„Schlagt tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau“, dichteten deutsch-nationale Vaterlandsschützer vor hundert Jahren. Ein selbst ernannter „Volksgerichtshof“ fand es angemessen, sein hasserfülltes Todesurteil in Reime zu fassen. Im Land der Dichter und Denker hielten Konservative und Monarchisten die Kultur auf eigene Weise hoch.

Walther Rathenau, liberaler Außenminister, starb am 24. Juni 1922, als er im offenen Wagen von seinem Haus im Grunewald ins Auswärtige Amt fuhr. An einer unübersichtlichen Stelle der Koenigsallee überholte ihn ein ebenfalls offener Wagen. Zwei Attentäter schossen auf den ungeschützten 53-Jährigen, schickten den Maschinenpistolenkugeln eine Handgranate nach und brausten davon. Walther Rathenau, der jeden Tag diesen Weg fuhr, war ein leichtes Opfer. Warnungen hatte er in den Wind geschlagen, sein Leben aus Furcht zu ändern, kam nicht infrage.

Einzeltäter oder Geheimbund?

Wer steckte hinter dem Attentat, das die Weimarer Republik im dritten Jahr ihrer Existenz erschütterte wie kein andere der zahlreichen gegen Politiker gerichteten Mordattacken jener Zeit? Ein fanatischer Einzeltäter oder eine geheim agierende Organisation? Nach dem Rathenau-Mord deckten die Ermittler ein deutschlandweites geheimes Netzwerk auf, dessen zahlreiche Mitglieder das Attentat vorbereitet, die Durchführung und dann die flüchtigen Mörder unterstützt hatten. Ihnen allen ging es um viel mehr als ein Attentat: Sie wollten den Sturz der Regierung, das Ende der Weimarer Republik.

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Der Industrielle, Schriftsteller und Politiker (DDP) Walther Rathenau um 1920. Hinter dem Mord an dem Außenminister stand die rechtsradikale und nationalistische Organisation Consul. Die terroristische Vereinigung agierte im Untergrund.

Der Historiker Martin Sabrow beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Fall, dessen Hintergründe bis heute nicht vollständig ausgeleuchtet sind. Sein gerade neu aufgelegtes Buch „Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution“ kommt wie gerufen. Die Kernthese, der Rathenau-Mord sei ein groß angelegtes Komplott zur Beseitigung der ersten deutschen Demokratie gewesen, ist so überzeugend, dass es einen angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen graust.

Völkisch-Nationale, Identitäre, Querdenker, Reichsbürger, Ku-Klux-Clan-Ableger etc. pp. treffen in der Gegenwart auf ein für Hassbotschaften empfängliches Bevölkerungssegment. Heute steht ihnen das Internet zur Verfügung, um Morddrohungen gegen Politiker, vor allem weibliche, und Juden zu verbreiten. Nur ein Beispiel: Mutmaßlich aus der Querdenkerszene kam die an Ministerpräsidentin Manuela Schwesig gerichtete Drohung: „Sie wird abgeholt, entweder mit dem Streifenwagen in Jacke oder mit dem Leichenwagen, egal wie, sie wird abgeholt.“ Kein Reim, aber gleicher Inhalt.

Nicht jede Verschwörungstheorie bleibt Theorie

Wer heute von Verschwörungstheorie spricht, meint meist ein Hirngespinst. Doch Theorien wurden oft zu Taten: Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) ermordete zwischen 2000 und 2007 neun Migranten, eine Polizistin, verübte 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle. Drei Haupttäter sind bekannt, die Zahl ihrer lokalen und überregionalen Unterstützer wird auf 100 bis 200 Personen geschätzt. Behörden, sogar Stellen des Verfassungsschutzes, behinderten die Suche nach den Hintermännern.

