Ein Geruch von Ölfarbe und Terpentin zieht durchs Treppenhaus. Hinter einer Tür spricht eine Frau über ihren neusten Blog-Eintrag. Das Sirren einer Kreissäge ertönt von irgendwo her. Das Atelierhaus Mengerzeile atmet Geschäftigkeit – und Kunst. Überall ist diese in dem mehr als hundertjährigen Fabrikgebäude in Alt-Treptow greifbar: in Ausstellungs-Einladungen an den Wänden, Farbflecken auf den abgewetzten Treppenstufen, dem Schiff in grüner Landschaft auf einer Postkarte an der Tür zu Matthias Reinmuths Atelier. Die Szene könnte idyllisch aussehen, führe das Schiff nicht unter einer bedrohlich wirkenden groben Stahlbrücke hindurch.

Brüche gehören zum kreativen Prozess. Die ehemalige Piano-Fabrik liefert eine ideale Kulisse dafür. Seit 1993 ist das Gebäude die Arbeitsstätte von rund 40 Künstlern. Im Bezirke-Dreieck von Treptow, Neukölln und Kreuzberg gelegen, wirkt der Ort wie eine Insel der Kreativen in einem Kiez aus Mietshäusern und Brachen.

Doch möglicherweise neigt sich diese kreative Zeit dem Ende zu, oder wie Reinmuth es formuliert: „Was in den 20 Jahren hier existiert hat, Künstler aus der ganzen Welt, hat man versemmelt.“ Die Künstler haben von den Besitzern des Hauses die Kündigung erhalten. Das Haus soll verkauft werden – aber nicht an die Künstler.

Hoffen auf ein Jahr Aufschub

Der Verein Mengerzeile, der die Maler, Bildhauer und Videokünstler vertritt, hat gegen die Kündigungen geklagt. Bis ins nächste Jahr hoffen die Künstler dank des Rechtsstreits bleiben zu können. Doch Reinmuth ist nicht sehr optimistisch. In ganz Berlin verlören Künstler derzeit ihre Arbeitsstätten, sagt er: „Dabei zehrt Berlin doch davon, dass es sich als Kunst- und Kulturstadt verkauft.“ In der Kunsthalle M 3, die zum Atelierhaus gehört, hängen derzeit zwei Bilder des 39-Jährigen, der in Berlin studiert hat und seit 2003 im Atelierhaus arbeitet.

Es sind großformatige Acrylbilder, die zwischen „Nacht und Universum“ angesiedelt sind, wie er sagt. In dünnen Lasuren hat er die Farbschichten aufgetragen, die oberste Schicht ist milchig, als liege ein Schleier über dem Bild. Die Kunsthalle ist das Tor zur Außenwelt. Hier stellen auch Künstler von außerhalb des Hauses aus, das über die Grenzen von Treptow hinaus in Berlin bekannt ist.

Den Wert des Hauses für die Kunst betont auch der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick Oliver Igel (SPD). Er hat einen Brief an die Besitzer des Hauses geschrieben. Darin appelliert er an sie, mit den Künstlern über einen Kauf des Fabrikgebäudes zu verhandeln und deren Angebot „ernsthaft zu prüfen“.