Berlin - Atheer Adel hat seine Sprache wiedergefunden. Sie war ihm abhandengekommen, sagt er. In den Flüchtlingsunterkünften in Hamburg, Flensburg, Kiel und den anderen Städten, durch die er als Zehnjähriger mit seiner Familie zog. Auf der Hauptschule Ende der Neunziger, während der Jahre in der Ausländerklasse. In jener Zeit, als Atheer Adel nicht mehr im Irak, aber irgendwie auch noch so richtig nicht in Deutschland lebte.

„In Bagdad habe ich schon als Dreijähriger auf Arabisch kleine Liedchen und Gedichte erfunden“, erzählt er. „Zu Deutschland passte Arabisch aber plötzlich nicht mehr, da kamen keine Lieder mehr. Ich kann nur eine Sprache singen, wenn ich sie auch denke und fühle.“ Erst als junger Erwachsener fand Atheer Adel eine neue Sprache, neue Worte für seine Songs: Deutsch.

Nun, rund zehn Jahre später – Atheer Adel lebt mittlerweile in Berlin und ist ein ziemlich erfolgreicher Schauspieler –, will er aus seinen Stücken ein Album machen. An diesem Mittwoch stellt er bei der Fête de la Musique schon mal einige Titel vor.

Es ist das erste Mal seit zwei Jahren, dass Atheer Adel auf einer Bühne steht. Um 18 Uhr tritt er im Novilla in Niederschöneweide auf. Seine Lieder klingen wie das, was dem 31-Jährigen im Blick liegt: ein bisschen Melancholie, ein bisschen Trotz und ein bisschen von der Leichtigkeit, die nur jemand hat, der lange nicht wusste, was der nächste Tag bringt. Mal ist das poppig, mal schwer, Adel begleitet sich selbst mit der Gitarre und dem Keyboard. Mit dunkler Stimme singt er von Liebe, Zeit und Sterblichkeit. Auch von Gott. „Davon, dass die Menschen ewig auf den Propheten warten und irgendwann beschließen, einfach ihr eigenes Ding zu machen“, sagt er.

„Perfektes Stück Integration“

Sein eigenes Ding. Das ist es, was Atheer Adel lange gesucht und spät gefunden hat. Er sitzt in einem Café am Hermannplatz. In seinem Neuköllner Kiez. Dort, wo er auf die Sonnenallee gehen und abtauchen kann, wie er sagt. Wo er einer von vielen mit einem ausländischen Gesicht ist.

„Ich habe mich 20 Jahre abgerackert, um ein perfektes Stück Integration zu sein. Ich habe die deutsche Sprache aufgesogen, mich möglichst deutsch verhalten“, sagt er. „Dann habe ich gemerkt, dass ich gar nicht frei bin – und beschlossen: Das war’s! Ich bin jetzt ich: eine Mischung aus zwei Welten. Mit meinen deutschen und den arabischen Eigenschaften, mit allen Fehlern. Und wenn mich jemand kritisiert: Soll er doch!“

Das Gefühl, anders zu sein, irgendwie nicht reinzupassen, verfolgte Atheer Adel seit seiner Ankunft in Deutschland. Die Familie ließ sich damals nach einer Odyssee durch verschiedene Asylunterkünfte in München nieder. Der zehnjährige Atheer kam in eine Übergangsklasse. Schüler ohne Deutschkenntnisse lernen dort zusammen, um später, wenn sie die Sprache besser können, in die Regelklassen integriert zu werden. Seine Freunde kamen aus Russland, aus der Türkei und dem Iran. „Der deutscheste Junge, den ich kannte, war ein Italiener – aber bloß, weil er blond war.“ Atheer Adel lacht.

Viele der Kinder wechselten nach der vierten Klasse auf die Hauptschule. Dort fühlte sich Adel verloren. „Meine Eltern sind Künstler. Mein Vater macht Musik, meine Mutter designt Filmsets, ganz kreative Berufe – und plötzlich machte die Schule uns weis, dass es der höchstmögliche Erfolg ist, Kfz-Mechaniker zu werden.“

Atheer Adel ging nicht gern hin, hatte klaustrophobische Anfälle, wie er sagt. Gleichzeitig hasste er sich dafür, weil er dachte, ein deutscher Junge hätte sicher mehr Disziplin. Adel schaffte den Hauptschulabschluss nicht. Er trieb sich mit seiner Gitarre in Parks rum. Weil ihm jemand sagte, er brauche als Musiker mehr Bühnenpräsenz, bewarb er sich kurzerhand an der Schauspielschule des Europäischen Theaterinstituts in Berlin. „Ich spielte mit meinem Ghetto-Akzent die Ringparabel von Lessing. Irgendwas haben die wohl in mir gesehen, was nicht jeder hatte.“

Jackie Chan statt Anton Tschechow

Plötzlich war Atheer Adel Student. „,In your face’, wollte ich allen meinen alten Lehrern zubrüllen!“ Doch auch der Neustart war nicht leicht. Seine Kommilitonen kamen aus Akademikerfamilien, in der Uni lasen sie Gerhart Hauptmann und Anton Tschechow. „Die Helden meiner Kindheit waren Jackie Chan und der Terminator. Da gibst du dir die Blöße, wenn du das in so einem Umfeld laut sagst.“ Er spürte die argwöhnischen Blicke, wenn er Sachen unbedacht sagte, Dinge pauschalisierte, wie man das unter seinen alten Freunden eben gemacht hatte. Wieder fühlte Atheer Adel, dass er anders war, sagt er. Das glaubt man ihm, obwohl er sicher auch mit seinem Underdog-Image kokettiert. Er weiß es auch zu nutzen.

Nach eineinhalb Jahren schaffte Adel den Wechsel auf die renommierte Ernst-Busch-Hochschule, die er 2012 mit dem Diplom verließ. Es folgten Engagements in mehreren „Tatort“-Folgen sowie am Theater in Hamburg und Frankfurt. Aktuell ist Atheer Adel in der Netflix-Serie „Nobel“ zu sehen. „Meine alten Freunde denken , ich wäre Millionär oder so“, sagt Adel.

Whistleblower hackt Daten

Das Highlight seiner Karriere waren die neun Folgen „Homeland“. In der fünften Staffel der erfolgreichen US-Serie verkörperte er den Whistleblower Numan, der geheime CIA-Daten hackt und einem Skandal auf die Spur kommt. „Als ich kürzlich in Amerika war, haben Leute mich tatsächlich erkannt und nach Autogrammen gefragt. In Berlin passiert das nicht, aber in den USA ist ,Homeland’ riesig.“

Auch Claire Danes, die die Hauptrolle spielt und das Gesicht des Spionage-Thrillers ist, lernte er kennen. „Sie hat mein Verständnis davon, was Professionalität heißt, brutal verändert. Immer vorbereitet, immer pünktlich, nie am Lamentieren. Normalerweise trifft man sich vor einem Dreh freiwillig im Hotel zu Leseproben, manche Topstars haben da Besseres zu tun. Doch Claire war immer da. Immer.“ Atheer Adel will sich daran ein Beispiel nehmen. Will lernen, genauso auf Knopfdruck zu performen. Vielleicht ist der Bühnenauftritt bei der Fête de la Musique dafür eine gute Übung.

Nach dem Gig will Atheer Adel aus seinen Stücken unbedingt ein Album machen, auch wenn es nur dieses eine ist. „Da stecken so viele Nächte Arbeit drin, so viele Visionen. Angst, dass jemand es nicht mögen könnte, hat er nicht. „Das ist mein eigenes Ding, genauso, wie ich bin. Und wer das nicht mag: Dann eben nicht!“