Auf dem Weg zur Gleichberechtigung: In Brandenburg verdienen Frauen mehr als Männer

Potsdam - Männer bekommen in Deutschland mehr Geld als Frauen – ob sie es auch verdienen, ist eine andere Frage. Aber der klare Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen ist eine feste Größe in der Bundesrepublik, trotz aller Erfolge der Emanzipation.

Doch es gibt Bundesländer, in denen Frauen mehr als die Männer bekommen. Das sind allesamt ostdeutsche Länder: Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Brandenburg ist dabei klar der Spitzenreiter. Dort verdienen die Frauen im Mittelwert 2501 Euro, die Männer aber nur 2374 – das sind immerhin 127 Euro mehr für die Frauen. Bei den beiden anderen Ländern liegen die Unterschiede bei 44 und 42 Euro.

Die Daten stammen von der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg, die BZ hatte zunächst darüber berichtet. Es sind die aktuellsten Zahlen, die von Ende 2016 stammen. Verglichen wurden dabei die monatlichen Bruttoarbeitsentgelte von sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten.

Das Industrie-Argument

Die Fachleute weisen darauf hin, dass es verschiedenste Gründe für eine solche Entwicklung bei den Löhnen gibt. „Ein Hauptgrund dürfte die Brandenburger Wirtschaftsstruktur sein“, sagt Johannes Wolf von der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg. „In Regionen mit einem hohen Anteil des verarbeitenden Gewerbes verdienen Männer in der Regel mehr als dort, wo Dienstleistungen dominieren – und in der Industrie herrscht ein höherer Männeranteil.“ Das heißt, dort wo es weniger Industrie und mehr öffentlichen Dienst gibt, sind die Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen nicht so groß.

Mit dem Industrie-Argument ist auch erklärbar, warum es alles ostdeutsche Länder sind, in denen Frauen mehr verdienen. Dort gingen nach dem Ende der DDR massenhaft Industriearbeitsplätze verloren, die einst „Volkseigenen Betriebe“ wurde privatisiert, etliche wurden geschlossen oder gingen pleite. Ostdeutschland ist inzwischen vergleichsweise deindustrialisiert.

Arbeit gibt es vor allem im Dienstleistungsgewerbe, in staatlichen Verwaltungen, in der Gastronomie, in der Tourismusbranche und in der Landwirtschaft.

Die ostdeutschen Regierungen heben immer wieder hervor, dass sie um jeden Industriearbeitsplatz kämpfen, da dort das Lohnniveau nun mal höher ist. In Brandenburg gibt es in der Industrie und im verarbeitenden Gewerbe nicht mal 100.000 Arbeitsplätze – bei 1,1 Millionen Beschäftigen. Das sind weniger als zehn Prozent. Der Bundesschnitt liegt bei knapp 18 Prozent, in Bayern sind es 21 Prozent.

Frauen arbeiten häufiger Teilzeit

„Das Ergebnis für Brandenburg überrascht zunächst“, sagt Annika Klose, Sprecherin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Aber die Zahlen über die besseren Löhne der vollbeschäftigten Frauen sind nicht aussagekräftig für die gesamte Arbeitswelt.

Denn der Anteil jener, die Teilzeit arbeiten, ist bei Frauen viel höher. „Der gute Wert in Brandenburg ist erklärbar durch die stärkere Erwerbsbeteiligung der Frauen im Osten, aber auch dadurch, dass sie oft besser ausgebildet sind und dass der Anteil der Frauen im öffentlichen Dienst in Brandenburg recht hoch ist.“

Dies bestätigt auch Johannes Wolf von der Arbeitsagentur: „Im öffentlichen Dienst arbeiten mehr Frauen. Und dieser Sektor ist in Brandenburg besonders stark ausgeprägt.“ Das trage statistisch dazu bei, dass Frauen im Vergleich zu Männern im Durchschnitt mehr verdienen.

„Zwischen Elbe und Neiße ist das eine Besonderheit im Vergleich zum Bundesgebiet“, sagt er. „Wir machen diese Beobachtung auch in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, allerdings weniger stark ausgeprägt.“

Auch in Berlin verdienen Frauen gut

Der DGB hebt noch einen weiteren Punkt hervor: In Brandenburg gibt es besonders positive Effekte für die Einkommensentwicklung seit Einführung des Mindestlohnes. So sei der Anteil der geringfügigen Beschäftigung seit Januar 2015 um 3,6 Prozent gesunken und der Anteil der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung stieg um 5,6 Prozent. Auch sind die Löhne der Frauen in Brandenburg mit dem Mindestlohn stärker gewachsen. Bei Männern gab es ein Plus von 8,5 Prozent, bei Frauen von 10,3 Prozent.

Aber auch für die Verdienste von Frauen in Berlin gibt es Positives zu berichten. Zwar werden Frauen in Berlin schlechter bezahlt als Männer, aber überraschenderweise bekommen sie in der „Arm-aber-sexy-Hauptstadt“ mehr Geld als Frauen im Bundesdurchschnitt – und auch mehr als die Frauen im westdeutschen Schnitt.

Die Männer in Berlin verdienen 3082 Euro, die Frauen 2971 Euro – sie verdienen damit 138 Euro mehr als die Frauen bundesweit und sogar 67 Euro mehr als die Frauen in Westdeutschland. Und im Bundesvergleich liegen die Berliner Frauen damit sogar auf Platz vier hinter Hamburg mit dem Spitzenwert von 3187 Euro sowie Hessen und Baden-Württemberg.

Gute Arbeitsmöglichkeiten

Als einen wichtigen Grund für die relativ gute Bezahlung von Frauen in Berlin nennt Doris Wiethölter – Expertin beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit –, dass Frauen hier vergleichsweise gute Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten hätten, vor allem in den Bereichen Finanz- und Versicherungsgewerbe, Handel, Immobilienwirtschaft, Erziehung und Unterricht sowie öffentliche Verwaltung.

Bei den Daten der Bundesagentur wurden übrigens nicht die klassischen Durchschnittswerte errechnet, das heißt: Es wurde nicht eine Vielzahl von Löhnen zusammengefasst und dann der Mittelwert gebildet. Sondern es wurde ein sogenannter Median ermittelt. Dabei werden für die einzelnen Bundesländer lange statistische Zahlenreihen mit Löhnen erstellt und nach ihrer Höhe gruppiert. Und dann wird genau jener eine Lohn ermittelt, der genau in der Mitte steht.
Das heißt: Im Fall der Bruttoeinkommen verdient die eine Hälfte der Personen im Land weniger als der Median, die andere Hälfte mehr.

Der Wert gilt sogar als aussagekräftiger als beim Durchschnittswert, denn es gibt potenziell weniger Verzerrungen, die durch besonders viele hohe oder niedrige Werte an den Enden der Zahlenreihe entstehen können.