Wahrheit und Lüge können sich manchmal überschneiden.
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BerlinÜber Weihnachten wärmte ich mein Heidenherz an „10 Cloverfield Lane“. Kein neuer Film; also darf ich doch spoilern? Eine Frau hat einen Autounfall. Aus der Bewusstlosigkeit erwacht sie im Tiefbunker eines Preppers, der sie nicht herauslassen und was von einem Angriff durch Außerirdische wissen will. Der angebliche Lebensretter entpuppt sich als Entführer und Mörder. Die Frau entkommt aus dem Verlies. Happy End. Fast. Oben erwarten sie, Überraschung, marodierende Marsianer.

Wie konnte dieser Unhold doch auch recht gehabt haben? Der Mensch sehnt sich nach Eindeutigkeit und Ordnung. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Ohne Raster, Erwartungen und Vorurteile kann sich niemand orientieren. Gleichwohl steckt im Mumpitz eben oft auch Wahrheit. Es ist nur mühsam, danach zu suchen. Wer kann schon ausschließen, dass Donald Trump etwas Sachdienliches einfällt, und sei es aus Zufall? Trotzdem halte ich eine Alien-Invasion vor Mitte März für unwahrscheinlich.

Der extremste Teil steht fürs Ganze

Ein beliebtes Verfahren zur Vereinfachung komplexer Realitäten ist, Thesen und Themen mit ihren schrillsten Inkarnationen zu identifizieren. Der extremste Teil steht fürs Ganze. Auch ich bin nicht frei von solcher Bequemlichkeit. Kennste einen, kennste alle. Der Berliner Energiewende-Professor Volker Quaschning etwa behauptet, Deutschland und sein Kohlendioxid allein seien dafür verantwortlich, dass bis zu zehn Millionen australische Tiere im Feuer starben.

Ein Gedanke, dessen Absurdität manchen dazu verleitet, daraus auf die Relevanz anderer Klimawarnungen zu schließen. Das ist auch nicht cleverer. Angemessener wäre ein Kontrollblick, ob der hyperaktivistische Hochschullehrer seinen Studenten die Hauptsätze der Thermodynamik genauso profund erklärt.

Oder nehmen wir, andere Baustelle, jene Personen, die neulich vor dem Funkhaus in Baden-Baden begeistert johlten, als ein AfD-Politiker den zuschauenden SWR-Redakteuren androhte, sie alsbald aus ihren Büros zu jagen. Dieser Exzess sagt einiges über seine Mitwirkenden. Aber er beglaubigt nicht den ähnlich maßlosen Tweet der für Podien gern gebuchten Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot: „Der öffentlich-rechtliche [Rundfunk, d. A.] IST sakrosankt! Er ist die Grundlage jeder Demokratie.“

Supergut gegen ganz Böse

Alle Folgerungen, die sich aus dieser Überspanntheit ergeben sowie daraus, dass Professorin Guérot zuvor die Wahl Boris Johnsons neben Hitlers Machtergreifung gestellt hatte, betreffen allein sie selbst. Daraus erwächst wiederum keinerlei Beleg fürs Gegenteil, also dafür, dass besagte Sender überflüssig wären.

Völlig unabhängig davon würde in einer idealen Welt die Frage erörtert, ob man Oma von kleinen Mädchen als alte Sau besingen lassen sollte oder doch lieber als rüstige Kuh, Stute, Zibbe, Zicke oder Gans. Im richtigen Leben appellierte WDR-Monitor-Chef Restle an seine Kollegen, „niemals den Eindruck zu erwecken, dass man diesen rechten Kampagnen recht gibt oder vor ihnen einknickt“.

Nichts macht die Welt so übersichtlich wie der Verweis der Superguten auf die ganz Bösen. Quatsch gegen Mumpitz, das aktiviert immunisierende Antikörper schneller als jede Grippeschutzimpfung. Ach. Einstweilen gehe ich davon aus, dass sich derzeit nicht alle ARD-Verantwortlichen fühlen wie weiland Wagenburgler beim Angriff der Komantschen.