BerlinDas Leben geht weiter. Jedenfalls meistens. Das ist eine einfache Erkenntnis, die tatsächlich stimmt. Nun sind also mal wieder die Kinos und Kneipen dicht. Damit ist unser allwöchentlicher Freundeabend ohne Heimat. Doch ein Freund lud uns zu einem abendlichen Internetbesuch ein – Stichwort: „Beobachtetes Trinken am Bildschirm“.

Wir saßen also mit Kopfhörern vor den Computern, telefonierten und jeder trank, was er wollte. Es war fast wie immer, außer dass wir natürlich etliche Kilometer voneinander getrennt waren. Anders war auch, dass uns die üblichen Anregungen für so manche Debatte fehlte. Erstens hatten wir keinen Film gemeinsam gesehen. Zweitens kam keine von diesen ausgefallenen Gestalten vorbei, die sonst immer in Berliner Kneipen zu sehen sind und die die Fantasie und die Gespräche anregen.

So kam es also , dass wir vor allem über „C & P“ sprachen, also über Corona und Pandemie, über all die aktuellen Wichtigkeiten und manche absurde Widrigkeit. Wir regten uns sogar ein wenig stammtischmäßig darüber auf, dass alle Welt immer nur über dieses eine Thema redet.

Am Ende des Abends hatten auch wir fast nur über dieses eine Thema geredet. Selbst Trump konnte uns nicht allzu lange ablenken.

Denn derzeit sind nun mal viele Leute in einer apokalyptischen Stimmung, andere sind in Duldungsstarre verfallen, wieder andere glauben, dass es kein Zufall sein kann, dass ausgerechnet kurz vor der Corona-Zeit eine Musiksendung mit dem Titel „Masked Singer“ ins Fernsehen kam. Ist das etwa auch Teil einer Verschwörung?

Manchmal hilft nur Kopfschütteln und die Erkenntnis: Das Leben geht weiter, und auch Corona wird irgendwann vergessen sein, selbst wenn sich das viele heute nicht vorstellen können. Auch die Spanische Grippe von 1918 war im vergangenen Jahr nur noch Fachleuten ein Begriff. Heute dozieren ganz normale Leute auf der Straße über die Unterschiede zwischen der damaligen ersten und zweiten Welle.

Aber all dieses Wissen wird sich wieder verflüchtigen. Das Gehirn neigt nun mal dazu, die unangenehmen Dinge in den Hintergrund zu schieben. Auch das Gehirn will lieber Spaß haben.

Am Morgen nach dem Internet-Stammtisch sah ich vor einer Schule bei uns in Friedrichshain zwei dieser blauen Masken und dachte über die Langzeitfolgen nach. Der Kunststoffanteil zerfällt doch erst in Jahrhunderten, und dann werden sich die Archäologen bei ihren Ausgrabungen  fragen: Was ist wohl damals um das Jahr 2020 so Weltbewegendes geschehen, dass sich im Boden eine dünne und leicht himmelblaue Kunststoffsicht abgelagert hat. Und dann forschen in 350 Jahren die Forscher in den Archiven nach und stoßen auf die längst vergessene Corona-Zeit.

Da die derzeit aber noch eine Weile andauern wird, müssen wir weiter Abstand halten. Der Freund hat bereits die nächste Einladung zum Internet-Stammtisch verschickt. Dann reden wir aber definitiv über etwas anderes. Zum Beispiel übers Wetter. Das ist auch wichtig, sogar sehr wichtig. Und ebenfalls vergänglich.