BerlinFür Frank Golzow* ist es kurz vor der Mittagspause. Diesen einen Elfgeschosser will er noch schaffen, dann wird er seinen gelben Iveco-Transporter am Straßenrand parken, das Fenster ein wenig öffnen und vielleicht ein paar Videos auf dem Handy gucken. Dazu gibt’s „Stulle und Tee aus der Thermoskanne“. Halbzeitpause eines Paketboten.

Golzow ist seit sieben Uhr mit seinem Transporter in Marzahn unterwegs. 190 Pakete hatte er am Morgen in der DHL-Basis an der B1 in Biesdorf geladen. Inzwischen sind die Regale im Frachtraum nur noch zur Hälfte gefüllt. Bis 16, 17 Uhr werde er noch zu tun haben, sagt er.

Sein Revier sind die Hochhäuser an der Allee der Kosmonauten, etwa 20 Hausaufgänge mit jeweils 30 Wohnungen. Die Pakete packt er auf eine Sackkarre, oft sind zwei Ladungen für einen Hausaufgang nötig. Rein rechnerisch hat er zweieinhalb Minuten für die Zustellung eines Pakets. Das sei okay, sagt er und erzählt, dass er früher in Friedrichshain austrug. „Nur Treppen und viele Hinterhöfe.“ Seitdem schätzt er Plattenbauten mit Fahrstühlen.  Und nun hat ihm Corona auch noch eine Arbeitserleichterung beschert. Weil mehr Pakete zuzustellen sind, hat er weniger Häuser auf seiner Tour. Ein Doppelhochhaus mit 25 Etagen, das er vor Corona belieferte, hat ein Kollege übernommen. Außerdem treffe er mehr Leute zu Hause an als früher, was ihm die Suche nach einem Nachbarn erspare. „Ick kann nicht klagen“, sagt  Golzow. „Allet jut.“

In Berlin verteilt allein DHL derzeit eine halbe Million Pakete - am Tag

Tatsächlich hat Corona das Onlinegeschäft explodieren lassen und ihm Wachstumsraten verschafft, die an seine Pionierzeit erinnern. Lagen die jährlichen Zuwächse zuletzt nur noch im einstelligen Bereich, so wird für dieses Jahr ein Plus von 20 Prozent erwartet. Um 14 auf 72 Milliarden Euro werde laut Handelsverband der Umsatz im E-Commerce zulegen, was zugleich den Paketverkehr befeuert. Beim Bundesverband Paket- und Expresslogistik geht man davon aus, dass in Deutschland in diesem Jahr pro Tag über 800.000 Paketsendungen mehr befördert werden als 2019. Marktführer DHL hatte bereits mit der letzten Novemberwoche so viele Pakete ausgeliefert wie im gesamten Vorjahr. Alles, was danach kam, ist extra.

In der Neuköllner Gradestraße sind wir mit Steffen Hemme verabredet. Als Chef der Berliner Niederlassung Paket bei DHL ist er gewissermaßen der oberste Paketbote der Stadt. Hemme wartet schon. Die klobigen Arbeitsschuhe, die er zu Jeans, Hemd und Sakko trägt, verraten, dass er derzeit nur selten an seinem Schreibtisch sitzt. Der Tag des 56-Jährigen ist eng getaktet. Er pendelt zwischen Paketzentren und führt Telefonkonferenzen von den unterschiedlichsten Orten der Stadt. „Gerade viel los“, sagt er und lächelt, als müsste er die Untertreibung deutlich machen. Das Post-Unternehmen DHL wird in diesem Jahr voraussichtlich 200 Millionen Pakete mehr verteilen als im vergangenen Jahr. Allein im Weihnachtsgeschäft liegt man um ein Viertel über dem Vorjahr. Mit 1,8 Milliarden Sendungen wird gerechnet. In Berlin verteilt allein DHL derzeit eine halbe Million Pakete - am Tag.

Foto: Berliner Zeitung/Jochen Knoblach
Steffen Hemme, Chef der DHL-Niederlassung Paket in Berlin.

Der riesige gelbe Quader, der mit der kurzen Seite an der Gradestraße liegt und wo uns der DHL-Mann empfängt, ist eines von insgesamt acht Paketzentren der Post in der Stadt. Von dort aus werden die Sendungen in die umliegenden Haushalte verteilt. Meist enthalten die Kartons Dinge, die vom Adressaten  erst ein, zwei Tage zuvor per Mausklick bestellt wurden. Der Britzer DHL-Bau ist eine Pumpstation des Onlinehandels. Auf der einen Seite wird sie von schweren Lkw mit Paketen gefüttert, die dann im Inneren zu 200-Paket-Ladungen portioniert und auf der gegenüberliegenden Hallenseite für die Transporter der Boten bereitgestellt werden.

Es ist eine Sortiermaschine von der Größe eines Fußballfeldes. Zwischen Ein- und Ausgang fahren Pakete auf langen Förderbändern durch die Halle. Laserscanner erfassen Lieferadressen und steuern Weichen auf dem Förderweg so, dass sich vor jeder Laderampe genau die Pakete sammeln, die eine optimale Verteil-Tour möglich machen. 52 Transporter können an den Rampen andocken und zeitgleich beladen werden. Normalerweise verlassen die Kastenwagen am Morgen die Basis, eine zweite Staffel folgt wenig später. Wegen der Pandemie und der Ansteckungsgefahr ist jedoch jede zweite Rampe gesperrt, zugleich wurden die Auslieferungen gestreckt. Jetzt werden drei bis vier Wellen am Tag gefahren.

