Es gibt mindestens ein Wahlversprechen, das der französische Staatspräsident Hollande in seiner Amtszeit nicht eingehalten hat. 2012 erklärte er unter dem Einfluss der grauenvollen Atomkatastrophe von Fukushima, Frankreich werde bis Ende 2016 den Schrottreaktor in dem kleinen Ort Fessenheim in den Vogesen abschalten. Heute läuft Fessenheim immer noch. Also manchmal. Am vergangenen Wochenende hat ein Störfall im Kühlsystem den Reaktor mal wieder stillgelegt.

Die Arbeiter hoffen - auf Le Pen

40 Jahre nachdem das Kraftwerk ans Netz ging, gibt es zwar eine Absichtserklärung des Betreibers EDF, das marode, hochgefährliche Bauwerk abzuschalten, es gibt auch eine Zusage des französischen Staates über mindestens 400 Millionen Euro Entschädigung, aber es gibt keinen Beschluss, der die Entscheidung unumkehrbar macht. Und so warten die AKW-Betreiber die Präsidentschaftswahlen ab. Vor allem die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat der EDF hoffen – auf Le Pen. Die rechtsnationale Kandidatin will die Atomkraft ausbauen, der konservative Fillon, inzwischen chancenlos, will Fessenheim am Netz lassen. Und so wird  – im Schatten der großen Debatte über Populismus in Europa – auch über ein Zukunftsthema der Menschheit mitentschieden: die Atomkraft. Und auch hier hat die Hoffnung einen Namen: Macron.

Wiege des Widerstands

Fessenheim ist nicht irgendein Kernkraftwerk. Es ist sozusagen die Wiege der Anti-Atomkraftbewegung. Am Anfang waren es vier Familien aus dem Elsass, die sich zu Beginn der 70er-Jahre wehrten. Sie bekamen stimmgewaltige Unterstützung des Liedermachers Walter Mossmann, der dem französisch-deutsch-schweizerischen Protest eine Stimme gab. Man kann es auf Youtube anhören. Daraus wurde eine der größten friedlichen Protestbewegungen des Landes. Inzwischen verabschiedet sich Deutschland schrittweise aus der Atomkraft. Der Protest der Menschen im Landkreis Lüchow-Dannenberg, – auch dort war es am Anfang eine Handvoll Bauern – konnte in den 80er-Jahren die dort geplante Wiederaufarbeitungsanlage und das Endlager verhindern. Der Bundestag berät jetzt ein Endlagersuchgesetz. Aber Deutschland ist ein winziger Fleck auf der Erde.

Nichts gelernt

Vor 40 Jahren, als Fessenheim ans Netz ging, waren alle Gefahren der Atomkraft bekannt. Die Explosion des Reaktors Tschernobyl in der Ukraine 1986 hat dies auf tödliche Weise bestätigt. Der Wind trug die Strahlung tausende Kilometer bis nach Deutschland. Seither wurden unzählige neue Atomkraftwerke gebaut. Die Katastrophe von Fukushima 2011 hat der Menschheit dann noch mal vor Augen geführt, was diese Technik anrichten kann. Doch heute nimmt Japan seine Reaktoren wieder ans Netz. Und die Schweizer haben im November 2016 in einem Volksentscheid für eine Verlängerung der sogenannten „Gefahrzeit“ für Atomkraftwerke gestimmt. Die Menschheit scheint immun gegen Bedrohungen dieses Ausmaßes.
Der gefährlich marode Meiler von Fessenheim ist  2011 wahrscheinlich knapp am GAU vorbeigeschrammt.

Bedrohung für eine Million Menschen

Fessenheim liegt auf der französischen Seite des Rheins in 25 Kilometer Entfernung zur Solarstadt Freiburg. Colmar ist 27 Kilometer entfernt, Basel 40. In diesem Radius lebt knapp eine Million Menschen. Für mindestens die Hälfte von ihnen wird im Falle der Katastrophe der Wind ungünstig stehen.