdorfer bekommen jedenfalls nicht mit, was ein Mann im schwarzen Shirt, über den drohenden Scharia-Staat und Bürgerkriegsflüchtlinge als Deserteure und Vaterlandsverräter zu sagen hat. Aber das ist den Gegendemonstranten wohl auch egal.

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Petra Pau bringt auf den Punkt, was viele hier sagen: „Wir wollen gemeinsam Widerstand gegen Rechts leisten.“ Es geht ums Gesicht zeigen, nicht um Verständigung. Nach einer halben Stunde ziehen alle Demonstranten wieder ab. Polizeivizepräsidentin Margarete Koppers steigt aus einem Auto und erkundigt sich beim Einsatzleiter nach der Lage der Dinge.

Pfiffe und Sprechchöre

Pro Deutschland zieht von Hellersdorf aus weiter in die Turmstraße in Moabit, wo sich die zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber befindet. Dort werden die Aktivisten von rund 200 Gegendemonstranten mit Pfiffen und Sprechchören begrüßt. Ähnliche Szenarien spielen sich später auf der Warschauer Brücke und in der Rigaer Straße in Friedrichshain ab. Am Abend demonstrierte Pro Deutschland auch in der Glogauer Straße am Görlitzer Park in Kreuzberg.

Vor dem Heim in der Carola-Neher-Straße in Hellersdorf ist es dagegen an diesem Tag weitgehend ruhig. Von den Flüchtlingen, die seit Montag hier leben, ist nichts zu sehen. Wachschützer stehen vor dem Eingang. An der Straßenecke campieren rund um die Uhr junge Leute, die sich als Beschützer der Flüchtlinge fühlen. Sie haben einen Pavillon aufgestellt. Kekse, Wasserflaschen, Obst stapeln sich auf Tischen.

Die jungen Leute wollen mindestens eine Woche bleiben. „Wir können die Leute nicht alleine lassen mit dem rassistischen Mob vor Ort“, sagt Dirk Stegemann, der den Pavillon als Kundgebung angemeldet hat. Rechtlich ist die Sache ungeklärt. Das Bezirksamt ist nicht dafür. Es hat schon Anzeigen wegen Ruhestörung gegeben. Aber es bringen auch immer wieder Anwohner Kannen mit heißem Tee vorbei.

Auch Berlins Integrationsbeauftragte Monika Lüke hält nichts von Kundgebungen vor Flüchtlingsheimen. Sie hat dabei allerdings eher das rechte Spektrum im Blick.

Lüke sieht in deren Aktionen eine Gefahr für die Sicherheit der Flüchtlinge. Sie fordert ein Demonstrationsverbot vor Flüchtlingsheimen und die Einrichtung einer Bannmeile: „Ich halte es für unverantwortlich, die Ängste und Vorbehalte, die es bei Anwohnern durchaus gibt, wenn ein neues Heim in der Nachbarschaft aufgemacht wird, noch zusätzlich zu schüren.

Es ist klar, dass rechte Parteien zurzeit im Wahlkampf mit Fremdenhass auf Stimmenfang gehen wollen. Die jüngsten Hetzplakate und Flyer der NPD sind dafür ein Beispiel. Es ist aber nicht hinnehmbar, dass solche Hasskampagnen die rechtmäßige Unterbringung von Flüchtlingen womöglich vereiteln und die Menschen in ihrer neuen Umgebung um ihre Sicherheit fürchten müssen.“

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