Transportbandrasseln statt Glockenklang - der Sound des Weihnachtseinkaufs

Der Berliner Paket-Chef läuft mit schnellen Schritten an den Bändern entlang, zeigt nach links, dann nach rechts. Vor einem Jahr, sagt er, lief der Betrieb hier noch bis zum frühen Abend. „Jetzt geht's ohne Pause durch, rund um die Uhr.“ Hemme hat Mühe, gegen den Lärm in der Halle anzukommen. Transportbandrasseln statt Glockenklang. Der neue Sound des Weihnachtseinkaufs ist wenig besinnlich.

Hemme ist seit 1993 im Paketgeschäft. Er kennt noch die Zeit, als der Versandhandel in saisonalen Schüben verlief und vor allem vom Erscheinungsdatum der Quelle- und Neckermann-Kataloge bestimmt wurde. Es war die Zeit, als Schuhe noch vorzugsweise im Geschäft gekauft wurden und man den Begriff Umkleidekabine vor allem dem Einzelhandel statt den Bäderbetrieben zuordnete. Erinnerungen.

Seit Jahren ist jeden Tag Hochsaison. Hemme hat die stetigen Zuwächse erlebt, aber nichts, was mit diesem Jahr vergleichbar wäre. Als im Frühling der erste Lockdown durchgesetzt wurde und Läden danach nur noch mit Maske betreten werden durften, sind Hemmes DHL-Basen quasi mit Pakten geflutet worden. Damals hatte er binnen vier Wochen 500 Leute eingestellt. Inzwischen sind weitere 2500 neue Jobs hinzugekommen, während Corona in der Stadt über 50.000 Jobs vernichtet hat. Hemme weiß, dass er zu den Gewinnern der Pandemie gehört, aber er hat auch Jobs geschaffen. Darauf ist er stolz.

Bekanntermaßen geht mittlerweile wenig ohne Paketboten. Sie sind die Synapsen, die den digitalen Handel mit ihrem analogen Dienst zwischen Kauf-Button und Klingelknopf überhaupt erst möglich machen. Erst durch Corona bekommen sie jetzt  gesellschaftliche Anerkennung. Jedenfalls hat Hermes, die Nummer zwei auf dem deutschen Paketmarkt, im Sommer eine Umfrage durchgeführt, nach der vier von fünf Befragten den Boten für ihren täglichen Einsatz dankbar sind. In Sachen Wertschätzung wurden die  Paketzusteller sogar nur knapp hinter den Supermarktmitarbeitern und dem Krankenhauspersonal einsortiert.

Immer mehr Pappe in den blauen Tonnen 

Tatsächlich hat der DHL-Niederlassungschef Hemme inzwischen mehr Bewerber als Stellen. Vor wenigen Jahren war das noch ganz anders. Damals mussten selbst im Weihnachtsgeschäft viele Stellen unbesetzt bleiben. Doch Corona hat den Markt verändert. Da es in Polen keine Kurzarbeit wie in Deutschland gibt, wollen viele bei der DHL anheuern. Etliche aus der Gastronomie oder der Veranstaltungsbranche und Soloselbstständige haben hier eine Überbrückung gefunden. „Wir zahlen ordentlich“, sagt Hemme. Der Einstiegsstundenlohn liegt bei 13,65 Euro.

Was das Mehr an Paketen außerdem bewirkt, ist zum Beispiel in der Reinickendorfer Montanstraße sichtbar. Auf dem Gelände des Entsorgungsunternehmens Bartscherer türmt sich, was die Firma in der Stadt an Pappe mit ihren blauen Tonnen gesammelt hat. „Immer mehr Pappe, immer weniger Papier“, sagt Andreas Siepelt, Co-Chef des Unternehmens. Allein in den zurückliegenden zwölf Monaten sei das Aufkommen an Pappe um bis zu 15 Prozent gewachsen und zum größten Teil dem Onlinehandel zuzuschreiben. Tatsächlich wuchs etwa bei Zalando der Materialeinsatz für Versandverpackungen in den vergangenen Jahren jährlich um etwa 10.000 Tonnen auf 44.000 Tonnen im Jahr 2019.

Und bleibt es dabei? Nimmt der Verpackungsmüll so zu, wie der Onlinehandel weiter wachsen wird? Und wird der Paketbote bald die letzte menschliche Kontaktperson im Einzelhandel sein? Als Mitte November die Pharmaindustrie erste konkrete Erfolge auf dem Weg zu Corona-Impfungen verkündete, ließ die Aussicht auf eine Rückkehr der Normalität im täglichen Leben die allermeisten Börsenkurse in die Höhe schnellen, während interessanterweise Krisengewinner wie Zalando oder Delivery Hero zu den Verlierern gehörten. Allerdings verteuerte sich die Zalando-Aktie inzwischen bereits wieder um zehn Prozent. Die neue Normalität.

* Name geändert