Viel Beton, gleichförmige Glasfenster, ein acht Meter hoher Arkadengang an der Gertraudenstraße und auf dem Dach an der Breiten Straße ein 27 Meter hohes Türmchen. So gestaltet das sich modern gebende Berlin seine ursprüngliche, seine historische Mitte.

Über monotone 08/15-Architektur kommt die Stadt allerdings nicht hinaus. Und das an dieser prominenten Stelle, denn hier ist der Gründungsort der Doppelstadt Berlin und Cölln. Wo jetzt der Projektentwickler Hochtief ein Hotel mit 144 Zimmern errichtet und am Mittwoch Richtfest gefeiert hat, stand historisch das Alt-Cöllner Rathaus. Spuren davon haben Archäologen bei Ausgrabungen zwar nicht mehr gefunden, allerdings konnten sie die Grundmauern von angrenzenden Bürgerhäusern aus dem 18. Jahrhundert freilegen.

Ein Teil der Backsteinmauern wird erhalten. „Wir werden diesen historischen Wert wieder sichtbar machen“, sagt Berlins Hochtief-Chef Gordon Gorski. Dazu soll in den Boden der Hotellobby eine achtmal fünf Meter große Glasplatte eingelassen werden, durch die die Gäste auf die alten Mauern hinabblicken können. Das Türmchen auf dem Dach wiederum soll – wohl eher symbolisch – an den Turm des Cöllner Rathauses erinnern.

Drei Religionen unter einem Dach

Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) ist sich der Bedeutung des Ortes zwar bewusst, beschleunigen kann er die Entwicklung dort aber auch nicht. So ist noch immer nicht absehbar, wann der Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz sein „House of One“ am Standort der alten Petrikirche errichten wird. Dieses Haus mit einer Moschee, einer Kirche und einer Synagoge unter einem Dach sowie einem zentralen Raum der Begegnung bezeichnet Geisel als ein „wunderbares Signal in einer Zeit, in der Fundamentalisten versuchen, die Gesellschaft zu spalten und Hass zu säen“.

Doch die Finanzierung für das Bet- und Lehrhaus, das 43 Millionen Euro kosten soll, ist längst nicht sicher. Zunächst will der Verein, Gründungsmitglieder sind unter anderen die evangelische Marienkirche sowie die Jüdische Gemeinde, zehn Millionen Euro Spenden sammeln, um mit dem Bau beginnen zu können. Eine Million Euro davon hat der Verein zusammen. „Wir sind optimistisch, dass es gelingen wird, 2018 den Grundstein zu legen“, sagt Sprecherin Anna Poeschel. Die Spender kämen inzwischen aus 40 Ländern, jetzt sei man mit Leuten im Gespräch, die größere Summen beisteuern wollen.

Dass hier ein interreligiöses Zentrum entstehen soll, hatte das Land vor rund zehn Jahren noch nicht geplant. Vielmehr sollte der einstige Petriplatz lediglich als Grünfläche gestaltet werden, flankiert von zwei Geschäftshäusern. 2007 begann dann aber die Archäologin Claudia Melisch auf dem Gelände zu forschen. Und sie machte in den folgenden zwei Jahren sensationelle Entdeckungen. Sie fand unter anderem mehr als 2000 Gräber und 3716 Skelette, die aus der Zeit zwischen 1200 und 1717 stammen.

Zudem ist sie auf die Grundmauern einer alten Lateinschule gestoßen sowie auf die Überreste der ehemaligen Petrikirche. Die Kirche wurde erstmals 1285 namentlich erwähnt, im Zweiten Weltkrieg aber stark zerstört. Die DDR ließ die Ruine 1964 abreißen und übernahm gegen eine geringe Entschädigung an die Kirche das Grundstück. Nach der Wiedervereinigung wurde festgestellt, dass es eine rechtmäßige Enteignung war. Das Land Berlin stellt das Grundstück für das House of One nun kostenfrei zur Verfügung.

Wegen der spektakulären Ausgrabungen hat der Senat entschieden, am Petriplatz ein archäologisches Zentrum zu bauen. Die Fundamente der Lateinschule sollen zugänglich gemacht werden, auch die Grundmauern der Petrikirche.

Knochenhaus für Skelette

Zudem wird ein Bein- und Knochenhaus für die Skelette integriert. Allerdings fehlt auch dem Land die Finanzierung für das Zentrum, etwa 20 Millionen Euro wird es kosten. Laut Senator Geisel könnte es frühestens ab 2019 errichtet werden, weil das Projekt anders als derzeit die Schulen keine Priorität habe. Auf anderen Freiflächen sollen einmal Wohnungen gebaut werden.

Vorerst bleibt es am Petriplatz aber nur beim Hotel. Hochtief will es 2017 an das Londoner Unternehmen Frasers Hospitality übergeben. Geschäftsleute sollen dort wohnen, die längere Zeit in Berlin bleiben. Die Apartments mit Kochecke sind 26 Quadratmeter groß. Auch Restaurants wird es geben – inklusive Blick in die Geschichte.