(Fast) Kein Flugzeug wird kommen. Leere in Tegel.
Foto: Markus Wächter

BerlinFrankfurt, Helsinki, Amsterdam. Viel mehr Ziele sind in Tegel nicht übrig geblieben. „Noch vor Kurzem war hier so viel los, dass auf der Anzeigetafel gerade mal das Programm für die nächsten zwei bis drei Stunden Platz fand“, sagt Patrick Wolf von der Flughafengesellschaft FBB. Inzwischen ist der Verkehr so geschrumpft, dass die Tafel auch die Starts der nächsten zwei bis drei Tage auflistet. Der einst wichtigste Flughafen der Region würde gut in eine Geisterstadt passen. Ende April soll entschieden werden, ob dort der Betrieb erst einmal eingestellt wird. Doch das Bundesverkehrsministerium will Tegel nicht sterben lassen.

In Terminal A hört man jeden Schritt. Bis auf die Apotheke sind alle Geschäfte geschlossen, die Schalter sind verwaist. In dem sechseckigen Gebäude checkt keiner mehr ein. Wolf läuft durch die menschenleeren Gänge.„Ich arbeite seit acht Jahren in Tegel“, erzählt er. „Aber so etwas habe ich bislang nicht erlebt. Viele Kollegen sind länger als 30 Jahre hier, für die ist das schon sehr krass.“

Engelbert Lütke Daldrup leitet die Flughafengesellschaft seit drei Jahren. Auch ihn lasse der Anblick nicht kalt, erzählt er. „Für einen Flughafenchef ist es ein merkwürdiges Gefühl, die leeren Terminals zu sehen. Flugbetrieb ist nun einmal unsere Geschäftsgrundlage. Wenn er ausbleibt, gefährdet das die ökonomische Grundlage der Flughafengesellschaft.“

Rund 80 Flugzeuge parken auf Berliner Flughäfen

Ein Beispiel: In Tegel und Schönefeld müsse die FBB täglich im Schnitt insgesamt auf rund eine Million Euro Umsatz verzichten.  Eine andere Zahl: „In Tegel konnten wir seit Anfang April 2020 an keinem Tag mehr als tausend Passagiere verzeichnen.“ Zum Vergleich: Vor der Corona-Krise wurden beide Flughäfen an normalen Tagen von insgesamt rund 100.000 Passagieren genutzt. Davon stiegen 70.000 in Tegel ein oder aus. An Spitzentagen, zu denen die Osterreisesaison zählte, wurden bis zu 80.000 Fluggäste gezählt.  

Sie werden nicht gebraucht: Easyjet-Flugzeuge parken auf dem Tegeler Vorfeld.
Foto: Markus Wächter

Vergangen, vorbei. Lütke Daldrup erwartet keine rasche Erholung. „Über das kommende Sommergeschäft machen wir uns keine Illusionen“, sagt er. „Die meisten Analysten rechnen frühestens für 2021 damit, dass die Nachfrage wieder deutlich ansteigt. Pessimisten erwarten dies erst für 2023“, so der Flughafenchef. Wie schlecht die Lage ist, zeigten auch die vielen abgestellten Flugzeuge, die derzeit nicht benötigt werden. „Auf dem BER hat die Lufthansa rund 30  Maschinen geparkt, weitere 20  Flugzeuge von EasyJet und  Ryanair stehen ebenfalls dort. In Tegel stehen fast 30 Maschinen", heißt es.

„Bislang gab es in Tegel bis zu 550 Flüge am Tag“, erzählt Terminalmanager Wolf. Am Donnerstag   wurden dagegen nur zehn Abflüge angezeigt, von denen einer auch noch gestrichen wurde. Die Zahl der Direktverbindungen zu anderen Kontinenten war schon vor Corona niedrig, jetzt gibt es nur noch eine – nach Doha in Katar auf der Arabischen Halbinsel.

„Unsere Einschätzung ist, dass touristischer Verkehr kaum noch stattfindet“, so Wolf. Auch die Fragen, die Flughafenmitarbeitern gestellt werden, hätten sich geändert, sagt der 36-Jährige. „Jetzt geht es darum, wer noch wohin fliegen darf, welche Einreisebestimmungen nun gelten. Manchen Fluggästen merkt man an, dass sie eine lange Odyssee hinter sich haben, weil viele Reisewege komplizierter geworden sind.“

Monatlich ließen sich sieben Millionen Euro sparen 

Bei seinem Rundgang ist Wolf in Terminal C angelangt, dem einzigen Teil des Tegeler Flughafens, in dem noch Verkehr stattfindet. Wo Fahrzeuge Schlange standen, verlieren sich drei Taxis vor dem Zweckbau. Die Wartehalle, die sich jenseits der Sicherheitskontrolle an den Gates erstreckt, erinnert an ein Filmset, das von den Schauspielern und der Crew fluchtartig verlassen worden ist. Kein Passagier ist in Sicht, der nächste Flug geht erst in anderthalb Stunden. Am Augustiner-Ausschank, wo normalerweise das Bier für neun Euro pro Liter in Strömen fließt, warten drei Brezeln und ein paar Croissants offenbar schon länger auf Käufer. Zwei Flughafenmitarbeiter räkeln sich gähnend auf den Sesseln, auf denen man nach Münzeinwurf massiert wird. Endzeitstimmung.

