Attackierte Beamtin der JVA Plötzensee spricht vor Gericht von Todesangst

An die Worte des Angreifers erinnert sich Ines C. noch genau. Mit zitternder Stimme wiederholt sie sie. „Dich mache ich kalt“, soll der Mann geschrien und dabei immer wieder auf sie eingetreten, eingeschlagen und mit einem Brotmesser auf sie eingestochen haben. „Das nahm kein Ende, und ich dachte, er schafft es. Ich hatte Todesangst“, sagt Ines C. als Zeugin an diesem Mittwoch vor dem Landgericht.

Die 50-jährige schmale Frau ist Justizvollzugsbeamtin. Seit 21 Jahren arbeitet sie im Gefängnis Plötzensee. Der Mann, von dem sie spricht, ist Marco P. Der 42-Jährige war wegen kleinerer Delikte in Plötzensee inhaftiert. Nun sitzt er nur wenig Meter von Ines C. entfernt wegen versuchten Mordes auf der Anklagebank.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, die Justizbedienstete am 14. August 2015 während der Freistunde attackiert und mit einem Messer schwer verletzt zu haben. Laut Anklage leidet Marco P. unter einer Psychose und soll im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt haben. Die Staatsanwaltschaft strebt die Unterbringung des Mannes in der Psychiatrie an. Ein Urteil wird Anfang April erwartet.

Ein ganz normaler Tag

Ines C. erzählt, dass Marco P. schon immer sehr seltsam gewesen sei. Er habe gedacht, er sei jemand anderes. Kollegen hätten Angst vor ihm gehabt und sein Verhalten an die Gefängnisleitung gemeldet.

Am Tattag hatte Ines C. zusammen mit einem Kollegen Spätdienst im Haus C der Haftanstalt. Dort saßen etwa 60 Inhaftierte ein. Es sei ein ganz normaler Tag gewesen, sagt die Zeugin. Um 15 Uhr wurden die Türen zu den Zellen aufgeschlossen, eine Viertelstunde später begann die Freistunde. Die Häftlinge kamen nach und nach auf den Hof. Ines C. war allein mit ihnen. Eine einzige Aufsichtsperson, das sei normal, sagt die Zeugin auf die erstaunte Nachfrage des Vorsitzenden Richters. Das bestätigt wenig später auch ihr Kollege.

Die Beamtin sagt, dass sich Marco P. von der Gruppe auf dem Hof entfernt habe. Er verschwand aus ihrem Blickfeld hinter einer Ecke. Sie lief hinterher und forderte ihn zur Rückkehr auf. Das tat er zunächst auch. Bis er ihr völlig unvermittelt einen Faustschlag ins Gesicht versetzte. Ines C. stürzte nach eigenen Angaben in ein Gebüsch und wurde dort von dem Mann so lange mit einem Metallbrotmesser traktiert, bis die Klinge abbrach.

Es war kein Kollege in der Nähe, der die Hilferufe der schreienden Frau hören konnte. Ines C. betätigte auch nicht ihr Funkgerät. „Ich musste mich der Schläge, Tritte und Stiche erwehren“, erklärt sie. Drei Strafgefangene waren es, die einschritten und ihr damit offenbar das Leben retteten. „Wären sie nicht gewesen, würde ich heute nicht hier sitzen“, sagt Ines C. Die drei Männer drängten den Angreifer ab, brachten die blutüberströmte Frau ins Haus und leisteten Erste Hilfe.

Der zweite Kollege aus der Spätschicht, der sich im Haus aufgehalten hatte, wurde erst jetzt aufmerksam. Er drückte vergebens den Alarmknopf. Das System am und im Haus funktionierte nicht, es war nach Wartungsarbeiten offenbar nicht wieder aktiviert worden. Er griff schließlich zum Telefon, um Kollegen und einen Rettungswagen anzufordern.

Ines C. lag fünf Tage im Krankenhaus. Dort wurden ein Kieferbruch, zahlreiche Stiche im Gesicht und im Rücken diagnostiziert. Sie wurde operiert. Narben seien zurückgeblieben, sagt die Justizbedienstete. Sie spricht auch von seelischen Wunden. Davon, dass sie noch immer in psychiatrischer Behandlung sei, unter Schlafstörungen und Angstzuständen leide. Ein Arzt hat ihr eine posttraumatische Belastungsstörung attestiert. Seit dem Vorfall ist sie krankgeschrieben.

Ihr Anwalt sagt in einer Verhandlungspause, er gehe von einer dauerhaften Dienstunfähigkeit seiner Mandantin aus. Die Arbeitsbedingungen in der Justizvollzugsanstalt und das Versagen der Leitung hätten wesentlich dazu beigetragen, dass es zu dem Vorfall kommen konnte.

„Es war bekannt, dass der Gefangene gefährlich sein soll“, sagt der Anwalt. Justizbedienstete hätten mehrfach auf psychische Auffälligkeiten des Mannes hingewiesen, und auch verlangt, dass mit Marco P. etwas geschehen müsse. Der Mann hätte nach Meinung des Anwalts nicht mehr in Plötzensee sein dürfen. „Außerdem müsste bei der Beaufsichtigung von bis zu 60 Gefangenen immer eine zweite Person zumindest in Sichtweite sein, die eingreifen kann.“

Laut Justizverwaltung ist der Vorfall nicht mit fehlendem Personal zu erklären. Man mindere derzeit den vom Vorgängersenat betriebenen Stellenabbau im Justizvollzugsdienst, heißt es. Seit dem Jahr 2014 bildet Berlin demnach wieder Bedienstete aus, um eine personelle Unterbesetzung zu kompensieren.

Dass Marco P. auffällig war, sei bekannt gewesen, räumt die Justizverwaltung ein. Es habe aber bis zu der Messerattacke auf die Beamtin keine tätlichen Angriffe seinerseits gegeben. Ärzte hätten am 13. August 2015 entschieden, dass es bei weiter anhaltendem verbal-aggressivem Verhalten von Marco P. notwendig sein würde, ihn in die Psychiatrie einzuweisen. Beim nächsten kleinen Zwischenfall wäre es soweit gewesen, heißt es.

Einen Tag später wurde Ines C. niedergestochen.