Den Kasseler Kommunalpolitiker Walter Lübcke erschoss am 1. Juni 2019 ein hessischer Rechtsextremist, ein Unterstützer wurde gefasst. Spuren führten in die Kasseler Neonaziszene und weiter zum NSU, zur Identitären Bewegung, in die AfD: ein verborgenes Netzwerk. Erst kürzlich kam ans Licht, dass das Gebäude des sächsischen Verfassungsschutzes wochenlang von dem Dresdener NPD-Politiker Hartmut Krien „bewacht“ wurde. Wo sitzen solche „Pförtner“ noch?

Martin Sabrow konnte Quellen auswerten, die in den 1990er-Jahren im Moskauer Sonderarchiv zur Aufbewahrung kriegsverlagerten Archivguts zugänglich geworden waren, und damit die schon in seiner Dissertation vertretene These untermauern.

Aus der riesigen Materialfülle von Vernehmungs- und Prozessakten, Tagebuchaufzeichnungen, Autobiografien, Presseberichten und privaten Briefen formte er – wohlgeordnet und in gepflegtem Deutsch – ein Gesamtbild von den erschütternden Dimensionen des Mordkomplotts. Das ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend und mündet in der Erkenntnis: Was damals möglich war, ist heute nicht ausgeschlossen.

Was die Gesellschaft destabilisiert: Inflation, Pandemie, Krieg

Mag sein, dass die Demokratie wehrhafter ist, aber es häufen sich mit Pandemie, Ukraine-Krieg, Energiekrise, Inflation, Klimawandel doch die destabilisierenden Faktoren. Naivität jedenfalls, so eine Lehre, hat früher oder später fatale Folgen. Wer glaubt, dass mit der Auflösung des „Flügels“ die Rechtsradikalen der AfD verschwunden seien, dass B. Höckes Aufruf, Milizen in Mitteldeutschland zu bilden und Waffenlager anzulegen, nicht ernst zu nehmen sei, der wäre blauäugig wie jene, die glauben, Reichsbürger seien harmlose Spinner und die rechtsextremistischen Mitglieder der ukrainischen Asow-Milizen seien bei deren Integration in die ukrainische Armee zu Demokraten geläutert worden.

Zurück zum Exempel Walther Rathenau (1867–1922). Nie vor und nie nach ihm kannte die deutsche Politik einen wie ihn: Promoviert mit einer Arbeit über Elektrochemie, als Erbe des AEG-Gründers Emil Rathenau Multimillionär und Konzernchef, Jude, Kunstfreund, liberaler Politiker, Kriegsfreiwilliger, Organisator der Rohstoffwirtschaft 1914/15, schließlich Außenminister der Weimarer Republik – obendrein wortgewaltiger Schriftsteller, der mit journalistischen Texten und Büchern inspirierte. In dem Buch „Von kommenden Dingen“ entwarf er 1917 eine Art Volksstaat, in dem Reichtum von oben nach unten umverteilt werden sollte. Ein Großkapitalist mit sozialistischen Ideen. Wer so vieles ist, der hat viele Verehrer und sehr viele Feinde.

Strategie zum Sturz der Republik

Kein Wunder also, dass er zur Hassfigur der Verlierer des Krieges und der Revolution wurde. Diese konzentrierten sich zunächst in den Freikorps, die gedemütigte Offiziere zu verschworenen Gemeinschaften ballten. Die zentrale Figur: Korvettenkapitän Walter Ehrhardt. Die Offiziere der Marine-Brigade Ehrhardt waren an der Niederschlagung der Münchener Räterepublik beteiligt und sicherten den Kapp-Lüttwitz-Putsch im März 1920 militärisch ab.

Als dieser direkte Versuch der Machtübernahme scheiterte, passte man die Strategie an: Mit demselben Ziel, denselben Leuten und demselben Chef entstand die Organisation Consul (O.C.). Nun sah der Plan vor, die Volksmassen zum Aufstand zu provozieren, bei der Niederschlagung der schwachen Reichswehr zu Hilfe zu eilen und im Chaos eines Bürgerkriegs die Macht zu erobern. Die Ermordung führender Köpfe der Weimarer Republik sollte eine linke Erhebung auslösen.

