Auch Flughafen Tegel betroffen: Auch Mittwoch kommt es bei Air Berlin zu Ausfällen und Verspätungen

In der Krise der Air Berlin hat ein Flugkapitän deutliche Kritik am Management der insolventen Fluggesellschaft geübt. Im Verkaufsprozess lasse die Unternehmensspitze die Beschäftigten bewusst im Unklaren, um Existenzängste zu schüren, heißt es in einem Offenen Brief des früheren Betriebsratsvorsitzenden Hans Albrecht an den Vorstand der Fluggesellschaft. Ziel sei es, sich „vertraglicher Altlasten“ zu entledigen und die Tarife unter Druck zu bringen. „Sie machen sich zum Handlager bei der Demontage eines Berufsstandes“, heißt in dem Brief, den „t-online.de“ verbreitete.

Albrecht fordert die Unternehmensspitze in dem Brief auf, den Air-Berlin-Mitarbeitern zu erklären, auf welche Weise "soviel Arbeitsplätze wie möglich" erhalten werden sollen und mit welchen Perspektiven die Mitarbeiter rechnen können. Erst wenn darauf akzeptable Antworten gefunden würden, würden die notwendigen Voraussetzungen zur Fortführung eines sicheren Flugbetriebs geschaffen, so Albrecht.

Die insolvente Fluggesellschaft hat wegen Krankmeldungen zahlreicher Piloten am Mittwoch 32 Flüge gestrichen. Besonders betroffen seien der Flughafen Berlin-Tegel mit sieben und der Flughafen Düsseldorf mit fünf Ausfällen, sagte eine Sprecherin der Fluglinie am Mittwochmorgen. Die weiteren Ausfälle verteilten sich auf verschiedene Flughäfen. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass im weiteren Verlauf des Mittwochs noch weitere Flüge gestrichen werden müssten.

Diese Air-Berlin-Flüge mit Abflug in Tegel fallen am Mittwoch aus:

Diese Air-Berlin-Flüge mit Ankunft in Tegel fallen am Mittwoch aus:

Es „liegen uns gegenwärtig 149 Krankmeldungen von Kapitänen und First Officers vor“, schrieben Vorstandschef Thomas Winkelmann und seine Kollegen Oliver Iffert und Martina Niemann am Dienstag in einem internen Brief an die Piloten. Dieser Krankenstand habe sich bis Mittwochmorgen nicht verändert, sagte die Sprecherin. Bereits am Dienstag hatten sich etwa 200 Mitarbeiter krank gemeldet, mehr als 100 Flüge fielen aus, Tausende Passagiere waren betroffen. 

Auch Eurowings sagt Flüge ab

Wegen fehlender Air-Berlin-Crews hat auch die Lufthansa-Tochter Eurowings am Mittwoch zahlreiche Flüge abgesagt. Bis zum Mittag wurden 35 Verbindungen aus dem Flugplan gestrichen, wie die Fluggesellschaft über ihre Homepage mitteilte. Sie hat 33 Flugzeuge samt Besatzungen bei der insolventen Air Berlin angemietet.

Ein Sprecher in Köln rechnete mit einer stabileren Situation im Laufe des Tages. Üblicherweise bietet Eurowings 650 Flüge am Tag an. Bereits am Dienstag habe man Dutzende Flüge retten können, indem man Verstärkung aus der Lufthansa-Gruppe eingesetzt habe. Allerdings sei die Planung wegen teils auch sehr kurzfristiger Krankmeldungen von Air-Berlin-Piloten extrem anspruchsvoll.

Flugausfälle verursachen Verluste in Millionen-Höhe

Nach internen Berechnungen kosteten die Flugausfälle das Unternehmen rund fünf Millionen Euro, wie aus einem internen Schreiben von Vorstandschef Thomas Winkelmann an die Piloten hervorgeht. Hinzu kommen drei bis vier Millionen Euro Verlust, die ohnehin pro Tag anfallen. „Kommt Eurer Verantwortung für unsere Passagiere und die Arbeitsplätze aller Air Berliner nach und kommt zur Arbeit, damit wir einen unkontrollierten Zusammenbruch des Unternehmens vermeiden können“, appellierte Winkelmann.

Das Management sprach von einer existenzbedrohenden Situation für die Airline und kritisierte, ein Teil der Belegschaft spiele mit dem Feuer. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit trat dem Verdacht entgegen, zu Krankmeldungen aufgerufen zu haben, und ermahnte gesunde Kollegen, zur Arbeit zu gehen. Auch der Betriebsrat rief dazu auf.

Möglichst viele Arbeitsplätze erhalten

Die erneuten Turbulenzen kommen für Air Berlin reichlich ungelegen, schließlich drängt die Zeit für einen Verkauf. Massenhafte Ausfälle erwecken bei Interessenten nicht gerade Vertrauen. Bleibe es bei diesem Krankenstand, drohe vermutlich eine vollständige Liquidation der Fluggesellschaft, warnte der Generalbevollmächtigte Frank Kebekus im Intranet des Unternehmens. Kebekus soll die Airline sanieren und verhandelt mit der Lufthansa und weiteren Interessenten über einen Verkauf. An diesem Freitag endet die Bieterfrist, eine Entscheidung soll am 21. September fallen.

Für die Verhandlungen mit Interessenten über eine Übernahme von Teilen des Unternehmens seien die Ausfälle „pures Gift“, sagte Kebekus in einer Mitteilung, ebenso für das Ziel, dabei möglichst viele der mehr als 8000 Arbeitsplätze zu erhalten.

Langstreckenmaschinen zurückverlangt

Rund 200 der insgesamt 1500 Air-Berlin-Piloten hatten sich Dienstag kurzfristig krank gemeldet, viele nach Unternehmensangaben erst unmittelbar vor dem Flug. Betriebsleiter Iffert betonte, bei den Flugbegleitern gebe es keine Auffälligkeiten. Er stellte die Krankmeldungen in einem internen Schreiben in Zusammenhang mit Einschränkungen auf der Langstrecke.

Am Montag war bekannt geworden, dass ein Leasinggeber zum 25. September zehn Langstreckenmaschinen zurückverlangt, Air Berlin strich daraufhin die Karibik-Flüge. Jedoch schon zu Anfang des Monats hatten die Berliner zahlreiche Langstreckenflüge aus Berlin und Düsseldorf auf die Streichliste gesetzt.

Angst und Wut

Gewerkschaftsvertreter äußerten daher einen Verdacht: Der Präsident der Vereinigung Cockpit, Ilja Schulz, sagte der „Rheinischen Post“ (Dienstag), es bestehe die Sorge, dass die Langstrecke so unattraktiv gemacht werden solle, dass sie noch vor einer Übernahme eingestampft werden könne. Hintergrund könnte Schulz zufolge sein, dass man die gut bezahlten Langstreckenpiloten dann loswerden wolle. „Die Braut wird quasi für die Hochzeit hübsch gemacht. Das ist ein Skandal, den wir uns so nicht bieten lassen.“

Die verlustreiche Air Berlin hatte Mitte August Insolvenz angemeldet, nachdem ihre arabische Großaktionärin Etihad die Zahlungen eingestellt hatte. Die Gewerkschaft Verdi forderte mögliche Investoren auf, auch die Beschäftigten zu übernehmen. „Schluss mit dem Pokern um die besten Blechstücke, dafür schnelles Handeln für eine Sicherung der Arbeitsplätze zu guten Bedingungen“, forderte Vorstandsmitglied Christine Behle. „Angst und Wut der Air Berliner eskalieren, weil es hier um Existenzen ganzer Familien geht.“ (dpa/BLZ)