Berlin - Schon die ganze Woche ging es drunter und drüber, wenn man Kinder in einer Berliner Kita hat. Am Anfang der Woche wurde beschlossen, dass Kinder mit Schnupfen (aber ohne Fieber) nicht mehr wie bisher in die Betreuung dürfen, es sei denn, die Eltern weisen einen negativen Corona-Test nach. Am Montag hieß es von der Senatsgesundheitsverwaltung, Kinder unter sechs könnten in den kostenlosen Teststellen getestet werden. Einen Tag später meldeten sich mehrere Kita-Eltern, die von den Teststellen abgewiesen wurden: Getestet würden Kinder erst ab sechs. Im Laufe des Tages korrigierte die Senatsgesundheitsverwaltung ihre Darstellung. Die kostenlosen Teststellen führten keine Tests bei Kindern unter sechs durch, die Eltern müssten das privat organisieren. Wie das Eltern machen sollen, die sich die Sets nicht leisten können, blieb unklar. Wie so oft in der Pandemie wird die Bekämpfung des Virus ins Private verlagert.

In WhatsApp-Gruppen tauschten sich Kita-Eltern darüber aus, wo man denn noch Selbsttests kaufen könne, in vielen Apotheken seien sie ausverkauft. Alle verfügbaren Kontakte zu Medizinern, Apothekerinnen sind plötzlich Pandemiegold. Links zu Internetläden, wo man noch Tests bekam, wurden von besten Freunden unter der Hand mit Bitte um Geheimhaltung weitergegeben.

Aber immerhin freuten sich die Eltern, dass die Kitas offen waren. Erst seit wenigen Wochen waren fast alle aus der Gruppe wieder da, man spürte, wie gut es den Kindern tat, wieder unter Gleichaltrigen zu sein, in der Gruppe Geburtstag zu feiern oder Ostern, kleine Projekte zu planen.

Doch nun die Kehrtwende: Am Gründonnerstag beschloss der Senat, dass die Kitas ab 8. April, nächsten Donnerstag, nun wieder geschlossen werden. Nur ein Notbetrieb werde angeboten, wie in den Monaten zuvor. Damit hat die Politik zunächst einmal ein Versprechen gebrochen: Hatten nicht alle Verantwortlichen, denen man ein Mikrofon vor die Nase hielt, mal gesagt, Kitas und Schulen würden beim nächsten Lockdown zuletzt geschlossen? War nicht versprochen worden, dass man erst alles andere dicht machen würde, um sich eine Gefahrenquelle zu erlauben?

Nun werden die Kitas zugemacht, ob die Schulen nach den Ferien wieder öffnen dürfen, blieb unklar – Shops und Büros bleiben aber offen. Dabei sind die Büros im März so voll wie lange nicht in der Pandemie gewesen, nur rund 22 Prozent der Menschen fahren nicht zur Arbeit, zeigen neue Daten. Offenbar halten es Erwachsene kaum in den eigenen vier Wänden aus, aber Kinder sollen zu Hause bleiben.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller begründete die Entscheidung damit, dass das Infektionsgeschehen bei Kindern wegen der neuen Mutante höher sei. Er gab aber auch zu, dass es darum ginge, Kontakte insgesamt zu reduzieren. Weil man bei der Wirtschaft nicht richtig durchgreifen kann oder will, aus welchen Gründen auch immer, wird das Leben der Kinder eingeschränkt.

Es geht gar nicht darum, die Ansteckungsgefahr für das Personal und auch die Kinder kleinzureden. Aber auch bei der Vorsorge ist viel versäumt worden: Warum gibt es keine verpflichtenden regelmäßigen Tests für Erzieherinnen wie in anderen Bundesländern? Warum werden Impftermine verschleppt? Warum gibt es keine Tests für kleine Kinder?

Als weiteren Grund für die Kita-Schließungen erwähnte Müller, dass es darum gehe, Kontakte im „Umfeld der Kita“ zu reduzieren. Was er damit meinte, blieb etwas wolkig. Anders als bei Schulen liegen Kitas meist in Wohnortnähe, Benutzung von Bus und Bahn ist also seltener. Drinnen tragen alle Maske: Und die Zeiten, in denen Eltern miteinander drinnen in der Garderobe plaudern, sind längst vorbei. Irritierend ist auch, dass der Beschluss getroffen wurde, ohne den Eltern wenigstens eine weitere Unterstützung anzubieten, eine Verlängerung der Kinderkrankentage zum Beispiel. Bei vielen dürften die zwanzig Tage aufgebraucht sein, schließlich waren die Kitas auch im Januar und Februar im Notbetrieb.

Die Hamburger Schriftstellerin Kristine Bilkau schlug kürzlich auf Twitter vor, Kindern und Jugendlichen, die gerade tapfer alles wegstecken und mitmachen, nach dem Ende der Pandemie ein Jahr lang umsonst Kino, Schwimmbad, Museum, Lesungen inklusive Bus & Bahn zu schenken. Berlin sollte den Anfang machen.