Immer wieder im Spiel: Organisation Consul

Deshalb starb im August 1921 Matthias Erzberger, Finanzminister und Reichstagsabgeordneter der Zentrumspartei. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann, der 1919 die Republik ausgerufen hatte und einige Monate deren Ministerpräsident gewesen war, überlebte im Juni 1922 als Oberbürgermeister von Kassel knapp ein Blausäureattentat. Der ehemalige Marineoffizier Erwin Kern hatte den Anschlag vorbereitet.

Kern plante auch den Rathenau-Mord. Die Beteiligten gehörten allesamt zum Umfeld der O.C. Die Organisation hatte sich in konspirativen Strukturen eingerichtet, als zentrale Tarnfirma und Geldverteilerin fungierte in München die Bayerische Holzverwertungsgesellschaft. O.C.-Leute saßen überall im Reich und kooperierten auf Abruf.

Ein landesweites Helfernetz

Die Tatwaffe für den Rathenau-Mord kam von einem deutschvölkischen Funktionär aus Schwerin, die Munition stammte aus Heeresbeständen. Das Auto stellte ein sympathisierender Fabrikant aus Freiberg/Sachsen zu Verfügung, der Fahrer des Mörderautos war ein Berliner Rechtsextremer. Ein Getreuer aus Berlin-Schmargendorf stellte die Garage für das Auto zur Verfügung. Bis in Kleinstädte und Dörfer hinein stand ein leicht aktivierbares Netz von Kurieren, Verstecken usw. zur Verfügung.

Die Öffentlichkeit reagierte auf den Mord an einem Staatsmann, der sich als Diener empfand, entsetzt. Die Leute sahen die Republik fundamental bedroht, selbst im konservativen Bürgertum sorgte man sich. An den Trauerfeiern nahmen im ganzen Land viele Millionen Menschen teil, allein in Berlin waren es eine Million. Der Mord erwies sich als ein konstituierendes Moment für die schwache Republik – das Gegenteil des von den Mördern und ihren Hintermännern Erwünschten.

Die Erwartung eines Volksaufstandes zerschlug sich nach wenigen Tagen. Reichskanzler Joseph Wirth (Zentrum) sagte: „Der Feind tröpfelt sein Gift in die Wunden des Volkes.“ Und er ließ keinen Zweifel: „Dieser Feind steht rechts.“ Die Presse berichtete schon am Tag nach dem Mord über Hinweise auf Verschwörungsgilden, geheime Verbindungen und „Mörderzentralen“: Das seien keine Fantasiegebilde.

Wallstein
Bibliografisches

Das Buch: Der Rathenaumord und die deutsche Gegenrevolution, Wallstein Verlag, Göttingen 2022, 334 Seiten, 30 Euro

Der Autor: Martin Sabrow, geb. 1954, ist Direktor des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam und Professor für Neueste und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Die Polizei ermittelte mit Hunderten Leuten, setzte eine Million Reichsmark für das Auffinden der Mörder aus. Diese entzogen sich ihrer Festnahme durch Selbstmord. Sabrow resümiert: Bis zur bewussten Rechtsbeugung habe eine konservative Justiz dem rechtsnationalistischen Schweigekonsens zugearbeitet und der Öffentlichkeit vernebelt, was sich wirklich hinter den Attentaten verborgen hatte: „der geheime Auftakt zur deutschen Gegenrevolution“. Nach 1933 brüsteten sich die Hintermänner des Attentats, die Clique der antirepublikanischen Terroristen, mit den Morden.

1922 wankte die Republik, aber sie fiel nicht. Das gelang nicht den von monarchisch-militärischem Dünkel erfüllten Geheimbünden, sondern der populistischen national-sozialistischen Bewegung von der Straße. Doch der Rathenau-Mord bleibt eine Warnung. Sie ist heute so ernst zu nehmen wie schon lange nicht.