Berlin - Sie sind auf der Suche nach dem ultimativen Kick und riskieren dabei ihr Leben. Lebensmüde Adrenalinjunkies, die auf S-Bahn-Züge klettern und dann bei Geschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern durch die Stadt rasen. Doch selbst das reicht diesen meist männlichen Jugendlichen und jungen Männern mittlerweile nicht mehr aus.

Auf einem Video, das derzeit im Internet kursiert, zeigt die neue Generation der S-Bahn-Surfer, das selbst dieser Irrsinn noch gesteigert werden kann. So ist auf dem Film zu sehen, wie ein Trupp junger Männer, die allesamt vermummt sind, am helllichten Tag auf das Dach einer zunächst oberirdisch fahrenden U-Bahn steigt, als diese in einem Bahnhof hält.

Sprung bei voller Fahrt in den Landwehrkanal

Als der Zug losfährt, machen es sich die Männer zunächst gemütlich, dann legen sie sich flach hin. Denn nur wenige Sekunden später donnert der Zug durch einen Tunnel. Die Körper der U-Bahn-Surfer sind nur wenige Zentimeter vom Beton der Tunneldecke getrennt. Wie durch ein Wunder wird dabei niemand verletzt.

In einer anderen Sequenz zeigen die Unbekannten, wie sie nachts in den Landwehrkanal hüpfen und die Tiefe des Gewässers an einer bestimmten Stelle ausmessen. Weshalb sie das tun, wird in der nächsten Sequenz erkennbar: Hier sind zwei junge Männer zu sehen, die auf dem Dach einer U-Bahn am Halleschen Ufer entlangrasen.

Auf Höhe des Postbankgebäudes springt dann einer der beiden mit Anlauf vom Zug, fällt viele Meter in die Tiefe und platscht dann lautstark in den Landwehrkanal.

Professionelle Filme und Drohneneinsatz

Auffällig sind dabei die verwendete Kameraausrüstung sowie der Aufwand, den die Surfer betreiben, um ihre tatsächlich professionell wirkenden Filme zu realisieren. So wird der Sprung ins Wasser von mindestens drei Kameras gefilmt: Eine ist direkt auf dem Zug platziert, eine weitere befindet sich bei zwei Komplizen auf einem in der Nähe gelegenen Häuserdach, die dritte Kamera trägt der Springer selbst am Körper.

Sogar an Drohnen befestigte Kameras werden von den lebensmüden Stadt-Surfern eingesetzt, um die irren Aktionen möglichst gut zu filmen. Ein Blick ins Internet reicht, um zu sehen, dass hier schnell Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Euro investiert wurden.

Neben dem Adrenalin-Kick, so vermuten Experten, könnte eine weitere Motivation der vermeintliche Ruhm für die Surfer im Internet sein. Denn die Filme, auf den die halsbrecherischen Stunts gezeigt werden, werden im Netz sehr schnell verbreitet und von Zehntausenden Menschen gesehen.

Die Fahrt endet oft mit dem Tod

Dafür gehen die Surfer immer noch einen Schritt weiter, surfen nackt, sitzen auf den Anhängerkupplungen am Triebwagen einer U-Bahn oder fahren in letzter Zeit auch vermehrt auf Bussen der BVG durch die Stadt. Nach ihrem „Ride“, wie es in der Szene heißt, filmen sich die Surfer sogar dabei, wie sie den geschockten U-Bahn-Fahrern noch fröhlich zuwinken, nachdem sie von der U-Bahn gesprungen sind.

Doch die Jagd nach dem Kick und den Klicks im Internet ist ein Spiel, das nicht nur absolut illegal ist und mit empfindlichen Geldbußen bestraft werden kann, sondern auch oft mit dem Tod endet. Allein in Berlin starben in den vergangenen Jahren vier junge Männer bei ihren Ritt auf S- oder U-Bahnen. Der älteste von ihnen war gerade einmal 22 Jahre alt. 

"Das ist es nicht wert"

Der Vater von einem der verunglückten Surfer hatte nach Angaben der Bundespolizei nach dem Tod seines Sohnes gesagt: „Die Jugendlichen denken nicht daran, dass sie sterben oder sich schwer verletzen könnten. Mit Heldentum haben solche Aktionen nichts zu tun. Sein Leben für einen schnelllebigen Ruhm im Internet zu gefährden – das ist es nicht Wert.“

Dass die Surfer mittlerweile sogar Busse entern, ist auch BVG-Sprecherin Petra Nelken neu, sagte sie auf Anfrage dieser Zeitung. Doch egal ob auf Bussen, S-Bahnen oder U-Bahn-Zügen - solche Aktionen und Videos davon seien „Aufforderung zum Selbstmord“, so Nelken.