Fliegerbombe in Potsdam (Symbolbild). 
Foto: dpa/Julian Stähle

PotsdamUm genau 11.05 Uhr konnt die Einsatzleitung in Potsdam den Sperrkreis im Ortsteil Pirschheide wieder aufheben: Kurz zuvor hatte Sprengmeister Mike Schwitzke vom Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg eine nicht explodierte 100-Kilogramm-Fliegerbombe sowjetischer Bauart entschärft. Es war ein Blindgänger, der bei der systematischen Suche nach Altmunition in der Landeshauptstadt im Ortsteil Pirschheide gefunden wurde.

Die Fliegerbombe lag 40 Zentimeter unter der Erde. Jede betroffene Stadt zählt alle Blindgänger, die dort seit 1990 entschärft werden mussten. Potsdam ist nun bei Nr. 202 angekommen. Es wurde dort noch viel mehr Altmunition entsorgt, aber in der Statistik werden nur Sprengkörper ab 100 Kilogramm erfasst.

Allein fünf Blindgäner in der "Stadt der Bomben"

In Oranienburg – das auch „Stadt der Bomben“ genannt wird – wurde zuletzt vor einer Woche ein 500-Kilo-Blindgänger entschärft. In Oranienburg sind es sogar noch mehr Bomben als in Potsdam. Die Stadt Oranienburg gab bekannt, dass es sich um Weltkriegsbombe Nr. 209, die allein in der Stadt Oranienburg seit dem Ende der DDR entschärft wurde. Nun soll am Donnerstag Nr. 210 folgen. Dann soll in Oranienburg, nordwestlich von Berlin, eine 250-Kilo-Bombe im Friedrichsthaler Forst gesprengt werden. Auch dort ist ein etwa 800 Meter großer Sperrkreis geplant. Das Gebiet umfasst fast den gesamten Gewerbepark Nord mit 38 betroffenen Firmen und zwei privaten Häusern.

In Oranienburg wurden in diesem Jahr bereits fünf Blindgänger entschärft, eine Bombe konnten nicht von den Sprengmeistern unschädlich gemacht werden, sondern musste gesprengt werden.

152 Leute sicherten den Sperrkreis in Potsdam

Bei der Entschärfung am Dienstag in Potsdam galt es einen 800 Meter Sperrkreis rund um den Fundort der nicht explodierten Weltkriegsbombe zu sichern. Obwohl der Sperrkreis im wenig bewohnten Außenbereich von Potsdam liegt, musste das "Seminares See-Hotel" und ein Wassersportverein evakuiert werden. Insgesamt 152 Einsatzkräfte sicherten den Sperrkreis ab. 121 arbeiten in der Stadtverwaltung, dazu kamen Polizisten, Feuerwehrleute, Bundespolizisten.  Die Kosten für die Entschärfung trägt das Land, aber die Kosten für die Sicherungsmaßnahmen müssen die Kommunen tragen.

Grundsätzlich ist das Problem, dass Brandenburg noch immer das Bundesland mit den meisten explosiven Altlasten im Boden ist. Das liegt vor allem daran, dass rings um Berlin am Ende des Zweiten Weltkriegs große Schlachten tobten und noch immer massenhaft Blindgänger im Boden stecken oder auch viel Munition damals einfach in Bombentrichtern verbuddelt wurde. Besonders betroffen sind die Städte Oranienburg, Potsdam und Schwarzheide.

In Schwarzheide in der Lausitz war ein wichtiger Standort der chemischen Industrie der Nazis, die dort synthetisches Benzin herstellen ließen, um sich im Krieg von Importen unabhängig zu machen.

Oranienburg besonders betroffen

In Oranienburg wiederum vermuteten die Alliierten Teile des NS-Atomprogramms. Die Stadt war im Zweiten Weltkrieg als Standort der chemischen Industrie und als ein Ort mit Rüstungsbetrieben ein vorrangiges Ziel alliierter Luftangriffe. Dort wurden besonders viele Großbomben mit chemischem Langzeitzünder abgeworfen. Allein beim schwersten Angriff auf die Stadt warfen die Alliierten Bomber am 15. März 1945 mehr als 4.000 Fliegerbomben mit chemischem Langzeitzünder ab.

Die Blindgängerquote war bei diesen höher als bei Bomben mit anderen Zündern. Die Fehlerquote wird auf zehn Prozent geschätzt. Die Blindgänger liegen mit einsatzfähigem Sprengstoff im Boden. Bei den chemischen Zündern sind zwei Flüssigkeiten mit einer dünnen Papierwand voneinander getrennt. Sie kann jederzeit durchgefressen werden und kann zur Explosion kommen.

Oranienburg wurde im August 2018 von der Landesregierung zur Modellregion bei der Kampfmittelbeseitigung erklärt. Der Zentraldienst der Polizei mit seinem Kampfmittelbeseitigungsdienst hat auf dem Gebiet der Stadt probeweise für drei Jahre zusätzliche Aufgaben übernommen, um die Kampfmittelbeseitigung und Bombenentschärfung noch effektiver zu organisieren.

Foto: dpa/Julian Stähle
Die Entschärfer und die Altlasten

Sprengmeister Mike Schwitzke am Dienstag im Sprengloch in Potsdam

Altmunition: Die Beseitigung der Kampfmittel vor allem aus dem Zweiten Weltkrieg gilt als eine Aufgabe für mehrere Generationen und kostet sehr viel Geld. Für die Beseitigung des explosiven Kriegserbes stellte das Land Brandenburg seit 1991 mehr als 400 Millionen Euro zur Verfügung.

Rechtslage: Den Großteil der Kosten muss das Land selbst tragen. Früher übernahm der Bund nur die Kosten für die Räumen von Weltkriegsmunition, die aus deutscher Produktion stammte. Doch das war nur ein verschwindend kleiner Teil. Die meisten Blindgänger stammen von den Alliierten.

Debatte: Seit etwa 20 Jahren kämpft Brandenburg dafür, dass der Bund für die gesamtgesellschaftliche Aufgabe mehr Geld gibt. Nun übernimmt der Bund bis zur Hälfte der Kosten für die Beseitigung alliierter Munition.

Belastung: Das Land Brandenburg weist trotz aller Räummaßnahmen noch immer den höchsten Anteil an munitionsbelasteten Gebieten aller Bundesländer auf. Neben den aktuell oder ehemals militärisch genutzten  Flächen  stehen  immer  noch  etwa 350000 Hektar zivil genutzter Fläche unter Kampfmittelverdacht.