Auch sie werden nicht mehr gebraucht. Treppen, auf denen bislang Passagiere in die Flugzeuge stiegen, stehen ungenutzt auf dem Vorfeld in Tegel. 
Foto: Markus Wächter

„Ich verstehe die Emotionen, die wach werden, wenn es um den Flughafen Tegel geht“, sagt Flughafenchef Lütke Daldrup. „Aber als Verantwortlicher muss ich die Unternehmenszahlen im Blick haben“, und die sind sehr schlecht. Zwar habe die FBB schon einiges unternommen, um Kosten zu sparen. Zahlreiche Beschäftigte seien in Kurzarbeit, und es gebe einen Einstellungsstopp. Er und andere Manager hätten sich darauf geeinigt, auf einen Teil des Gehalts zu verzichten. Auch das wurde bereits berichtet. Diese und weitere Maßnahmen würden die laufenden Kosten für 2020 um einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag senken, erzählt Lütke Daldrup.

„Aber das genügt noch nicht. Wir müssen weitere Einsparmöglichkeiten erschließen. Die vorübergehende Einstellung des Flughafenbetriebs in Tegel würde uns von Kosten in Höhe von sieben Millionen Euro pro Monat entlasten“, rechnet er vor. Dies würde auch auf andere Art nutzen: Die Mitarbeiter der Tegeler Flughafen-Feuerwehr könnten an anderen Stellen  eingesetzt werden.

„Die vorübergehende Schließung Tegels ist kein Präjudiz“, betont Lütke Daldrup. Sie soll nicht dazu dienen, die für November 2020 geplante endgültige Stilllegung vorzuziehen. „Wir werden den Flughafen betriebsbereit halten, und sobald er wieder benötigt wird, könnte er  kurzfristig wieder geöffnet werden.“

Gesellschafter sagen bis zu 300 Millionen Euro zu

Doch das Bundesverkehrsministerium lehnt den Plan weiterhin ab. „Jederzeit können neue Anforderungen im Bereich der Logistik und insbesondere im Bereich der Krankenversorgung entstehen“, sagt Simone Buser, Sprecherin von Minister Andreas Scheuer (CSU). Nötig sei eine „flexible Infrastruktur sowohl in Berlin als auch in Brandenburg“.  „Die Verlagerung der Versorgung auf einen Standort und damit allein auf das Land Brandenburg bietet in dieser Situation keine ausreichende Sicherheit“, warnt sie.

Grafik: BLZ/Hecher
Quelle: FBB

Ein weiteres Argument aus dem Verkehrsministerium: "Um Deutschland und die Region Berlin und Brandenburg stabil zu halten, muss im gesamten Verkehrsbereich, so auch im Luftverkehr, eine stabile Grundversorgung gewährleistet werden. Für eine bedarfsgerechte Luftverkehrsanbindung zur Versorgung mit wichtigen Gütern und der Aufrechterhaltung der erforderlichen Konnektivität ist ein sorgfältig abgestimmtes, koordiniertes Vorgehen auf einer ausreichend sicheren Tatsachengrundlage erforderlich", mahnt Scheuers Sprecherin. "Auch dies steht einem jetzigen Antrag auf temporäre Befreiung des Flughafens Tegel entgegen."

Kosten werde der Flughafen Tegel auch dann verursachen, wenn kein Betrieb stattfindet, so Buser weiter. Geld sei in Sicht: Um die Folgen der Pandemie zu mildern, hätten Berlin, Brandenburg und der Bund der FBB eine Eigenkapitalerhöhung von bis zu 300 Millionen Euro zugesagt.  

Jurist sieht rechtliche Hürden für die Schließung

Der Berliner Jurist Elmar Giemulla ist ebenfalls skeptisch. Wenn der Verkehr zwischen Tegel und Schönefeld neu aufgeteilt werden soll, müsste die Bundesregierung dies bei der Europäischen Union beantragen, sagte der Spezialist für Luftverkehrsrecht der Berliner Zeitung. Das EU-Recht, insbesondere die Verordnung 1008/2008, sehe dfür feste Regeln vor. Abgesehen davon haben alle Airlines der Europäischen Union innerhalb der EU ein Recht auf freien Zugang zu allen Flughäfen. Der FBB-Plan könne nur dann funktionieren, wenn die Tegeler Airlines freiwillig nach Schönefeld wechseln. "Die Aufhebung der Betriebspflicht kann nur den Sinn haben, renitente Luftfahrtunternehmen nach SXF herüberzukomplimentieren". Giemulla zieht den Schluss: „Wenn nur ein einziges Unternehmen auf seinem Recht besteht, bricht die Idee zusammen.“

„Der Antrag ist vorbereitet, doch wir haben ihn noch nicht bei der Obersten Luftfahrtbehörde eingereicht“, sagt Flughafenchef Lütke Daldrup. „Ende April 2020 werden wir das Thema noch einmal mit den Gesellschaftern besprechen.“ Dem Vernehmen nach soll der Aufsichtsrat am 29. April zusammenkommen, um über das Schicksal von Tegel zu entscheiden.